Aus dem deutschen WM-Lager : Aus Drei mach Zwei

Fußballexperte Gerhard Delling berichtet exklusiv aus dem deutschen WM-Lager. Heute zum Spiel gegen Algerien.

shz.de von
30. Juni 2014, 14:40 Uhr

Santo André | Es war die bisher längste Reise innerhalb Brasiliens: Mehr als 2000 Kilometer Richtung Süden nach Porto Alegre. 3 Stunden und 15 Minuten für die Nationalspieler – knapp doppelt so lang für uns Journalisten. Sparmaßnahme – mit umsteigen. Wieder eine neue Stadt, wieder ganz andere Verhältnisse. Aber diese dürften unserer Mannschaft heute im Achtelfinale gegen Algerien entgegen kommen: 20 Grad waren es gestern beim Abschlusstraining im Beira-Rio, dem für 120 Millionen Euro komplett renovierten Stadion, das erst vor vier Monaten fertig gestellt worden ist.

Stadt (1,5 Mio. Einwohner), Arena und Temperaturen – alles erinnert hier noch am ehesten an europäische Bedingungen. Trotzdem warnt Bundestrainer Joachim Löw vor diesem Spiel mehr als vor jedem anderen Gegner bisher: Algerien sei nicht nur „sehr kompakt“ und „extrem laufstark“, sagt er, sondern fügt hinzu „so etwas habe ich noch nie gesehen!“ Meint er das genauso ,wie er es sagt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Denn die Nordafrikaner haben sich das erste Mal überhaupt für ein WM-Achtelfinale qualifiziert – mit zugegeben großem Herz, aber auch einer gehörigen Portion Glück dank eines Fehlers des russischen Torhüters. Algerien ist kein „Freilos“, wie es ketzerisch ein Kollege formulierte. Aber sollte unsere Elf heute tatsächlich in ernste Schwierigkeiten geraten, dann hat sie nicht nur eine ganze Menge falsch gemacht, dann müsste man ihr die Reife für den Weltmeistertitel absprechen. 

Immerhin gibt es steigendes Stresspotenzial! Bastian Schweinsteiger hat dem Team merklich gut getan in der Partie gegen die USA. Er hat augenblicklich  die Initiative ergriffen und deutliche Präsenz auf dem Platz gezeigt. Und er ist hier vor Ort in Porto Alegre neben Thomas Müller der begehrteste Deutschland-Star bei den Autogrammjägern. Aber er ist neben Philipp Lahm und Sami Khedira einer von drei Alphatieren, die Ansprüche auf zwei Plätze im defensiven Mittelfeld erheben. Das kann schnell für Unzufriedenheit führen, zumal nicht nur Kapitän Lahm seine Position sehr deutlich gefordert hat, sondern auch Khedira vor der Partie heute klarstellt, dass er ein gutes Gespräch mit dem Bundestrainer hatte, um dann unmissverständlich hinzuzufügen: „Und danach bereite ich mich jetzt auf das Algerien-Spiel vor!“ Aus Drei mach Zwei – aber so, dass es sich anfühlt, als seien es weiterhin Drei. Hoher diplomatischer Dienst oder eine Rechenaufgabe, die nur aufgehen kann, wenn das Ergebnis Erfolg ist.

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