zur Navigation springen

Zugvögel rasten länger in der Marsch : Bauern im Kreis Pinneberg klagen über Gänseplage

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Population der Weißwangengänse in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Bauern in der Region fordern Entschädigungen.

Kreis Pinneberg | Bauern aus Nordfriesland, Dithmarschen und längs der Elbe klagen immer lauter über Gänse, die ihre Felder plündern. Nachdem neue Zahlen zur Entwicklung der Populationen bekannt geworden sind, fordern sie die Landesregierung auf zu handeln. „Wenn sich nichts bewegt, müssen wir auch eine Klage gegen das Land prüfen“, sagt Georg Kleinwort, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Pinneberg.

„Die Tiere bleiben nicht auf den Naturschutzflächen, sondern machen sich über unser Grün- und Ackerland her, weil dort das Futter besser ist“, sagt Kleinwort. Die Gänse fräßen Saat und junge Pflanzen. Die Masse von Gänsekot mache oft den ersten Schnitt auf Grasflächen unmöglich. Etwa 250 Hektar würden jährlich im Kreis geschädigt, 150 davon schwer. „Wenn Ackerland etwa umgebrochen werden muss, weil nichts mehr vernünftig wächst, haben wir einen Totalausfall. Dann sprechen wir von schwer geschädigten Flächen.“ Etwa 100 Hektar würden mittelschwer geschädigt. Dort lägen die Ertragsausfälle bei etwa 30 bis 50 Prozent. Den wirtschaftlichen Schaden beziffert Kleinwort mit bis zu 600.000 Euro pro Jahr. Die größten Probleme gebe es in der Elbmarsch. „Doch die Gänse lassen sich inzwischen auch im Nordteil des Kreises nieder“, sagt Kleinwort.

Ein Grund für den Druck auf die landwirtschaftlichen Flächen sieht Kleinwort in der Vegetation der Naturschutzgebiete. „Da wachsen, vereinfacht gesagt, nur noch Schachtelhalm, Ampfer und Brennnesseln. Das fressen die Gänse nicht.“

Versuche, die Tiere mit Schussanlagen zu vertreiben, seien gescheitert. Der Bauernverband schlägt deswegen vor, Naturschutzflächen für die Vögel attraktiver zu machen, indem sie wieder stärker bewirtschaftet würden. „Es ist keine Rückkehr zur Intensivwirtschaft. Aber zwei bis drei Großvieheinheiten pro Hektar müssen dort das ganze Jahr über sein“, sagt Kleinwort.

„Wir sind für die Gänse. Aber wenn deren Schutz gesellschaftlich gewollt ist, darf das nicht zu Lasten einzelner Landwirte gehen.“ Kleinwort fordert Entschädigungen. „Wir brauchen nach einem Ausfall etwa 2000 Euro pro Hektar. Das entspricht dem verloren gegangenen Getreideumsatz.“ Der schleswig-holsteinische Bauernpräsident Werner Schwarz habe zwar bereits Gespräche mit der Landesregierung geführt. Aber notfalls müssten die Bauern gegen das Land klagen, so Kleinwort.

Die Mitarbeiter im Haseldorfer Elbmarschenhaus kennen das Problem. In der Einrichtung sind unter anderem Beschäftigte des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) untergebracht. Sie kümmern sich um Naturschutzgebiete, etwa in der Wedeler und Haseldorfer Marsch. „Die Gänsepopulationen haben deutlich zugenommen“, sagt Schutzgebietsbetreuer Uwe Helbing. Vor Jahren sei die Population der Weißwangengänse auf Durchzug zu den Sommer- oder Winterquartieren etwa 420.000 Tiere stark gewesen. Inzwischen seien es etwa 770.000 Tiere. Bis zu 20.000 machten in der Marsch Rast. Die Zugvögel rasten auch länger in der Marsch. „Ob es am Klimawandel liegt, kann ich nicht sagen. Aber die Gänse kommen früher und fliegen später.“ Hätten sie für gewöhnlich im November die Marsch erreicht und im März verlassen, kämen sie nun im Oktober und flögen im Mai weiter. Auch gebe es inzwischen eine Sommerpopulation von Graugänsen, die aus etwa 3000 Tieren bestehe. „Die Gänse haben etliche blanke Stellen hinterlassen“, sagt Helbing.

Gespräche zwischen Naturschützern und Bauern hat es bisher nicht gegeben. „Alle wurschteln vor sich hin. Aber nach der Sommerpause wollen wir Gespräche führen und alle Beteiligten an einen runden Tisch bekommen.“ Mit Lösungsvorschlägen hält sich Helbing aber zurück. „Wir könnten versuchen, bestimmte Flächen attraktiver zu machen, um die Gänse von den landwirtschaftlichen Flächen wegzulocken. Ein Patentrezept gibt es aber nicht. Ich kann schließlich keine Wegweiser aufstellen.“

Die Bejagung der Tiere ist für Helbing kein Thema: „Es geht hier um Naturschutzgebiete. Wir suchen nach anderen Lösungen.“ Eine Option für Landwirte könne der Vertragsnaturschutz sein. Die Bauern verpflichten sich, hohe Schutzstandards einzuhalten. Sie akzeptieren die Gänse auf ihren Flächen. Im Gegenzug werden die Bauern entschädigt. Für Kleinwort ist das keine Lösung: „Die Naturschutzflächen sind für die Gänse nicht attraktiv. Sie suchen sich das junge Grün auf den Ackerflächen und ziehen einfach weiter.“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 06.Aug.2015 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen