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„Der Islam ist keine Terrorreligion“ : Baris Karabacak vom Verein „Brücken der Kulturen“ im Interview

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Baris Karabacak vom Verein „Brücken der Kulturen“ geht gegen wachsende Vorurteile an. Es werden noch Paten für Flüchtlinge gesucht.

Pinneberg | Baris Karabacak ist Vorsitzender des 2012 gegründeten Vereins „Brücken der Kulturen“, der Migranten die Integration erleichtern will. Im Interview spricht Karabacak über wachsende Vorurteile, AfD, Pegida, die Türkei und erklärt, warum es so wichtig ist, dass sich Migranten ehrenamtlich engagieren.

Was sind die Ziele des Vereins „Brücken der Kulturen“?
Wir wollen die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die deutsche Gesellschaft unterstützen. Unser Ziel ist, das Zusammenleben zu fördern und Vorurteile abzubauen – und zwar auf beiden Seiten. Wir wünschen uns, dass sich alle aufeinander zubewegen. Unser Hauptansprechpartner ist die junge Generation. Uns ist wichtig, dass wir ein Verein für alle Nationen sind. Wenn man sich nur auf eine Gruppe konzentriert, schmort man häufig immer noch im eigenen Saft.

Hat sich die Arbeit durch die Flüchtlingskrise verändert?
Definitiv. Seit dem vergangenen Jahr arbeiten wir sehr eng mit Flüchtlingen zusammen und kümmern uns vor allem um die Minderjährigen. Wir haben 31 von ihnen Patenfamilien vermittelt. Einer hat sogar einen Ausbildungsplatz gefunden. Neue Paten werden immer gebraucht. Es ist besonders wichtig, dass wir uns um die jungen Migranten kümmern und sie auffangen. Ansonsten tun das eventuell radikale Gruppen wie die Salafisten.

AfD, Pegida –wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung in Deutschland?
Pegida beruht vor allem auf Unwissenheit und ist nach meiner Auffassung deshalb nicht unbedingt in der rechten Ecke anzusiedeln. Die Migrationsquote ist im Raum Dresden sehr gering. Da es keine Berührungspunkte gibt, sind Vorurteile entstanden. Die AfD ordne ich dagegen dem rechten Spektrum zu. Die Flüchtlingspolitik dieser Partei ist einfach falsch. Es kann doch keiner fordern, dass Flüchtlinge an den Grenzen erschossen werden sollen. Das geht gar nicht. Für mich ist die AfD keine demokratische Partei.

Berührt Sie die Entwicklung persönlich?
Natürlich. Ich bin zwar gebürtiger Pinneberger, habe aber einen Migrationshintergrund. Deshalb fühle ich mich auch angegriffen, wenn jemand Migranten praktisch zu unerwünschten Personen erklärt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich das Verhalten der Menschen in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert hat?
Ich selbst habe davon nichts bemerkt. Viele aus meinem Freundeskreis haben allerdings durchaus die Erfahrung gemacht, dass man sie genauer beobachtet. Frauen mit Kopftuch oder Männer mit Bart werden definitiv anders behandelt. Die Vorurteile sind leider gewachsen. Vorbehalte gegenüber dem Islam sind inzwischen salonfähig. Viele verbinden den Islam automatisch mit Terrorismus. Das ist Quatsch. Der Islam ist keine Terrorreligion. Terroristen haben keine Religion. Man darf nicht im Namen Gottes töten.

Der Verein heißt „Brücken der Kulturen“. Ist es schwieriger geworden, Brücken zu bauen?
Ja. Bei unserer Gründung 2012 war es noch einfacher. Weniger Probleme, weniger Terrorismus – die Voraussetzungen waren einfach besser. Das Schlimme ist, dass auf beiden Seiten Vorurteile bestehen. Auch die Migranten haben Vorbehalte. Wir müssen es schaffen, dass sich alle wieder annähern.

Hatten Sie selbst mit Vorurteilen zu kämpfen?
Kaum. Meine Eltern haben von Anfang an darauf geachtet, dass ich mich integriere. Deshalb bin ich zweisprachig aufgewachsen und hatte eine deutsche Tagesmutter. Für uns war klar, dass wir in Deutschland bleiben und das Land nun unsere Heimat ist. Deshalb gehört es für mich dazu, auch etwas über Geschichte und Kultur zu wissen.

Wie können sich Migranten integrieren?
Die Sprache ist das A und O. Es gibt aber noch drei weitere Säulen. Teilhabe am Arbeitsmarkt und an der Bildung sowie gesellschaftliches Engagement sind aus meiner Sicht unverzichtbar. Wer sich ehrenamtlich in einem Verein engagiert, bringt sich ein. Dadurch werden Vorurteile abgebaut. Deshalb finde ich schade, dass immer weniger junge Migranten diese Chance nutzen.

Sie haben türkische Wurzeln. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in der Türkei?
Ich bin sehr oft im Rahmen von Projekten in der Türkei, zum Beispiel von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch Verwandte von mir leben dort. Es ist alles nicht so schlimm, wie es von hier aussieht. Die Bevölkerung dort ist glücklich. Man muss akzeptieren, dass die Türkei ein muslimisches Land ist. Aber das bedeutet nicht, dass andere Religionen nicht akzeptiert werden. Es gibt kaum ein anderes Land, in dem Moscheen und Kirchen Wand an Wand stehen. Jeder kann seine Religion frei ausüben, auch wenn in Deutschland häufig ein anderer Eindruck erweckt wird.

Ein Thema in den hiesigen Medien sind immer wieder Menschenrechtsverletzungen und fehlende Pressefreiheit in der Türkei. Zu Recht?
Wer die Berichterstattung in Deutschland verfolgt, muss den Eindruck haben, dass in der Türkei einiges in die falsche Richtung läuft. Vor Ort sieht vieles ganz anders aus. Die Türkei ist immer noch eine Demokratie. Sicherlich ist nicht alles optimal und manches muss sich ändern. Aber es hilft niemandem, sich nur auf reine Schwarz-Weiß-Malerei zu beschränken. Jede Medaille hat zwei Seiten. Das kann man nur vor Ort und nicht von hier aus beurteilen. Ich finde es sehr traurig, dass unter der aktuellen Debatte das deutsch-türkische Verhältnis leidet. Schließlich leben drei Millionen Türken in Deutschland. Beide Seiten müssen den Dialog suchen. Da ist vor allem die Politik gefordert. Auch Städtepartnerschaften könnten helfen, das gegenseitige Verständnis zu erhöhen. Eine solche Partnerschaft würde auch Pinneberg gut zu Gesicht stehen.

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erstellt am 09.Jun.2016 | 10:00 Uhr

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