Auftakt von „Barbaras Leser-Tour“ : Auf Entdeckungsreise durch den alten Elbtunnel in Hamburg

Fast fertig ist die Oströhre. Endgültig fertiggestellt werden soll die Sanierung Ende 2018. Die Freigabe für Fußgänger und Verkehr folgt im ersten Halbjahr 2019.
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Fast fertig ist die Oströhre. Endgültig fertiggestellt werden soll die Sanierung Ende 2018. Die Freigabe für Fußgänger und Verkehr folgt im ersten Halbjahr 2019.

Zum Auftakt von „Barbaras Lesertour“ erkundeten Leser den St.-Pauli-Elbtunnel – unter fachkundiger Führung.

shz.de von
29. Juni 2018, 22:00 Uhr

Hamburg | Ruckelnd setzt sich der hölzerne Fahrstuhl nach unten in Bewegung und nur wenige Minuten später öffnet sich ein Tor und gibt den Blick auf die schimmernde, schummrige Tunnelröhre frei. Angenehme Temperaturen hier in 24 Metern unter der Erde, eine willkommene  Abkühlung für die Teilnehmer der Premiere von „Barbaras Lesertour“.  Zum ersten Mal hat Barbara Glosemeyer, Leiterin der Hamburg-Redaktion, am Donnerstag zum Ausflug mit Besichtigung von Kultorten mit Experten-Führungen in die Hansestadt eingeladen.

Ankunft am Pauli-Elbtunnel: Die Teilnehmer von „Barbaras Leser-Tour“ mit Barbara Glosemeyer (vorn, Dritte von rechts). Das Busunternehmen Strunk aus Elmshorn brachte die Gruppe vom Verlagshaus in Pinneberg dorthin und  wieder zurück.
Tanja Plock

Ankunft am Pauli-Elbtunnel: Die Teilnehmer von „Barbaras Leser-Tour“ mit Barbara Glosemeyer (vorn, Dritte von rechts). Das Busunternehmen Strunk aus Elmshorn brachte die Gruppe vom Verlagshaus in Pinneberg dorthin und  wieder zurück.

 

Zum Start der neuen Veranstaltungsreihe für unsere Leser steht ein Hamburg-Klassiker auf dem Programm: Der alte Elbtunnel, der richtig St.-Pauli-Elbtunnel heißt und 1911 eröffnet wurde. Damals war er eine technische Sensation. Heute ist er ein nostalgisches Stück Hamburger Geschichte − und ein teures. Seit 2009 wird der 426,5 Meter lange, in die Jahre gekommene Tunnel  saniert, weitere vier Jahre wird es noch dauern, bis die beiden gekachelten Röhren mit sechs Meter Durchmesser denkmalgeschützt auf neuestem technischen Standard sind.

Der Alte Elbtunnel war die erste Flussuntertunnelung des Kontinents  − und notwendig geworden, weil mit dem  Wachstum des Hafens auf der Südseite der Elbe seit den 1870er Jahren  auch die Zahl der Arbeiter, die täglich zweimal die Elbe überqueren mussten, stieg. Die kleinen Hafenfähren konnten die Menschenmengen bald nicht mehr bewältigen, dazu kam, dass der Fährverkehr zu stark von der Witterung abhängig war.  1901 erklärte sich der Senat bereit, das kostspielige Großprojekt in Angriff zu nehmen. 10,7 Millionen Goldmark kostete der Bau, an dem 4400 Arbeiter beteiligt waren. Im September 1911 wurde der Tunnel feierlich eröffnet.

Schier unvorstellbar sind die Kosten: 60 Millionen Euro wird am Ende jede Röhre kosten. „Anfangs sind wir pro Röhre von sieben Millionen Euro ausgegangen. Aber es gab viele böse Überraschungen, so dass wir am Ende eine  Kostensteigerung von 354 Prozent haben werden.“  Das sagt Hartmut Gräf. Er empfängt uns in 24 Metern Tiefe in der Oströhre, die gerade saniert wird und deshalb normalerweise nicht für Besucher  zugänglich ist. Für  „Barbaras Lesertour“ macht die Hamburg Port Authority (HPA) exklusiv eine Ausnahme.

Und einen besseren Fachmann hätten wir uns wohl nicht wünschen können: Als Projektleiter bei der HPA leitet Hartmut Gräf von Beginn an die Sanierung des alten Elbtunnels. Er ist mit jeder Kachel und jeder Fuge bis ins Kleinste vertraut und  bringt uns mit vielen Fakten ins Staunen: Wussten Sie zum Beispiel, dass die beiden Röhren tief unter der Elbe mit 12000 Tonnen Steinen aus Norwegen beschwert wurden, weil man befürchtete, die Röhren könnten sonst nach ihrer Entkernung zu leicht sein und auftreiben? Oder dass  die „Queen Mary 2“ den alten Elbtunnel nur bei Hochwasser passieren kann, weil nur dann  zwischen Schiffskiel und Röhre noch ein Meter Platz bleibt? Dass 300000 Keramikkacheln  angefertigt und verbaut wurden, 3600 Schraubverbindungen und 37 Kilometer Bleifugen ausgetauscht und super schwerer Beton verbaut wurde, der 3600 Kilo pro Kubikmeter wiegt? Man könnte die Liste der gigantischen Zahlen fortsetzen. Der alte Elbtunnel  ist ein Bauwerk der Superlative.

Hartmut Gräf, Leiter des Großprojekts Tunnel-Sanierung, erläutert  die  Sanierungsarbeiten. Als vor zehn Jahren immer mehr Elbwasser durch die Fugen sickerte, waren die Experten alarmiert
Tanja Plock

Hartmut Gräf, Leiter des Großprojekts Tunnel-Sanierung, erläutert  die  Sanierungsarbeiten. Als vor zehn Jahren immer mehr Elbwasser durch die Fugen sickerte, waren die Experten alarmiert

 

Vielen Teilnehmern der Lesertour geht es ähnlich: Die meisten hatten zwar schon mal den Pauli-Elbtunnel von den Landungsbrücken nach Steinwerder durchquert, aber das liegt viele Jahre zurück. Rainer Müller aus Rellingen etwa hatte früher öfter beruflich im Hafen zu tun und nutzte den Pauli-Elbtunnel für den kurzen Weg dorthin. „Das war eine schöne Zeit“, erinnert er sich.

Rolf Rittel aus Uetersen ist beeindruckt von der Konstruktion, der Bauleistung vor über 100 Jahren: „Sich so etwas auszudenken und in vier Jahren fertig zu bauen − sagenhaft“, sagt er und lässt den Blick schweifen über den prachtvollen Tunnel-Eingang aus Tuffstein an den Landungsbrücken. Dort sind wir  nach einer Zu-Fuß-Durchquerung der Oströhre gelandet. Dort nimmt uns André Käufer, einer von 20 Tunnel-Aufsehern, in Empfang. „Ich liebe meinen Job, mir macht es  Spaß, hier zu arbeiten und zum Beispiel mit den vielen Touristen Kontakt zu haben, die uns hier besuchen.“ Man glaubt es ihm sofort. Er unterhält uns fachkundig und witzig. „Wenn die Hafenarbeiter damals  hier am Ende der Woche aus dem Tunnel kamen, war  Lohntütenball.“ Lohntütenball? Tour-Teilnehmer Heiko Duch aus Pinneberg lacht: „Da hieß es dann: Hein, gib die Kohle her. Da nahmen die Frauen ihren Männern das Geld ab, damit sie das nicht auf Pauli ausgeben konnten."

Exklusive Blicke in den Maschinenraum

Der nächste Programmpunkt − exklusive Blicke in den Maschinenraum und in die Kuppel, in  der künftig Events stattfinden sollen. Dann geht es für uns zurück durch die Weströhre, die derzeit von Fußgängern, Radfahrern und Autos − wenn sie in die Fahrbahnbreite von 1,93 Meter passen − genutzt werden kann. Anfang kommenden Jahres steht dann der Wechsel an: Dann wird die Oströhre komplett fertig sein und für den Verkehr freigegeben, und  die Sanierung der Weströhre beginnt.

 

Für uns endet am Südeingang auf Steinwerder die kleine Tunnel-Expedition. Nach einer Stärkung mit Fischbrötchen am Aussichtspunkt mit herrlichem Hafenblick Richtung Michel, Landungsbrücken und Elbphilharmonie geht es mit dem Bus − und natürlich nicht ohne Stau − zurück nach Pinneberg. Alle sind erschöpft, aber „es war ein toller Tag, den man so schnell nicht vergisst“, findet Monika Neumann aus Barmstedt. Und Margitta Gassner aus Pinneberg meint: „Es hat mir sehr gut gefallen. Ich war zwar schon mal im Alten Elbtunnel, jedoch nicht so intensiv mit neuen Fakten. Man wundert sich immer über die immensen Kosten. Jetzt weiß ich endlich, was dahinter steckt.“

So geht es weiter: Nach der Auftakt-Tour folgen noch zwei weitere Lesertouren. Anmeldungen sind jeweils etwa zwei Wochen vor dem Veranstaltungstermin möglich. Wir weisen in der Tageszeitung darauf hin. Am Donnerstag, 30. August, 15 Uhr, beginnt eine Führung durch die Elbphilharmonie mit großem Saal. Am Freitag, 26. Oktober, 11.15 Uhr,  startet eine Besichtigung der Holsten-Brauerei.

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