Interview mit Peter Gottschalk : Ausschluss von AfD-Anhängern: „TuS Appen ist Vorbild für den HSV“

HSV-Mitglied aus vollem Herzen: Peter Gottschalk hält einen Wimpel des Supporters-Club des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV in seinen Händen.
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HSV-Mitglied aus vollem Herzen: Peter Gottschalk hält einen Wimpel des Supporters-Club des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV in seinen Händen.

Peter Gottschalk setzt sich dafür ein, dass AfD-Anhänger ausgeschlossen werden, und lobte alle Initiativen, die ähnliches wollen.

shz.de von
06. Februar 2018, 10:00 Uhr

Pinneberg | Wie geht man in Sportvereinen mit AfD-Mitgliedern um? Diese Frage hat nun auch den HSV erreicht. Damit sind die Hamburger nach Eintracht Frankfurt der zweite Verein in der Fußball-Bundesliga, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Grund dafür ist ein Vorstoß des ehemaligen HSV-Seniorenratsvorsitzenden Peter Gottschalk, der im Kreis Pinneberg wohnt.

Dieser will am 18. Februar auf der Mitgliederversammlung des Hamburger SV darüber abstimmen lassen, ob AfD-Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen werden. Sein Antrag hat für ein bundesweites Medienecho und harsche Reaktionen von AfD-Politikern gesorgt. Im Interview mit dem sh:z erklärt Gottschalk unter anderem, warum er den Antrag gestellt hat und von wem er besonders enttäuscht ist.

Warum beantragen Sie, AfD-Mitglieder aus dem HSV auszuschließen?

Peter Gottschalk: Wer sich nicht an die Werte des HSV halten kann, hat beim HSV und überhaupt in Sportvereinen nichts zu suchen. Es geht mir bei dem Antrag nicht darum, jemanden auszugrenzen. Mir ist viel wichtiger den Anfängen zu wehren. Ich habe den Eindruck, dass über die Fans der Rechtsradikalismus im Verein Einzug halten kann. Ich finde es erschreckend, was einige auf den Rängen und im Internet für Hass-Parolen von sich geben. Gerade AfD-Mitglieder äußern öffentlich, dass sie nicht für die Werte einstehen, die im Sport unverzichtbar sind.


Welche Werte sind das?

Toleranz, Kameradschaft, Ablehnung von Rassismus und Diskriminierung, Fairness – diese Werte machen den HSV aus. Sie stehen allem entgegen, was die AfD verkörpert. Und deshalb haben AfD-Mitglieder beim HSV nichts verloren.


Haben Sie damit gerechnet, dass der Antrag solche Wellen schlägt?

Ein wenig habe ich sogar darauf gehofft, dass sich einige AfD-Politiker als HSV-Mitglieder outen. Den Gefallen hat mir unter anderem der stellvertretende Bundesvorsitzende Kay Gottschalk getan. Ich würde mir wünschen, dass der HSV reagiert, da er nun zumindest von Kay Gottschalk und einigen anderen Mitgliedern weiß, dass sie der AfD angehören. Es ist also ohne weiteres möglich, ein Ausschlussverfahren einzuleiten.
 

Wie wurde der Antrag vom HSV angenommen?

Die Resonanz der Mitglieder ist positiv. Der HSV-Ehrenratsvorsitzende hat mir empfohlen, den Antrag zurückzuziehen, weil er ohnehin keine Chance habe, angenommen zu werden. Aus meiner Sicht ist es ein merkwürdiges Demokratieverständnis, dass ein Antrag nur dann seine Berechtigung hat, wenn eine Mehrheit sichergestellt ist. Offensichtlich wünscht der Ehrenratsvorsitzende keine Diskussion über dieses Thema.
 

Wie waren die Reaktionen außerhalb des Vereins?

Dass die AfD mich attackiert, war zu erwarten. Von der übrigen Bevölkerung habe ich viel Zuspruch erhalten. Ich habe aber auch einige Mails bekommen, in denen ich bedroht wurde. Es hieß unter anderem, dass ich in die Gaskammer oder ins Konzentrationslager gehöre oder man mich lebendig begraben sollte. Deshalb habe ich Strafanzeige gestellt. Ich bin froh, dass die Polizei die Drohungen ernst nimmt und sich um meinen Schutz kümmert.
 

Erwarten Sie von Sportlern und Sportfunktionären deutlichere Stellungnahmen?

Viele sind der Auffassung, dass Politik im Sport nichts zu suchen hat. Da frage ich mich, wie geschichts- und gesichtslos diese Menschen sind. Natürlich hat Sport auch mit Politik zu tun. Wer bewilligt denn die Mittel, mit denen der Sport finanziert wird? Das ist doch die Politik. Ich bin allerdings der Auffassung, dass eine klare Trennung von der Parteipolitik erforderlich ist. Ich bin zwar SPD-Mitglied. Für meine Arbeit im Sport war das aber nie von Bedeutung.
 

Machen es sich viele Sportler und Sportfunktionäre zu einfach, wenn sie immer die Trennung von der Politik beschwören?

Das ist nur eine Ausrede. Die meisten haben nur Angst, Position zu beziehen, weil sie befürchten, in eine Schublade gesteckt zu werden. Der Sport muss auch politisch sein und seine Stimme gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen erheben. Ich vermisse aber noch mehr eine klare Haltung der Politik. Es kann nicht sein, dass AfD-Vertreter nur um des lieben Friedens willen verantwortungsvolle Posten im Bundestag bekleiden dürfen und dafür auch noch Stimmen von anderen Parteien bekommen. Besonders enttäuscht bin ich von meiner Partei, die sich nicht geäußert hat, als ich wegen meiner AfD-Kritik angegriffen wurde. Auch als Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, erklärte, dass AfD-Mitglieder bei der Eintracht nichts zu suchen haben, gab es meines Wissens kaum einen prominenten Politiker, der ihm öffentlich zur Seite stand.
 

Warum ist es so wichtig, Position zu beziehen?

Wenn es um den Rechtsextremismus geht, können wir nicht mehr den Anfängen wehren. Wir sind nämlich schon mittendrin. Die rechten Tendenzen schleichen sich mehr und mehr ein und nehmen beständig zu. Rechtsradikalismus ist in vielen Teilen der Gesellschaft salonfähig geworden. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. In Staaten wie Ungarn und Polen kann doch von einer Demokratie keine Rede mehr sein.
 

Kay Gottschalk – stellvertretender Bundesvorsitzender der AfD – hatte den Antrag mit der Ausgrenzung jüdischer Vereinsmitglieder zwischen 1933 und 1945 verglichen. Was halten Sie von solchen Vergleichen?

Viele meiner Angehörigen sind im Konzentrationslager umgekommen. Da muss ich wohl nicht mehr näher erläutern, was ich davon halte. Das ist keine Provokation mehr, sondern einfach perfide.
 

Aktuell versucht der TuS Appen vor Gericht den Hamburger NPD-Vorsitzenden aus dem Verein auszuschließen. Was sagen Sie zu dem Prozess?

Wenn die Richter gegen den TuS Appen entscheiden, könnte ich das nicht verstehen. Es kann doch nicht falsch sein, wenn sich ein Verein gegen Rechtsextremismus zur Wehr setzt. Ich hoffe, dass der Verein bei einer Niederlage vor Gericht in die nächsthöhere Instanz geht. Mit seiner klaren Haltung ist der TuS Appen auch ein Vorbild für den HSV.

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