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Nach Hitzlspergers Coming-out : Auf dem Weg zur Normalität

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Abgeordneter kritisert Petition: Funktionsträger im Kreis halten Homosexualität für ein wenig kontroverses Thema.

von
erstellt am 19.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Das „Coming-Out“ des ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzlsperger und eine äußerst umstrittene Petition gegen die Vermittlung „sexueller Vielfalt“ im Schulunterricht. Keine Frage: Die Themen Homosexualität und Homophobie sind derzeit in aller Munde. Doch wie ist es mit der Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben im Kreis Pinneberg bestellt und vor allem: Sollten sich Menschen mit einer derartigen Orientierung öffentlich outen?

Katrin Lorenzen hat dazu eine klare Meinung. Die Sportreferentin, die in der Geschäftsstelle des VfL Pinneberg arbeitet, lebt seit acht Jahren mit ihrer Partnerin zusammen. Vor zwei Jahren fand die Hochzeit statt. „Ich würde prinzipiell dazu raten, dass homosexuelle Menschen ihre Neigung nicht verheimlichen, was leider oft geschieht. Je mehr damit an die Öffentlichkeit gehen, desto normaler wird es in den Augen der Anderen“, so die 30-Jährige. Homosexualität sei viel stärker verbreitet als gemeinhin vermutet. „Schätzungen zufolge ist jeder neunte Mensche schwul oder lesbisch“, so Lorenzen, die selber bislang keinerlei negative Erfahrungen nach ihrem „Coming Out“ gesammelt hat.

Auch Lorenzens Chef, VfL-Geschäftsführer Uwe Hönke, wünscht sich, „dass noch mehr homosexuelle Menschen den Mut finden, ihre Orientierung öffentlich zu machen und diese von der Gesellschaft nicht als Schwäche ausgelegt wird“. Gleichwohl seien „Coming Outs“ im Breitensport gar nichts Außergewöhliches: Sowohl in seiner Zeit als Geschäftsführer des Elmshorner Männerturnvereins, der er bis Mitte 2012 gewesen sei, als auch in seiner jetztigen Position habe er homosexuelle Sportler kennengelernt. Im Spitzensport und hier insbesondere im Bereich des Profifußballs sehe dies freilich etwas anders aus.

Etwas anders bewertet Karsten Tiedemann die Dinge. Der Geschäftsführer des Kreissportverbandes empfiehlt, den „Ball flach“ zu halten. „Das Thema wird aktuell medial überbewertet. Es gibt so viel Elend auf der Welt, da stimmt die Verhältnismäßigkeit einfach nicht mehr“, sagt er. Letztlich sei die sexuelle Orientierung Privatsache, die rechtliche Gleichsstellung in Deutschland gewährleistet. Die Wahrscheinlichkeit, dass schwule Fußballprofis im Stadion Opfer von Diskriminierungen werden, schätzt allerdings auch Tiedemann hoch ein. „Als Schritt zur Normalität fand ich das Outing von Thomas Hitzlsperger deshalb gut und, obwohl der Spieler nicht mehr aktiv ist, dennoch mutig.“

Und wie sieht es außerhalb des Sports aus? Als Leiter des Pinneberger Geschwister-Scholl-Hauses kennt Jens Schmidt die Stimmungen junger Menschen. „Im Großen und Ganzen“, sagt er, ist der Umgang mit Homosexualität ganz selbstverständlich“, so Schmidt. Speziell bei männlichen Jugendlichen gehöre das Schimpfwort „Schwuchtel“ gelegentlich allerdings durchaus zum eingesetzten Wortschatz, was nicht in Ordnung sei. Er selbst rate nicht unbedingt zum sofortigen „Coming Out“. „Wenn sich ein Jugendlicher mit diesem Anliegen an mich wenden würde, dann würde ich mich erst einmal kundig machen, wo es Netzwerke, wo es Unterstützung gibt“, so Schmidt.

Laut dem Kreis Pinneberger Bundestagsabgeordneten Ernst Dieter Rossmann (SPD) mangelt es an Anlaufstellen nicht. „Wir befinden uns hier im Umfeld einer Metropolregion. Da finden homosexuelle Menschen sicher ein breiteres Beratungsangebot vor als im ländlichen Baden-Württemberg“, so Rossmann, der sich für einen offenen Umgang mit dem Thema einsetzt – und das nicht zuletzt auch im Bereich Bildung. „Auch Sexualkunde im Unterricht stand früher heftig unter Beschuss und ist heute selbstverständlich verbindlicher Teil des Lehrplans“, so Rossmann. Das werde mit der Homosexualität ebenso geschehen. „Wir stehen unmittelbar vor einer zweiten Aufklärungswelle“, so der 62-Jährige weiter.

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