Kreis Pinneberg : Ausgebrannt und erschöpft: Arbeitnehmer im Ausnahmezustand

Zustand totaler Erschöpfung: Zahlreiche Arbeitnehmer fühlen sich ausgebrannt.
Zustand totaler Erschöpfung: Zahlreiche Arbeitnehmer fühlen sich ausgebrannt.

Psychische Überlastung am Arbeitsplatz: Regio-Klinikum und Agentur für Arbeit im Kreis werden täglich mit Betroffenen konfrontiert.

shz.de von
16. Januar 2015, 14:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Burnout: Menschen fühlen sich ausgebrannt, am Arbeitsplatz psychisch überlastet. Im Kreis Pinneberg haben Mitarbeiter der Agentur für Arbeit und in den Regio-Kliniken täglich mit Betroffenen zu tun. Das bestätigen Professor Kuhs, Chefarzt am Elmshorner Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie Arbeitsagentursprecher Gerold Melson. 

„Burnout kommt durchaus im Tagesgeschäft vor. Die Hälfte unserer Fälle sind mittlerweile psychische Erkrankungen. Das hat in den vergangenen 20 Jahren zugenommen. Man spricht offener darüber“, so Melson über den Alltag der Arbeitsagentur. Häufig käme das Burnout-Gefühl zu anderen psychischen oder körperlichen Erkrankungen, Mobbing oder familiären Problemen hinzu. „Für viele bedeutet es das Aus im Beruf.“ Ein spezielles Reha-Team kümmere sich nach einer Diagnose um Fragen nach Neuorientierung, Finanzierung oder beruflicher Rehabilitation.

Zu besonders Burnout-gefährdeten Gruppen gehören unter anderem Lehrer. „Viele arbeiten an und über der Grenze der Belastbarkeit“, sagt Michael Doppke, Schulrat im Kreis Pinneberg. „Das wird nicht immer von den Betroffenen selbst gesehen.“ Nicht immer würden Warnsignale erkannt. Und das Schulamt wisse nicht unbedingt, was los sei, wenn Lehrkräfte erkranken. Dabei gebe es Möglichkeiten für Burnout-Betroffene wie die Arbeitszeit ohne Gehaltseinbußen zu reduzieren, die Belastung nach Maßgabe des Amtsarztes herunterzufahren und psychologische Betreuung. „Je sensibler man in Menschen hineinschaut, desto eher lässt sich etwas verhindern“, so Doppke.

Sowohl Behörden als auch Unternehmen im Kreis Pinneberg sind zunehmend gefordert, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dennoch scheint es trotz steigender gesellschaftlicher Enttabuisierung in einigen großen Unternehmen ein Reizthema zu bleiben. Nur wenige zeigten sich im Rahmen der Recherche bereit, Auskünfte über präventive Maßnahmen, Gesundheitsmanagement oder den Umgang  mit psychischen Erkrankungen von Mitarbeitern zu geben – sofern sie entsprechende Konzepte haben.

„Nur gesunde, motivierte Mitarbeiter sind auch leistungsfähige Mitarbeiter“

Konzepte wie sie beispielsweise das Wedeler Arzneimittelunternehmen AstraZeneca für seine 468 Mitarbeiter vorweisen kann. Geschäftsführer Dirk Greshake sagt: „Nur gesunde, motivierte Mitarbeiter sind auch leistungsfähige Mitarbeiter. Die Arbeit in einem forschungsintensiven Unternehmen ist sehr anspruchsvoll. Die Belastung des Einzelnen ist hoch. Gerade deshalb achten wir darauf, Stressfaktoren so weit wie möglich zu senken.“ Es gebe regelmäßige Mitarbeiterbefragungen zur Unternehmenskultur, so Sprecher Sebastian Schaffer. „Mitarbeiter bewerten regelmäßig ihre Führungskräfte.“ Die Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden sei frei einteilbar, das Arbeiten von zuhause aus möglich. Längere Auszeiten seien planbar. Auf dem Betriebsgelände gebe es Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Dazu kämen Betriebssportangebote, ein eigenes Fitnesscenter, Gesundheitstage und eine externe anonyme Mitarbeiterberatung für kritische Lebenslagen. AstraZeneca wurde 2013 bereits für sein betriebliches Gesundheitsmanagement prämiert.

In der Kreisverwaltung in Elmshorn  gibt es laut Kreissprecher Oliver Carstens  für die  810 Mitarbeiter regelmäßige Schulungen zu Themen wie Burnout-Prophylaxe und Stressbewältigung. Der Betriebssport locke mit Sportarten wie Aqua-Fit, Bowling, Fußball oder Tischtennis. Eine innerbetriebliche Beratungsstelle soll in Konflikt- und Notsituationen helfen. Veränderungen der Arbeitsorganisation wie Teilzeitarbeit oder mehr Abwechslung  werden ermöglicht sowie nach langer Erkrankung die stufenweise Wiedereingliederung. 

In den Regio-Kliniken mit kreisweit 2300 Mitarbeitern seien „kreative Lösungen“ zur Arbeitsstundenreduzierung machbar, so Sprecher Sebastian Kimstädt. Vergünstigte Sportangebote gebe es ebenso wie individuelle Eingliederungspläne nach längerem Ausfall mit Berücksichtigung möglicher Belastungen am alten Arbeitsplatz. Auch ein externer Ansprechpartner für Hilfsangebote bei familiären Notlagen, psychischen Problemen oder Suchtproblematiken sei vorhanden.

Burnout wird in der amtlichen Diagnoseklassifikation von Erkrankungen in Deutschland als „Ausgebranntsein“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“ erfasst, ist jedoch keine Behandlungsdiagnose, sondern gilt als Rahmen- oder Zusatzdiagnose. Aufgrund von Depressionen und Belastungsstörungen war 2013 jede bei der Techniker Krankenkasse versicherte Person in Schleswig-Holstein durchschnittlich 2,93 Tage krankgeschrieben – nach Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes die häufigste Ursache für Ausfälle. Auch bei der DAK steigen die Leistungsausgaben für psychische Erkrankungen  konstant an.“ 2013 waren es 236,5 Millionen Euro, 2009 noch 36,5 Millionen weniger. Zwar habe es 2013 ein Drittel weniger Fehltage wegen Burnouts gegeben als noch 2012. Dem gegenüber steige die Zahl der diagnostizierten Depressionen weiter an.
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