Bewährungshilfe im Kreis Pinneberg : Auf Bewährung in ein neues Leben

Für verurteilte Straftäter kann die Bewährungszeit eine Chance auf ein neues Leben sein.
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Für verurteilte Straftäter kann die Bewährungszeit eine Chance auf ein neues Leben sein.

Nach Körperverletzung, Diebstahl, Betrug: Mehrere hundert Straftäter werden drei Jahre lang unterstützt und kontrolliert.

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21. Juli 2015, 12:00 Uhr

Pinneberg | Sie haben Menschen verletzt, bestohlen, betrogen, vergewaltigt, Tiere gequält oder gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen – und sollen beim Start in ein neues Leben Hilfe bekommen. Bewährungshilfe. Acht hauptamtliche Bewährungshelfer sind im Kreis Pinneberg im Einsatz, um verurteilte Straftäter zu unterstützen und ihre Bewährungsauflagen zu kontrollieren. Was sie bei unangekündigten Hausbesuchen entdecken, und in welchen Fällen sie ihre Verschwiegenheitspflicht brechen dürfen, berichten die Bewährungshelfer Hans Heinrich Wittenhagen (63) und Birte Haupt (54) aus der Dienststelle Pinneberg sowie Hans-Joachim Braasch (60) aus Elmshorn.

„Im Durchschnitt betreuen wir 65 Probanden pro Helfer“, sagt Wittenhagen über aktuelle Fallzahlen. Vom Schüler über den Diplom-Kaufmann bis zum Hartz-IV-Empfänger haben Wittenhagen und seine Kollegen im Kreis Pinneberg mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zwischen 14 und 72 Jahren zu tun. „Die weniger Qualifizierten schlagen bei uns häufiger auf“, sagt er. Einlassen muss er sich professionell auf alle Straftäter. Gibt es dabei persönliche Herausforderungen? „Wenn jemand ein Kind massiv missbraucht und vergewaltigt hat, werde ich immer ein Problem haben“, so Wittenhagen. Mit einem Probanden habe er beispielsweise gerade thematisiert, dass er nicht an Spielplätzen vorbeizugehen habe.

Der Großteil der Probanden sei wegen Körperverletzung, Eigentumsdelikten, Drogen oder Betrügereien verurteilt worden. „Wir kontrollieren die Bewährungsauflagen und stehen den Probanden mit Rat und Tat zur Seite. Der Aspekt der Resozialisierung macht den Hauptteil unserer Arbeit aus“, sagt Braasch.

Unterstützung bei Jobcenter, Polizei oder Krankenkasse

Haupt beschreibt, dass Unterstützung bei Gesprächen im Jobcenter, bei Polizei oder Krankenkassen sowie Weitervermittlung an Netzwerkpartner wie Beratungsstellen zum Job gehören. „Sich zwischen Kontrolle und dem Hilfsaspekt zu bewegen, ist eine permanente Gradwanderung“, so Wittenhagen. „Es geht darum, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, nicht die Probleme für die Probanden zu beseitigen“, so Braasch. „Wir bemühen uns, kein überbehütendes Verhalten zu zeigen, nicht ein Helfersyndrom zu entwickeln. Damit hilft man nicht“, sagt Braasch.

Im Jugendstrafrecht sei Bewährungshilfe grundsätzlich vorgegeben, im Allgemeinstrafrecht liege die Entscheidung im Ermessen des Richters, so Wittenhagen. Das betreffe alle Straftäter, die auf Bewährung verurteilt oder vorzeitig aus einer Justizvollzugsanstalt entlassen werden, so Wittenhagen. Die meisten Auflagen, die es zu kontrollieren gilt, seien Therapie-, Geld- und Sozialauflagen. Durchschnittlich drei Jahre lang werde ein Proband betreut.

Unangekündigte Hausbesuche

„Wir machen auch unangekündigte Hausbesuche. Dann sieht man die Realität“, erläutert Braasch. Das sei der Fall, wenn sich die Probanden nicht mehr melden oder man den Eindruck habe: „Da kann etwas nicht stimmen.“ Es sei bereits vorgekommen, dass jemand gesagt habe, er lebe abstinent. „Dann steht man vor der Tür und hört schon die Flaschen klimpern oder nimmt einen süßlichen Geruch von Cannabis wahr.“

Einmal habe er es erlebt, dass kleine Kinder dabei waren, während Drogen auf dem Tisch lagen und die Eltern nicht mehr in der Lage waren, mit den Kindern umzugehen. Braasch habe sofort das Jugendamt eingeschaltet. „Das sind die Extremfälle, wo eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Bei Gefahr im Verzug darf ich meine Verschwiegenheitspflicht brechen“, so Braasch. Sonst versuche er die Probanden zu bewegen, selbst Kontakt mit Behörden aufzunehmen und sich Hilfe zu suchen. Zur Auskunft verpflichtet sei er lediglich dem Gericht. Und sollten die Probanden Hausbesuche ablehnen, habe er keine Handhabe dazu, sich vor Ort ein Bild zu verschaffen.

Doch viele Probanden würden die Unterstützung der Bewährungshelfer annehmen. „Sie sagen: Ja, ich will die Unterstützung, weil ich mein Leben ändern will“, so Braasch. Andere hätten Angst, weil sie nicht wissen, was Bewährungshilfe bedeute. Ein weiterer Teil verhalte sich ablehnend. Immer wieder haben es die Bewährungshelfer auch mit „Durchgängern“ zu tun, die „mehrmals mit dem Gesetz im Konflikt standen und mehrmals im Knast saßen“, so Braasch.

Im Landgerichtsbezirk Itzehoe hat die Bewährungshilfe insgesamt vier Dienststellen: in  Elmshorn, Pinneberg, Meldorf und Itzehoe. Insgesamt 14 Bewährungshelfer sind dort im Einsatz, acht davon im Kreis Pinneberg. Ihre Fälle werden ihnen vom Landgericht zugewiesen. Für die Arbeit als Bewährungshelfer ist ein Bachelor- oder Masterabschluss in Sozialarbeit oder Sozialpädagogik notwendig.

„Das wir einen Bewährungswiderruf anregen müssen, kommt aber sehr selten vor“, sagt Wittenhagen. Laufe es mit den Auflagen nicht, gebe es einen Anhörungstermin vor Gericht. Oft werde nochmal eine Chance gegeben. „Über den Daumen gepeilt kommen mehr als zwei Drittel durch die Bewährung.“

Gefährliche Situationen im Umgang mit den Probanden haben die Bewährungshelfer noch nicht erlebt. „Bei Hausbesuchen habe ich aber manchmal Angst, dass sie Hunde haben“, gibt Braasch zu. Wittenhagen habe in der Vergangenheit schon einen aufgebrachten Probanden aus dem Büro bitten müssen. Und falls Gespräche mit schwierigen Gesprächspartnern anstehen, halten die Kollegen Augen und Ohren offen.

Eine Tendenz beobachten alle drei Bewährungshelfer: Ihnen begegnen zunehmend Probanden mit psychischen Auffälligkeiten, mit Desinteresse, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern, mit dem Gefühl, von der eigenen Lebensorganisation überfordert zu sein. Und statt wie früher mit Schlips und Kragen tauchten in Zeiten der Fernseh-Gerichtsshows immer mehr Jugendliche mit Käppi und Kaugummi vor dem Richter auf.

Doch trotz manchmal schwieriger Auseinandersetzungen mit den Probanden sagt Haupt: „Unterm Strich kann man sagen, dass die Arbeit Spaß macht und viele Menschen froh sind, dass sie die Hilfen haben. Das ist das, was uns Freude an der Arbeit macht und uns aufbaut.“

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