Aus dem neuen „Stadtgespräch“ : Autorin und Hebamme Livia Görner über Elternängste, schräge Vornamen und das Klinikum Pinneberg

Livia Görner (50) arbeitet seit 30 Jahren als Hebamme und hat mehr als 4.000 Kinder auf die Welt geholt. Aufgewachsen und ausgebildet in Mecklenburg-Vorpommern kam sie 1993 ans Pinneberger Krankenhaus. 1999 machte sie sich im Kreis als freie Beleghebamme selbstständig. 2005 zog sie nach Hamburg-Blankenese. Livia Görner hat zwei Töchter und zwei Enkelkinder.
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Livia Görner (50) arbeitet seit 30 Jahren als Hebamme und hat mehr als 4.000 Kinder auf die Welt geholt. Aufgewachsen und ausgebildet in Mecklenburg-Vorpommern kam sie 1993 ans Pinneberger Krankenhaus. 1999 machte sie sich im Kreis als freie Beleghebamme selbstständig. 2005 zog sie nach Hamburg-Blankenese. Livia Görner hat zwei Töchter und zwei Enkelkinder.

Mehr interessante Geschichten aus Pinneberg finden Sie diesen Freitag im neuen Stadtgespräch - Ihrem Monatsmagazin des Pinneberger Tageblattes.

shz.de von
29. Januar 2015, 17:01 Uhr

Pinneberg | Dass dieser Interview-Termin nicht geplatzt ist, grenzt an ein Wunder. Doch damit kennt Livia Görner sich aus. „Ich komme gerade aus dem Kreißsaal“, sagt sie. „Babys warten nicht auf Termine.“ Livia Görner ist freie Beleghebamme. Eine der Letzten Hamburgs. Seit im März ihr herrlich pragmatisches Buch „Die Wahrheit übers Kinderkriegen“ erschien, ist sie bundesweit bekannt. Viele Pinneberger kennen sie von Geburt an. Weil sie Hunderten von ihnen auf die Welt geholfen hat.

Grau Görner, bringt Ihnen Ihre Arbeit noch Spaß?
Livia Görner:
Natürlich, sonst würde ich das nicht tun. Ich arbeite mit Menschen und bin sehr nah dran. Die Leute denken, Kinder auf die Welt zu holen, habe etwas Romantisches. Doch das stimmt nun leider wirklich nicht (lächelt leise).

Können Sie überhaupt noch von Ihrem Job leben?
Ja, aber nur, weil ich jetzt in einer Region arbeite, in der viele Kinder geboren werden, in der es aber wenig Beleghebammen gibt.

Sie kämpfen auch gegen die Erhöhung der Berufshaftpflicht für Hebammen. Warum?
Die Erwartung der Eltern, dass bei einer Geburt alles glatt läuft, hat enorm zugenommen. Wir Hebammen stehen unter einem extrem hohen juristischen Druck. Kunstfehler bei einer Geburt gehören zu den teuersten Haftpflichtfällen überhaupt. Es ist wichtig, dass Mutter und Kind abgesichert sind. Aber es kann doch nicht sein, dass das ganze Risiko auf die kleine Berufsgruppe der Hebammen abgewälzt wird, die sogar mit ihrem Privatvermögen haften muss, wenn die Deckungssumme (sechs Millionen Euro) nicht ausreicht. Pro Geburt bekomme ich nicht einmal 300 Euro, werde aber ab Juli 6.274,32 Euro Jahresbeitrag für meine Berufshaftpflicht zahlen. Wenn das so weitergeht, wird es bald keine freien Hebammen mehr geben.

Denken Sie gern an Ihre Zeit im Klinikum Pinneberg zurück?
Ja. Das Krankenhaus hier hat mir sehr gefallen. Es ist kleiner und entspannter als die großen Geburtszentren, die für Risikogeburten unerlässlich sind.

Wie sind die Pinnebergerinnen so im Kreißsaal und im Wochenbett?
Entspannt. Das Leben hier ist strukturierter und nicht so hektisch wie in der Großstadt. Wenn ich in Eimsbüttel unterwegs bin, ist es so laut und schmutzig. Hier gibt es viel mehr Platz für Kinder. Dafür ist Hamburg natürlich spannend, viel bunter und lustiger.

Buchverlosung:
Gewinnen Sie ein Buch! Sie können eines von zehn gebundenen Exemplaren „Die Wahrheit übers Kinderkriegen“ (Livia Görner, Knaus, 16,99 Euro) gewinnen. Schreiben Sie eine E-Mail an stadtgespraech@a-beig.de oder schicken Sie eine Postkarte an A. Beig Druckerei und Verlag GmbH & Co. KG, Redaktion Stadtgespräch, Stichwort „Hebamme“, Damm 9-19, 25421 Pinneberg. Das Los entscheidet. Einsendeschluss ist der 20.02. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Gibt es hier im Kreis Vornamen, die beliebter sind als andere?
Die Erben der Höfe heißen oft Jonas, Hannes oder Horst. Und die Hamburger, die hierher gezogen sind, geben ihren Kindern gern nordische Namen wie Lasse oder Lotta.

Wenn Sie heute ein Kind großziehen würden - würden Sie das lieber in Hamburg oder im Umland tun?
Ich würde es wieder im Umland tun. In Pinneberg ist es überschaubarer für Kinder. Und Hamburg ist ja nicht weit. Das haben meine beiden Töchter, die hier beide ihr Abi gemacht haben, voll ausgekostet (lacht).

Was glauben Sie, warum die Frauen immer weniger Kinder kriegen?
Es ist eine Gebärverweigerung. Die Bedingungen, Kinder und Karriere zu vereinbaren, sind schlecht. Und so aggressiv! Mütter werden geradezu bedrängt, maximal Mutter zu sein und maximal Karriere zu machen. Wie soll das gehen? Die meisten wollen doch nur einfach arbeiten.

Was müsste sich ändern?
Ist doch klar: kostenlose Kinderbetreuung einschließlich Mittagessen. Dann würden nämlich alle Kinder in die Kita gehen.

Waren Sie bei der Geburt Ihrer Enkelkinder dabei?
Ja, bei einem. Aber als Oma, nicht als Hebamme.

Viele Eltern haben Angst, Fehler zu machen oder gehen zu Frühförderungskursen. Ist das sinnvoll?
Heute ist es so: Die Kleinen sind überfordert, die Großen unterfordert und in der Pubertät macht jeder, was er will. Wenn ein Kind geboren wird, braucht es keine Kurse. Es braucht in den ersten drei Lebensjahren Liebe und ein Zuhause. Nach drei Jahren kann man dann ja mal so einen Kurs machen – wenn man andere Mütter kennenlernen will. Richtig fördern und fordern kann und muss man ein Kind erst, wenn es 13, 14 Jahre alt ist. Denn in der Pubertät ist der Mensch am leistungsfähigsten überhaupt.

 
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