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Pinneberger Tageblatt

26. September 2017 | 22:16 Uhr

Austausch in Zeiten der Krim-Krise

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

17 Schüler aus Kiew besuchen die Theodor-Heuss-Schule / Jugendliche betonen Gemeinsamkeiten von Russen und Ukrainern

Gegenseitige Besuche sind für Schüler und Schülerinnen der Pinneberger Theodor-Heuss-Schule (THS) und ihre Altersgenossen an der „Spezialisierten Schule Nr. 14“ in der ukrainischen Hauptstadt Kiew eigentlich längst zur Gewohnheit geworden. In diesem Jahr aber begann das vermeintlich Selbstverständliche als Zitterpartie. Inmitten alltäglich gewordener Ungewissheiten ließen sich in Kiew nicht einmal die erforderlichen Platzreservierungen für die seit Monaten gebuchte Bahnreise über Warschau und Berlin bewerkstelligen.

Eine ungarische Fluglinie brachte die 17 Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrerinnen Nataliia Lipina und Olga Losenko am Abend des 1. April schließlich nach Lübeck. Eine kurze Busfahrt später trafen sie auf dem THS-Parkplatz ihre Gastgeber. „Eigentlich sehr schnell und bequem“ gegenüber den sonst üblichen 30 Stunden von Bahnhof zu Bahnhof, fand THS-Schulleiter Matthias Beimel, als er die Ankömmlinge am nächsten Morgen in der Schule begrüßte. Darüber dürfe aber das Bewusstsein für die große Entfernung nicht verloren gehen, so seine Mahnung. Die jungen Leute seien tatsächlich aus einer vertrauten Welt in eine ganz andere gewechselt. „In Kiew hat es gestern noch geschneit.“ So drastisch machte Lipina die Ferne klar. Die ukrainische Lehrerin übersetzte die deutschen Reden für die Jüngeren ihrer Schüler, deren Sprachkenntnisse noch etwas holprig waren. Und zwar ins Russische, wie eine der deutschen Mütter mit entsprechenden Sprachkenntnissen dank eigener DDR-Vergangenheit erstaunt bemerkte. Und wann immer auf Deutsch von Russen die Rede war, formulierte Lipina, „unsere russischen Brüder“ oder, „unser russisches Brudervolk“.

Darauf angesprochen machten die Antworten der ukrainischen Lehrerin und ihrer Schüler den Pinnebergern den großen Abstand zwischen Deutschland und der Ukraine noch viel deutlicher als der Wetterbericht: „Russisch und Ukrainisch sind für uns gleichwertige Muttersprachen“, so ihre übereinstimmende Feststellung. Und: Der 13-jährige Jegor, in dessen Familie Russisch Umgangssprache ist, lobte voller jugendlicher Begeisterung die „Patrioten des Majdan, die eine korrupte Regierung verjagt haben“. Genauso vorbehaltlos stellte sich Schulkameradin Sabina, bereits als Teenager ein Ass im nationalen ukrainischen Debattierwettbewerb, auf die Seite der „Patrioten“, seien sie russischer oder ukrainischer Abstammung.

Noch etwas hatten alle Schüler gemeinsam: Früher habe sich kaum jemand von ihnen für Politik interessiert, räumten die jungen Besucher ein, aber jetzt seien sie dafür alle wach geworden. Zwei Wochen lang haben sie jetzt Zeit, ihren Pinneberger Freunden davon etwas zu vermitteln.

„Die Welt denkt in falschen Kategorien“, fasste Nataliia Lipina das Geschehen in ihrer Heimat zusammen. Es gehe nicht um nationalistische Feindbilder. Selbst in Russland aufgewachsen und ausgebildet stellte sie klar: „Wir alle kommen gut miteinander aus. Keiner braucht einen Putin als Retter.“

Selbst die wirtschaftliche Ungewissheit bringe sie nicht aus der Ruhe: Nach dem Zusammenbruch der alten Sowjetunion habe ihr Mann, bis dahin sowjetischer Berufsoffizier, monatelang kein Gehalt bekommen. „Damit sind wir auch fertig geworden“, erinnert sie sich selbstbewusst.


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