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Reportage : Auf Hafenrundfahrt im Hamburger Hafen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

David Liebke steuert bei Rundfahrten im Hamburger Hafen seit dem vergangenen Jahr Schiffe des Unternehmens Barkassen-Meyer. Wir haben ihn begleitet.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2016 | 11:00 Uhr

Hamburg | Mikrofon in der einen Hand, das Steuer der „Hanseat“ in der anderen, das Funkgerät immer im Blick: David Liebke räumt mit dem Vorurteil auf, dass nur Frauen multitaskingfähig sind. Liebke steuert im Hamburger Hafen Barkassen, stellt aber sofort heraus, dass er kein Kapitän ist. „In der Binnenschifffahrt heißt das Schiffsführer“, erklärt er.

Das Unternehmen Barkassen-Meyer hat seit 1919 seinen Sitz im Hamburger Hafen. Hubert Neubacher ist seit 1994 im Betrieb tätig und seit 2013 Geschäftsführer. Anfangs wurden die Barkassen vor allem für Hafentransporte und Schlepparbeiten genutzt. Erst später übernahmen die Hafenrundfahrten die tragende Rolle. Momentan stehen dafür fünf Barkassen und drei Fahrgastschiffe zur Verfügung.

Nach einer dreijährigen Ausbildung darf der gebürtige Hamburger seit Anfang 2015 selbst das Ruder übernehmen. Er hat kein festes Schiff, sondern übernimmt für das Unternehmen Barkassen-Meyer alle Touren, die gerade anfallen. In der kälteren Jahreszeit sind es meistens zwei einstündige Fahrten pro Tag, in der Hochsaison auch mal bis zu fünf.

Seine Arbeit beginnt etwa 20 Minuten vor dem Ablegen. Dann kontrolliert der Schiffsführer, ob die Barkasse startklar ist. Ist genügend Kraftstoff da? Funktionieren alle Maschinen? Liebke nimmt alles ganz genau unter die Lupe. „Als Schiffsführer hat man eine große Verantwortung.“ Die Barkasse dürfe schließlich nicht mit etwa 60 Fahrgästen an Bord mitten im Hafen stehen bleiben. Bei einer Autopanne steigt man aus und ruft den ADAC. Wenn im Hamburger Hafen die Maschinen ausfallen und ein Containerschiff auf einen zusteuere und keine Chance mehr habe, rechtzeitig zu bremsen, sei das dagegen der Super-Gau, so Liebke.

Um Zusammenstöße zu verhindern, reichen die Kontrollen vor der Tour nicht aus. Während der Fahrt sind Augen und Ohren gefragt. Zwei Funkgeräte sind ständig in Betrieb, sozusagen der Verkehrsfunk auf hoher See. Liebke hört, welche Richtung andere Schiffe im Hafen nehmen und gibt außerdem selbst weiter, wohin er fährt. „Auf dem Wasser gibt es feste Regeln“, berichtet er. „Eine gute Seemannschaft ist für mich selbstverständlich.“ Aber nicht jeder legt eine vernünftige Kinderstube an den Tag. So drängelt sich plötzlich ein Boot beim Ablegen vor und schneidet der „Hanseat“ den Weg ab. Darüber kann Liebke nur den Kopf schütteln.

Auszubildende Miriam Lunau kümmert ums anlegen. (Foto: Zimmermann)
Auszubildende Miriam Lunau kümmert ums anlegen. (Foto: Zimmermann)
 

Er konzentriert sich aber nicht nur auf das Funkgerät, sondern hat auch das Geschehen auf dem Wasser ständig im Auge. Ein Tidenkalender liegt immer auf der Kommandobrücke, die auch für die Fahrgäste zu sehen ist. So kann jeder Barkassenbesucher nicht nur den Hafen bewundern, sondern außerdem den Schiffsführer bei der Arbeit beobachten. Der ist meistens allein für alles zuständig. Nur ab und an bekommt er Unterstützung, zum Beispiel von Miriam Lunau, die eine Ausbildung zur Schiffsführerin begonnen hat.

Bei schlechter Sicht helfen Liebke Radar und Kamera, damit er nicht den Überblick verliert. Zudem garantieren bei Regen wie beim Pkw Scheibenwischer eine freie Sicht. Positionsleuchten sorgen dafür, dass die „Hanseat“ selbst bei schlechtem Wetter gesehen wird. Liebke achtet aber nicht nur den Verkehr, sondern auch auf das Wasser. „Wenn starke Wellen uns von der Seite erwischen, machen wir eine Eskimorolle“, erklärt der Schiffsführer. Dass die Barkasse umkippt, ist ihm noch nicht passiert. Dass es gewaltig schaukelt oder mal etwas von den Tischen oder Regalen fällt, lässt sich nicht immer verhindern.

60 Fahrgäste passen auf die „Hanseat“. (Foto: Zimmermann)
60 Fahrgäste passen auf die „Hanseat“. (Foto: Zimmermann)
 

Wenn Liebke über das Thema Sicherheit informiert, spricht er ernst und mit ruhiger Stimme. Meistens ist er jedoch ein lockerer Typ und hat immer einen Spruch auf den Lippen. „Am Hafen geht’s nicht wie in einer Parfümerie zu“, sagt der Schiffsführer. Auf der Barkasse sind nicht nur seine Fähigkeiten auf hoher See gefragt. Speicherstadt, Elbphilharmonie, Bürogebäude, Containerterminals, Schiffe, Brücken, Hamburger Sehenswürdigkeiten – Liebke weiß so ziemlich über alles Bescheid und hat den Fahrgästen einiges zu erzählen, ist dabei informativ und witzig. Sein umfangreiches Wissen ist für Liebke etwas ganz Normales. Besondere Vorbereitung sei für die Vorträge nicht erforderlich. Er lese viel und ihn interessiere einfach, was in seiner Heimatstadt passiert: „Ich bin ein Hamburger Jung und liebe den Hafen.“ Zwar hat er schon in England und Brasilien gelebt. So richtig wohl fühlt sich der Schiffsführer aber nur im hanseatischen „Schietwetter“. „Ich habe meinen Traumberuf gefunden.“

Der Maschinenraum wird vor jeder Fahrt kontrolliert. (Foto: Zimmermann)
Der Maschinenraum wird vor jeder Fahrt kontrolliert. (Foto: Zimmermann)
 

Während der Hafenrundfahrten ist Liebke entspannt und zugleich hochkonzentriert. Ein kurzer Plausch mit den Fahrgästen in der einen Sekunde, wenige Augenblicke später die Antwort auf den Funkspruch eines anderen Schiffes. Der Schiffsführer ist zugleich Entertainer – und beweist, dass auch Männer multitaskingfähig sind.

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