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Konzertsaison 2017/18 : Auf der Jagd nach Tickets für die Elbphilharmonie - ein Erfahrungsbericht

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Hatz auf Karten kann zur nervenzerreißenden Geduldsprobe werden. Einige Vorverkaufsstellen kapitulieren.

shz.de von
erstellt am 13.Jun.2017 | 11:30 Uhr

Wedel | Viele Menschen haben in diesem Frühjahr schmerzlich feststellen müssen: Karten für die Hamburger Elbphilharmonie gehen weg wie warme Semmeln. Oder wie Matjesbrötchen auf den Landungsbrücken. Unser Reporter Tobias Thieme hat am Montag sein Glück im Hamburger Umland versucht. Ein Erfahrungsbericht.

Der 12. Juni steht bei vielen Kulturfreunden rot im Kalender. Seit Montag gibt es die Karten für die Spielzeit 2017/2018. Für mich war es ein besonders wichtiger Termin, hatte ich doch in jugendlichem Leichtsinn mit einem selbstgebastelten Gutschein zu Weihnachten einen Konzertbesuch in der Elbphilharmonie an meine Eltern verschenkt.

Punkt 10 Uhr sollte der Verkauf beginnen. Ich habe die Jagd am Vorabend geplant wie ein General. Eine Prioritätenliste mit zehn Terminen erstellt. Den Sitzplan des großen Saals analysiert. Buchungsbedingungen studiert. Vier Vorverkaufsstellen gibt es im Kreis Pinneberg. Elmshorn und Schenefeld: zu weit. Moorrege: Ein kleiner Kiosk, dessen Computersystem bestimmt zusammenbricht. Also Wedel: Die Agentur ist auf Reisen und Konzert-Tickets spezialisiert. Ein Fehler dort hinzugehen, wie sich später herausstellt.

Der Hype ist ungebrochen: Am Montag begann der Vorverkauf für die Tickets der kommenden Saison in der Elbphilharmonie. Viele Konzerte waren nach wenigen Minuten ausverkauft. Insgesamt gingen rund 100.000 Karten der drei Konzertveranstalter NDR, Hamburg Musik und Dr. Rudolf Goette in den Verkauf. Allein die Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette hatte 40.000 Karten für Elbphilharmonie und Laeiszhalle im Angebot. Die Tickets waren schon am Montagabend nahezu ausverkauft. Letzte Chance: Als einziger Veranstalter bietet Hamburg Musik die Möglichkeit noch bis zum 1. Juli Online-Tickets vorzubestellen. Dort entscheidet das Los.

9 Uhr: Start in der Elbmarsch. Schon auf der Fahrt kommen erste Zweifel. Wenn die Warteschlange so lang ist wie üblicherweise in Hamburg? Der Zeitplan ist auf Kante genäht, denn erfahrungsgemäß sind die Tickets ruckzuck weg.

9.30 Uhr: Parkplatzsuche in der Wedeler Innenstadt...

9.40 Uhr: Auf dem Bürgersteig vor der Verkaufsstelle warten bereits etwa 30 Menschen. Das wird ein knappes Ding, könnte aber im Bereich des Machbaren liegen. Die Leute plaudern entspannt, fachsimpeln über das Programm, lamentieren über die Vetriebsstrategie der Elbphilharmonie. Ich trete von einem Bein aufs andere. Im Internet stand, der Laden würde um 9 Uhr öffnen. Doch seine Türen sind noch immer fest verschlossen. Vielleicht wollten sich die Betreiber langwierige Diskussionen ersparen, weil der Verkaufsstart nicht verhandelbar ist.

9.55 Uhr: „Wäre ja ein Ding, wenn die nicht wenigstens um 10 Uhr pünktlich aufmachen“, unkt eine Dame mittleren Alters. Das macht mich nervös. Letztes Mal hatte ich den halben Tag erfolglos vor einem Computerbildschirm mit Fehlermeldungen verbracht, weil sämtliche Ticket-Server unter der Last der Anfragen in die Knie gingen. Ein Mann vor dem Wedeler Geschäft sagt: „Die machen eh’ erst um 12 Uhr auf.“ Wohl ein perfides Manöver, um Mitbewerber in der Warteschlange loszuwerden...

10 Uhr: Die Tür ist immer noch dicht. Mehrgleisig fahren, ist meine Strategie. Ich zücke das Smartphone und wähle auf der Homepage der Elphi mein Lieblingskonzert. Ticket kaufen, steht da. Klick. Geht doch. „Wir bitten um ihre Geduld. Zurzeit ist unser Buchungssystem vollständig ausgelastet. Sobald die Kunden vor Ihnen in der Warteschlange ihre Buchung abgeschlossen haben, sind Sie an der Reihe. Sie befinden sich auf der Warteliste momentan auf Platz... 6543.“ So wird das nix. Einen Joker gibt es noch. Ich habe blitzgescheit die Nummer der Ticket-Hotline gespeichert. Mit schweißnassen Fingern tippe ich das grüne Hörersymbol auf meinem Mobiltelefon an. Was heißen noch mal drei aufeinanderfolgende Pieptöne? Besetzt. Dauerbesetzt.

 

10.20 Uhr: In der Schlange wird es unruhig und irgendein Schlaumeier sagt nun zum zweite Mal, dass es erst um 12 Uhr losgeht. Jetzt bin ich nicht nur nervös, sondern auch misstrauisch. Schnell zur Tür gedrängelt. Tatsache! Da pappt ein Zettel an der Scheibe: „Aufgrund der hohen Anfrage für die Elbphilharmonie öffnen wir am Montag erst um 12 Uhr.“ Das steht da schwarz auf weiß – an der Tür einer offiziellen Vorverkaufsstelle. Die erstplatzierten Ticket-Jäger haben sich offenbar vorgenommen auszuharren. Im hinteren Teil der Reihe geht das Gewusel los. Bleiben oder Aufgeben? Für mich ist beides keine Option. Jetzt ist Improvisationstalent gefragt. Und Tempo. Ich sprinte um den Block zum Auto. Es geht schnurstracks nach Moorrege. Die Elf-Kilometer-Strecke ist gerade und hat wenig Ampeln.

10.40 Uhr: Zwischen Holm und Heist geht die Tachonadel an die Grenze dessen, was das Verkehrsrecht hergibt. Wäre doch gelacht, würde ich hier schon in den Sack hauen, denke ich mir grinsend. Bis sich eine Landmaschine mit ihrem fetten Hinterteil auf die Fahrbahn schiebt. Mir schießt der Satz eines großen Fußballphilosophen durchs Hirn: „Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.“ Bloß kein Harakiri. Durchatmen. Diszipliniert juckel ich hinter dem Trecker bis nach Moorrege. Top, eine freie Asphaltfläche rechter Hand. Läuft. Gleich beim Aussteigen gellt ein lauter Pfiff. „Ey, weg da, Privatparkplatz“, schreit ein aufgebrachter Firmenmitarbeiter. Irgendeine dunkle Macht scheint nicht zu wollen, dass ich zwei entspannte Stunden in Hamburgs 790-Millionen-Konzerthaus verbringe.

10.50 Uhr: Der Wagen ist an anderem Ort (fast) ordnungsgemäß abgestellt – und die Schlange vor dem Karten-Kiosk doppelt so lang wie in Wedel. Mir schwant, dass sich hier auch gestrandete Leidensgenossen aus der Rolandstadt sammeln. Immerhin: Die Tür der Verkaufsstelle ist geöffnet. Vorwärts geht es trotzdem nicht.

11 Uhr: Das System bricht immer wieder zusammen, raunen sich die Wartenden per Flüsterpost zu. Der Zeitdruck wird massiv, ich hätte längst in der Redaktion sein müssen. Aber so kurz vor dem Ziel? Auf den letzten Metern? Aufgeben? Niemals. Als die ersten Tropfen aus dem grauen Himmel fallen und die vielen klugen Menschen vor mir ihren Regenschutz aufspannen, wird mir klar, dass ich einen der schwersten Fehler begangen habe, die man sich in Norddeutschland überhaupt leisten kann: Ich habe meinen Schirm vergessen. Der Regen wird stärker, malt mir Tränen auf die Brille und spült schließlich alle Hoffnung auf ein großes Kulturerlebnis, auf ein paar Stunden Weltläufigkeit hinweg. Aus und vorbei. Tapfer gekämpft und trotzdem verloren. In meinem Kopf ertönt Mozarts Requiem d–Moll, das ich doch eigentlich erst im Herbst hatte hören wollen.

11.05 Uhr: Zurück am Auto. Im Büro wird mich gleich ein voller Schreibtisch erwarten. Aber eigentlich ist jetzt alles egal. Ich drehe den Zündschlüssel um. Ein letzter Blick aufs Smartphone. Bumm! „Sie befinden sich auf der Warteliste momentan auf Platz ...152“, lässt mich das Buchungssystem wissen.

11.10 Uhr: Alles ist wieder offen. Wenn ich jetzt Gas gebe, bin ich passend im Büro, um die Tickets online zu ordern. Mit quietschenden Reifen geht es los. Das Mobiltelefon klebt an der Autoscheibe. Am Ortsausgang ist der Zähler bereits bei Warteplatz 43. Mein Puls ist weit höher als medizinisch vertretbar. Zwischen Moorrege und Appen gibt es ein berüchtigtes Funkloch. Meine Schläfen pulsieren. Aus der Jagd nach den Tickets ist längst ein Spiel auf Leben und Tod geworden. Auf dem Display: „Wählen Sie jetzt ihre Plätze.“ Aus der Fahrschule weiß ich, dass man bei Tempo 100 auf der Landstraße keine Konzertkarten buchen darf. Also kräftig in die Eisen und rechts in einen Feldweg. Auf meinem Telefon soll ich jetzt stecknadelkopfgroße Sitz-Symbole antippen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fehlermeldung: Die gewählten Plätze sind bereits vergeben. Der digitale Warenkorb verdeckt die Übersicht der verfügbaren Stühle. Aus dem geöffneten Wagenfenster feuere ich alles, was mein bescheidenes Repertoir an Flüchen hergibt. Da. Ein Knopf. Auswahl löschen. Klick. Freie Sicht auf den Saal-Plan. Eins. Zwei. Drei. Vier. Kreditkartendaten. Bezahlen. In meinem E-Mail-Postfach liegt jetzt eine Nachricht. Dort steht: Sie haben vier Karten gebucht.

(mit dpa)

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