„Unter Palmen aus Stahl“ : Aus der Not eine Tugend gemacht: Ex-Obdachloser berichtet über sein Leben

 Durch Niederlagen und Verirrungen: Dominik Bloh war lange obdachlos und hat jetzt ein Buch über diese Zeit geschrieben .
Durch Niederlagen und Verirrungen: Dominik Bloh war lange obdachlos und hat jetzt ein Buch über diese Zeit geschrieben .

Dominik Bloh hat zehn Jahre in Hamburg auf der Straße gelebt – jetzt macht er Obdachlosen als Autor Mut

shz.de von
22. Januar 2018, 13:46 Uhr

Hamburg | „Es gibt die Weisheit der Straße“, sagt Dominik Bloh. Hier, in diesem netten Eimsbütteler Café, herrscht Donnerstagmittag Hochbetrieb. Leute kommen und gehen, doch Bloh sitzt an seinem Platz, wie ein Fels in der Brandung. Ein fester Ort ist für ihn etwas Besonderes. Bloh, 29 Jahre alt, hat zehn Jahre auf der „Platte“ gelebt, wie es im Jargon heißt. Er war obdachlos, auch diesen Winter haben rund 2000 Menschen in Hamburg kein Dach über dem Kopf.

Doch Bloh hat aus der Not eine Tugend gemacht und nun ein Buch geschrieben. „Unter Palmen aus Stahl“ (Ankerherz-Verlag) heißt es und zeichnet sein Leben nach. Ein Gestrandeter, der nach einem Weg durch viele Niederlagen und Verirrungen zumindest ein Etappenziel erreicht zu haben scheint. Heute hat Bloh eine kleine Wohnung mitten im Hamburger Westen, hilft ehrenamtlich Obdachlosen. „Es ist in mir drinnen, Leute, denen es schlechter geht als mir, zu unterstützten“, sagt er und dreht sich eine Zigarette.

„Immer anders“

Er sieht gar nicht wie ein ehemaliger Obdachloser aus. Der lange Bart ist akkurat geschnitten, Baseballkappe und Pulli von Ralph Lauren sind farblich aufeinander abgestimmt. Hinter der Fassade erscheint ein sensibler, intelligenter Mann, der sich weiterentwickelt, ohne seine Wurzeln zu leugnen.

Bloh wurde im bayrischen Neu-Ulm geboren. Sein Vater, ein Zyprer, verlässt die 18-jährige Mutter während der Schwangerschaft. Er sei „immer anders“ gewesen, blickt Bloh auf seine frühen Jahre zurück. Dunkler als die anderen Kinder, lockig. Ersatz für die psychisch instabile Mutter werden die Großeltern, vor allem die Oma, „die mir all ihre Liebe gegeben hat“, so Bloh.

Mit acht Jahren kommt es zum ersten Bruch in seinem Leben, der Umzug in ein Dorf weit weg nach Schleswig-Holstein. Hier lebt der Stiefvater von Bloh. Es folgen Gewalt und Demütigung durch den neuen Lebenspartner der Mutter.

Freier Fall

„In der frühen Lebensphase wird man maßgeblich geprägt“, sagt Bloh. Er glaubt, dass viele Gestrandete und Obdachlose in dieser Phase traumatisiert werden. Die Mutter verlässt ihn und seinen Bruder, ein halbes Jahr später ist sie wieder da, die kleine, zerrüttete Familie landet schließlich in Hamburg.

Der Bruch in Blohs Leben wird größer. Er klaut, lügt, schwänzt die Schule. Die Mutter landet in der Psychiatrie, Bloh wird hin- und hergereicht zwischen Großeltern und Stiefvater, schwänzt chronisch die Schule. Parallel werden Straßengangs und Dealerei seine neuen Betätigungsfelder. „Falsche Idole“, sagt er heute. Als seine Oma stirbt, ist der freie Fall für den 15-Jährigen nicht mehr aufzuhalten. Mit 16 ist er zum ersten Mal „auf Platte“.

Bloh schläft im Stadtpark, stiehlt sich nachts heimlich in Gartenlauben hinein, besonders die Winter sind heftig. Schließlich landet der Obdachlose in der Obhut des Staates, im betreuten Wohnen merkt er, dass er nur aus dem Koffer leben kann. „Auch heute noch nutze ich meine Küche nicht“, gibt er zu. Er schläft auf dem Boden, die Tasche mit den nötigsten Utensilien immer griffbereit. Das lange Leben auf der Straße, zwischen Gelegenheitsjobs auf dem Kiez, Betteln und Kleinkriminalität haben ihn geprägt.

„Die Gefahr, obdachlos zu werden, wächst.“

Doch Bloh scheint irgendwo angekommen zu sein. Seit zwei Jahren hat er ein festes Dach über dem Kopf, er holte sogar sein Abitur nach. Als die vielen Flüchtlinge auch nach Hamburg kommen, findet Bloh seine Mission. Er sortiert Kleider in den Messehallen, die Helfer werden zur Familie. Bloh wird Mitglied des Vereins Hanseatic Help. „Ich denke nicht drüber nach. Wenn jemand Hilfe braucht, ist es für mich selbstverständlich, da zu sein“, blickt er irgendwo auch zufrieden auf seine gebrochene Biografie zurück.

Eines will er dann aber doch noch loswerden: „Es gibt auch Altersarmut und Geringverdiener“, betont er, „die Gefahr, obdachlos zu werden, wächst“. „Würde“ ist auch ein Wort, das Dominik Bloh immer wieder benutzt. Dann blickt er auf und sagt: „Mein Straßenabitur habe ich mit ,sehr gut`abgeschlossen.“

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