Umwelt : Barmstedter beraten über Strategien gegen das Artensterben

Thomas Behrends macht Landwirtschaft und Politik für den Rückgang der Artenvielfalt verantwortlich. Betroffen von einem Verlust des Lebensraums ist auch die Schwebfliege, die Nahrung in Wildblumen findet.
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Thomas Behrends macht Landwirtschaft und Politik für den Rückgang der Artenvielfalt verantwortlich. Betroffen von einem Verlust des Lebensraums ist auch die Schwebfliege, die Nahrung in Wildblumen findet.

In einem Vortrag ruft Nabu-Biologe Thomas Behrends zum ökologischen Umdenken auf. Auch Gartenbesitzer sind gefordert.

shz.de von
19. Februar 2018, 16:30 Uhr

Barmstedt | Die Artenvielfalt der Insekten schwindet kontinuierlich. Unter der Überschrift „Das leise Sterben“ hat Biologe Thomas Behrends vom Naturschutzbund (Nabu)-Landesverband Schleswig-Holstein einen Vortrag vor etwa 50 Besuchern im Humburg-Haus gehalten. Eingeladen hatte der Nabu Barmstedt.

„Trotz der politisch beschlossenen Biodiversitätsstrategie geht die Vielfalt der Arten zurück. Diese Maßnahme ist ein Kabarettstück der Politik ohne reale politische Entscheidungen“, kritisierte Behrends. Landschaftsveränderungen wie der Verlust von Biotopen, damit deren Abstand zueinander und die Isolation der Insekten sowie Insektizide seien verantwortlich für das Artensterben. Die Hauptmasse der Artenvielfalt seien die Insekten. Das biologische Netz der Natur bestehe aus Wechselbeziehungen.

Landschaft und Lebensraum seien wichtig. Er nannte zahlreiche Beispiele. So lege der Bläulingsfalter seine Eier auf Rotklee ab. „Wenn der Streifen mehrmals im Jahr gemäht wird, wird das nichts mit der Vermehrung“, so Behrends. Am Waldrand blühende Eichen beherbergten Raupen von verschiedenen Schmetterlingen. Allerdings nur, wenn in der Nähe keine Pestizide eingesetzt würden. Tiere mit hoher Spezialisierung würden schneller aussterben, etwa der bunte Ölkäfer an der Nordseeküste, der seit 1950 verschwunden ist, oder der Laufkäfer in der Heide. „Er hat schlicht keine geeigneten Flächen mehr zur Verfügung“, so Behrends.

Der Rückgang der Biomasse habe zugenommen, wie etwa seit den 90er Jahren die der flugfähigen Insekten. Getreidesaatgut werde in Insektengift gewälzt. „Das Gift wirkt bereits in extrem niedrigen Dosen bei den Insekten, es zerstört den Orientierungssinn“, sagte Behrends. Das wirke sich bei Bienen mit ihrem Schwarmverhalten fatal aus. Zur Folge habe dies auch, dass Agrarvögel seltener geworden seien. Die Rekordernten in der Landwirtschaft drängten die Biodiversität zurück. In den Boden gebrachte Pestizide und Stickstoff würden die Artenvielfalt nachhaltig verdrängen.

„Wir sehen riesige landwirtschaftliche Flächen, die von Lohnunternehmern mit schweren Geräten bearbeitet werden, die von weit her Gülle ankarren und diese auch bei minus sieben Grad ausbringen“, zeigte Behrends in eindrucksvollen Bildern. Die Ausräumung der Landschaft, in der Felder praktisch, quadratisch, gut seien, ermögliche es keinem Frosch, von A nach B zu gelangen. Dazu kämen umfangreiche Entwässerung, um die Böden bebauen zu können. Auch diese Maßnahme trägt zum Artenschwund bei. „Die landwirtschaftlichen Geräte sind heute so groß, dass leicht die Flora am Wegrand mit abge-spritzt wird, und die für die Insekten notwendige Blumenvielfalt dem Wachstum von nur noch Brennesseln weicht“, so Behrends. Aufgrund der Flurbereinigung sei die Flächenvielfalt einer Monokultur gewichen. „Stickstoffdünger in der Luft wird von Moosarten aufgenommen, die alles andere unter sich ersticken“, so Behrends, der sich darüber aufregte, dass in einem Naturschutzgebiet mit schönen Moorbereichen ab Mai alle vier Wochen die Wege gemäht würden. „Das Bewusstsein für die Natur ist nicht vorhanden“, klagte er.

Die riesigen Agrarsubventionen sollten den Landwirten die Möglichkeit geben, ökologisch und naturnah zu wirtschaften. Er und Nabu-Vorsitzender Hans-Peter Lohmann appellierten an al-le Gartenbesitzer, ihre Fläche insektenfreundlich zu bepflanzen. Ebenso an die Gemeinden, Wegränder nicht so oft zu mähen und öffentliche, naturfreundliche Bauerngärten wie der hinter dem Humburg-Haus anzulegen. Bewohner in Neubausiedlungen könnte man über insektenfreundliche Gartengestaltung aufklären.

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