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Heidgraben : Auslandsjahr wird zur Zerreißprobe

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wenn Kulturen aufeinanderprallen: Der Heidgrabener Niklas Fricke (17) musste dreimal die Gastfamilie in den USA wechseln.

shz.de von
erstellt am 21.Nov.2014 | 15:00 Uhr

Heidgraben | Die meisten Berichte über Auslandsaufenthalte sind ähnlich: Die Jugendlichen genießen die neue Kultur, finden viele Freunde und verstehen sich mit den Gasteltern bestens, so dass sie nach zwölf Monaten beseelt in den Schoß der heimischen Familie zurückkehren können. Der Auslandsaufenthalt von Niklas Fricke verlief da wesentlich dramatischer.

Seine Zeit habe er zwar genossen, blickt der Heidgrabener zurück. Er bereue die Entscheidung, zwölf Monate lang eine amerikanische High School zu besuchen, auch auf keinen Fall. „Ich hatte das beste Jahr meines Lebens“, sagt der 17-Jährige. Besonders der Teamgeist beim Schulsport und die ambitionierten Lehrer imponierten ihm. Allerdings mussten er und seine Eltern ganz schön starke Nerven beweisen: Weil die Umstände für den Jugendlichen bei den Gasteltern unerträglich wurden, musste er dreimal die Familie wechseln. Am Ende stand fast die verfrühte Heimreise an.

Nach einer Orientierungswoche zusammen mit seiner Organisation „Into“ in New York ging es nach Ohio in die erste Gastfamilie. Die hatte eine Alpaka-Farm, züchtete Truthähne und engagierte sich in einer Blaskapelle. „Meine Gastgeschwister und ich waren zuständig für die Pflege und Fütterung der Tiere“, erzählt er. Zudem musste er bei den Auftritten der Band helfen. Zunächst habe er sich auch mit allen gut verstanden. Als der 17-Jährige dann aber im Gespräch mit anderen Austauschschülern realisierte, dass diese wesentlich mehr Freizeit hatten, wohingegen er am Wochenende vor allem die Musikinstrumente der Marschkapelle auf- und abbauen musste. „Da bin ich schon neidisch gewesen“, gibt er zu. Diskussionen mit den Gasteltern gestalteten sich als schwierig, sagt er. Mit seiner Gastschwester habe er sich immer mehr gestritten. Die Stimmung wurde immer schlechter und die Situation eskalierte schließlich, als sein Gastvater ihn angeschrien habe, weil der Schüler den Alpakas zu wenig Wasser gegeben habe. Das Familienoberhaupt rief noch in der Nacht die Eltern in Deutschland an und verlangte den Auszug.

Meinungsstärke als Problem

Niklas Mutter Stefanie Fricke glaubt, dass die Familie mit dem meinungsstarken Schüler letztendlich schlicht überfordert war. „Der Anruf war für uns schon ein ziemlicher Schock. Wir versuchten natürlich, die Wogen zu glätten“, erinnert sie sich. Doch der Gastvater blieb bei der Entscheidung. Da er die Schule nicht wechseln durfte, musste eine neue Familie in der Nähe gefunden werden.

Das gelang aber erst im Januar, so dass über die Feiertage das Heimweh bei dem Jugendlichen wach wurde. „Aber wir hatten ja Skype und so konnte ich bei den Festen bei meiner Familie sein“, sagt Niklas. Die zweite Gastfamilie sei „super“ gewesen. Er stehe auch heute noch mit ihnen in Kontakt. Allerdings konnte die den 17-Jährigen nur für eine Übergangszeit von wenigen Wochen betreuen, da die High School zu weit weg war. Also ging es in die dritte Familie. Die sei sehr gläubig gewesen, berichtet der 17-Jährige. „Ich habe nichts gegen Kirchenbesuche, aber diese Kirche hat mir einfach nicht gefallen. Meine Meinung haben sie gleich sehr persönlich genommen. Sie waren völlig entsetzt.“

Der Vater der Großfamilie hatte aus Sicht des Schülers ein – gelinde gesagt – sehr traditionelles Rollenbild. Widerworte seien nicht erwünscht gewesen. „Niemand durfte etwas zu essen auf seinen Teller legen, bevor mein Gastvater fertig war.“ In der Kommunikation sei viel schief gelaufen, resümmiert der 17-Jährige. Also musste er sich für die letzten drei Monate erneut auf die Suche nach einer neuen Bleibe begeben. Da derartig viele Wechsel von der Austauschorganiation nicht vorgesehen sind, stand zu diesem Zeitpunkt sogar die frühe Heimreise im Raum. Allerdings sei die Koordinatorin der Organisation sehr um eine Lösung bemüht gewesen, so dass eine neue Familie gefunden wurde. Und die hätte der Schüler am liebsten das ganze Jahr lang gehabt. Gemeinsame Aktivitäten und ein harmonisches Miteinander ermöglichten zumindest einen gelungenen Abschluss. „Alles war sehr entspannt. Am Ende gab es sogar eine Überraschungsparty.“

Fricke hegt jedoch keinen Groll gegenüber den anderen Gastfamilien. „Sometimes it does not click“, sagt er. Manchmal passten Schüler und Gastfamilie eben nicht zusammen. „Für mich war es dennoch eine tolle Erfahrung, denn jede Familie hatte ihre eigene Kultur und Lebensweise und ich habe viel über mich selbst gelernt.“ Anderen Austauschschülern rät er, die Chance für ein Auslandsjahr zu nutzen und so den eigenen Horizont zu erweitern – auch wenn das Diskutieren mit Amerikanern schwierig sei, wie er findet. „Ich würde es trotzdem immer wieder machen.“

Während der Schulzeit ins Ausland gehen, dort leben und lernen – dafür gibt es viele Programm-Angebote. Unterschiedliche Länder, Sprachen, Zeitdauern und Kosten. Deshalb ist es entscheidend, sich umfassend zu informieren. Die unabhängige Deutsche Stiftung Völkerverständigung betreibt ein Info-Portal im Internet. Dort rät sie bei einem High-School-Jahr dazu, dass die Austauschorganisation einen Geschäftssitz in Deutschland haben sollte. Der Veranstalter sollte mit einer Organisation zusammenarbeiten, die vom amerikanischen CSIET (Council on Standards for International Educational Travel) anerkannt ist. Da der Erfolg des Auslandjahres nicht zuletzt von der Persönlichkeit der Bewerber abhängt, sollte man nur Organisationen in Erwägung ziehen, die in einem persönlichen Gespräch die Eignung feststellen.
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