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Pinneberger Tageblatt

24. August 2017 | 09:05 Uhr

„Auf dem Balkon tut sich nichts“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Maikundgebung in Elmshorn: Ex-Gewerkschaftsfunktionär Frank Teichmüller ruft Arbeitnehmer zu mehr Engagement auf

„Manche sagen, sie sitzen am 1. Mai lieber auf dem Balkon. Aber auf dem Balkon tut sich nichts.“ Frank Teichmüller, ehemaliger Bezirksleiter der IG Metall Küste, kritisierte bei der traditionellen Maikundgebung vor etwa 200 Teilnehmern gestern Vormittag in Elmshorn einmal nicht nur Wirtschaft und Politik: Auch für die Arbeitnehmer hielt er mahnende Worte parat. „Wir werden den Mindestlohn bekommen, weil wir darum gekämpft haben“, stellte Teichmüller fest.


In den Betrieben kann sich etwas tun


Der langjährige Gewerkschaftsfunktionär nannte auch gleich ein paar Beispiele für mehr Engagement der Kollegen: „Nicht auf dem Balkon, sondern in den Betrieben und an den Arbeitsplätzen können wir etwas tun. Wir können Betriebsräte wählen und Tarifverträge durchsetzen.“ Teichmüller erinnerte daran, dass etwa der Ausstieg aus der Atomenergie eingeleitet wurde, weil sich viele Menschen dafür jahrelang eingesetzt und gekämpft hätten. „Das haben wir nicht Frau Merkel oder einem anderen Politiker zu verdanken.“

„Für gute Arbeit und ein soziales Europa“ – nach dem Motto der bundesweiten Maikundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) kritisierte Teichmüller unter anderem, dass Arbeitnehmer aus Bulgarien und Rumänien mit Werkverträgen nach Deutschland gelockt würden, um nachher als Scheinselbstständige zu arbeiten. „Ich habe den Eindruck, dass manche Politiker glauben, wir leben auf einer Insel und alles andere um uns herum interessiert nicht“, so der Mairedner. Es würden Fachkräfte abgeworben, die auf Kosten anderer Länder ausgebildet wurden und dann dort fehlten. „Damit werden diese Länder kaputtgespart“, sagte Teichmüller. Und wer heute ein T-Shirt für fünf Euro kaufe, müsse wissen, dass dafür in Sri Lanka Menschen 70 Stunden in der Woche arbeiteten und davon noch nicht einmal leben könnten. „Deutschland lebt nicht auf einer Insel. Es sind unsere Konzerne, die den Regenwald abholzen, und es sind deutsche Panzer, die woanders eingesetzt werden. Wir sind ein Teil des Problems. Wir brauchen ein menschliches Europa und eine menschliche Welt“, forderte Teichmüller.

Zuvor hatte Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje festgestellt, dass die Menschen in Deutschland eigentlich in wirtschaftlich guten Zeiten lebten und die Bundesrepublik der Wirtschaftsmotor Europas sei. „Dahinter stehen aber Leiharbeit und befristete Arbeitsverhältnisse“, kritisierte er. Unverständnis zeigte der Krückaustädter Verwaltungschef auch für das unterschiedliche Lohnniveau von Arbeitnehmern in West und Ost sowie dafür, dass Frauen immer noch weniger als Männer verdienten.

Melanie Meyer von der DGB-Region Schleswig-Holstein Südost erinnerte daran, dass der DGB in diesem Jahr sein 65-jähriges Bestehen feiert. „Wir haben gemeinsam mit den Gewerkschaften stets dafür gestritten, dass alle Menschen arbeiten und leben können und sie einen gerechten Anteil am erarbeiteten Wohlstand haben“, sagte sie. Für die musikalische Umrahmung auf dem Alten Markt sorgte die „Oma Körner Band“ mit Politrock. Vor der Kundgebung waren die Demonstranten vom Gewerkschaftshaus an der Schulstraße durch die Innenstadt marschiert.

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