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Pinneberger Tageblatt

18. August 2017 | 01:57 Uhr

Aufbauhilfe in arktischer Kälte

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Christa und Mike Steinhauer unterstützen mit ihrem Fachwissen ein Pflegeheim am russischen Polarkreis / Bedrückende Armut

Temperaturen bis zu minus 37 Grad. Pferd und Wagen statt Autos. Mehrbett- statt Einzelzimmer. Während die meisten wohl lieber in ein Hotel in den sonnigen Süden fliegen würden, haben sich Christa Steinhauer, ihr Sohn Mike und vier Begleiter zehn Tage lang freiwillig diesen Bedingungen ausgesetzt – im Dienst der guten Sache: Sie besuchten ein Pflegeheim im russischen Saoserje, das sie seit zehn Jahren mit ihrem Know-How unterstützen.

„Als das Heim 2004 aufgebaut wurde, habe ich den Mitarbeitern grundlegende Handgriffe und Techniken der Pflege beigebracht“, berichtet Christa Steinhauer, die in Langeln wohnt und in Barmstedt den Pflegedienst MHP leitet. Als sie damals von ihrem Berufsverband gefragt worden sei, ob sie Interesse habe, beim Aufbau zu helfen, sei es nicht vorstellbar gewesen, „in einem kleinen Dorf am Polarkreis, mit 87 Einwohnern, ohne fließend Wasser, Toiletten und Telefon ein Heim aufzubauen“, erinnert sie sich. Und doch sei es gelungen: „Eine Handvoll engagierter Leute in Saoserje und Archangelsk haben es geschafft“, so Steinhauer.

Aktuell hat das Heim 38 Bewohner, die zwischen 50 und 70 Jahren alt sind und zum Teil „per Flugzeug aus der Umgebung rekrutiert werden“, wie Steinhauer berichtet. Dabei würden Männer bevorzugt, „weil sie mehr Geld haben“. Dennoch seien die meisten sehr arm, und die Armut sei sichtbar: „Viele haben keine Zähne mehr.“ Die Bedingungen in dem kleinen Heim seien besser als in den großen, sagt Steinhauer. „Aber die Politik will sie verhindern, weil sie zu teuer sind.“

Trotz der Armut seien die Bewohner „total gastfreundlich“, so Steinhauer. Sechs von ihnen räumten ihre Zimmer, damit die Gäste dort wohnen konnten. „Außerdem wurden wir ständig bewirtet. Es gab Borschtsch, Weißbrot und vor allem jede Menge Lachs.“ Nach dem letzten Besuch seien sie „positiv überrascht“ gewesen, eine „große moderne Küche mit fließendem Wasser aus dem eigenen Brunnen und Spültoiletten vorzufinden“.

Um den arktischen Temperaturen in Russland standzuhalten, hatten die Deutschen sich entsprechende Kleidung gekauft: Thermojacken mit Fellkragen und Kapuzen, gefütterte Stiefel sowie dicke Socken, Mützen, Handschuhe. Zurück fuhren sie ohne diese Sachen. „Wir haben ihnen alles da gelassen“, berichtet Steinhauer. „Weil sie sich so etwas nicht leisten können.“

Die erfolgreiche Arbeit im Pflegeheim habe auch dazu beigetragen, die Infrastruktur im Dorf weiterzuentwickeln, so Steinhauer. Es gebe jetzt eine neue Schule, einen Kindergarten, ein Gemeindehaus, weitere Wohnhäuser, Satelliten-TV, Technik für Mobiltelefone sowie Anschluss an Linienbusse. Und sogar der Bau einer kleinen Pension sei geplant.

Das Heim-Jubiläum sei groß gefeiert worden, erzählt Steinhauer: „Mit Politprominenz und einer Party bis in den Morgen.“ Die bewiesen habe: „Wild tanzen geht auch mit dicken Winterstiefeln.“

Bei den Dorfbewohnern seien sie auf großes Interesse gestoßen, erzählt Steinhauer. „Wir wurden interviewt und gefilmt. Viele hatten noch nie einen Ausländer gesehen.“

Schließlich stand die Rückreise an. Zuerst ging es mit dem Bus über die zugefrorenen Flüsse und durch die Taiga nach Archangelsk, dann mit dem Flugzeug nach St. Petersburg und weiter nach Hamburg. Alles in allem 2413 Kilometer. „Das dauert etwa einen Tag“, so Steinhauer. 2015 werden vier Pflegekräfte aus Saoserje diese Reise antreten. „Sie werden hier ein Praktikum machen und sich stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen ansehen“, so Steinhauer. Sie selbst würde auch noch einmal nach Saoserje fahren, sagt sie. „Und zwar wieder im Winter. Dann stinkt es dort nicht so wie im Sommer.“

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erstellt am 28.Feb.2014 | 20:52 Uhr

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