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Reportage : Arthur Weckwert aus Borstel-Hohenraden: Beckenbauer tanzte nach seiner Pfeife

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Arthur Weckwert aus Borstel-Hohenraden ist seit 50 Jahren als Schiedsrichter aktiv. Einsätze im Profifußball. 70-Jähriger steht heute noch an der Linie.

shz.de von
erstellt am 13.Apr.2015 | 14:05 Uhr

Borstel-Hohenraden | Arthur Weckwert nimmt das kleine grüne Buch im DIN-A6-Format in die Hand. Fußball-Regeln. Passend für die Hosentasche. „Das hat uns früher gereicht, um die Grundlagen zu erlernen“, sagt Weckwert. Heute sei das Lehrbuch im DIN-A5-Format und deutlich dicker. Früher ist mittlerweile mehr als 50 Jahre her. 1965 pfiff der damals 20-Jährige sein erstes Fußballspiel.

„Ich kam nach anderthalb Jahren beim Grenzschutz zurück und beim Tus Borstel-Hohenraden fehlte ein Schiedsrichter“, sagt Weckwert und ergänzt: „Einer musste es ja machen.“ Er meldete sich mit zwei Sportskameraden zur Schiedsrichterschulung an. Weckwert hatte schon damals einen Führerschein und wurde zum Fahrer erkoren. „Nach den Schulungen haben wir immer unseren Lehrmeister aus Elmshorn mitgenommen nach Pinneberg“, erinnert sich der 70-Jährige und schiebt schmunzelnd nach: „Das hatte nichts damit zu tun, dass ich die Prüfung bestanden habe.“

Sein erstes Spiel ist ein Topspiel der Kreisklasse: TSV Sparrieshoop gegen den FC Pinneberg. Danach will Weckwert nicht mehr pfeifen, denn er hatte drei Platzverweise gegeben. „Ich habe echt überlegt, ob ich weiter pfeifen soll und mit ganz vielen Kollegen gesprochen“, so der 70-Jährige. Er pfiff weiter. Er stieg auf, wie er es selbst nennt. Irgendwann pfiff er die Verbandsliga. „Aufsteigen geht nur über gute Noten“, sagt Weckwert. Acht bis neun Spiele pro Saison wurden in der Verbandsliga bewertet. In höheren Spielen wurde jedes Spiel benotet. Die Bewertungsbögen hat Weckwert aufgehoben. Alle? „Das weiß ich gar nicht“, sagt der Schiedsrichter des Tus Borstel-Hohenraden.

Arthur Weckwert (Zweiter v. l.) war dabei: Handschlag vor einem Freundschaftsspiel in Heist mit HSV-Spieler Felix Magath (l.). (Foto: tas)
Arthur Weckwert (Zweiter v. l.) war dabei: Handschlag vor einem Freundschaftsspiel in Heist mit HSV-Spieler Felix Magath (l.). (Foto: tas)
 

Mehr als 1600 Spiele hat er gepfiffen. 1972 wurde er in den Verbandsschiedsrichterausschuss Hamburg berufen. Als Linienrichter wurde er fast ein Jahrzehnt in der Zweiten Bundesliga eingesetzt. Stadionhefte von Rot-Weiß Oberhausen, Hertha BSC, Tasmania und Wacker 04 Berlin zeugen von seiner Zeit im Oberhaus. An eines hat er sich dabei gewöhnt: „Mein Name wurde nie richtig geschrieben.“

Bis zu 50 Spiele pfiff er pro Saison Ende der 1970er-Jahre. „Ich war fast jedes Wochenende unterwegs.“ Vor allem die Zweite Liga hätte Zeit gekostet: Freitags Anreise, Sonnabend das Spiel und Sonntagmorgen ging es zurück. Dennoch habe er die Zeit immer genossen: „Der Zusammenhalt unter den Schiedsrichtern ist top. In 50 Jahren habe ich nie Neider erlebt.“ Vor allem die Spiele in Berlin. „Berlin war immer eine Reise wert“, sagt Weckwert. Besonders in Erinnerung blieb ihm das 4:1 von Hertha BSC gegen Darmstadt 98 im November 1980. „Da waren 40.000 Menschen auf der Tribüne. Beeindruckend.“ Anders als bei Tasmania Berlin: „Da konntest du die Zuschauer fast mit Handschlag begrüßen. Da kamen nur 6000 bis 7000 Zuschauer ins Stadion.“ 1981 pfiff er das Endspiel des Hafenpokals zwischen dem Hamburger SV und Celtic Glasgow mit Stars wie Frank Beckenbauer, Uli Stein, Manfred Kaltz, Felix Magath, Pat Bonner oder David Moyes. „Das war eines der absoluten Highlights“, so Weckwert.

Ein Höhepunkt: Arthur Weckwert (r.) beim Hafenpokal-Finale zwischen Celtic Glasgow und dem HSV mit Stars wie Horst Hrubesch (Vierter v. r.) und Franz Beckenbauer (Achter v. r.). (Foto: tas)
Ein Höhepunkt: Arthur Weckwert (r.) beim Hafenpokal-Finale zwischen Celtic Glasgow und dem HSV mit Stars wie Horst Hrubesch (Vierter v. r.) und Franz Beckenbauer (Achter v. r.). (Foto: tas)
 

1982 war dann Schluss. Seine Tochter kam zwei Jahre zuvor als zweites Kind zur Welt. „Meine Frau ist schon ausgerastet, wenn die Ansetzungskarten des DFB kamen“, erinnert sich Weckwert. Mit Familie sei der Profibereich zu zeitintensiv gewesen. Zudem habe er keine Lust mehr auf Vereinspolitik gehabt: „Es gab immer wieder mal Knüppel zwischen die Beine, wenn ich was gesagt habe.“

Sein vorgezogenes Abschiedsspiel war das Finale des Hamburg-Pokals, dem Vorgänger des Oddset-Pokals, zwischen Bergedorf und St. Pauli. Fortan pfiff er wieder im Amateurbereich. „Ich habe mir in den Jahren ein dickes Fell zugelegt“, berichtet der 70-Jährige. Daher habe er auch den Messerangriff auf ihn nach dem Spiel Lurup gegen Bergedorf in der Landesliga gelassen gesehen. Die Zeitungsartikel darüber liegen fein säuberlich in seiner Mappe.

Die Trophäe: So nah wie Arthur Weckwert aus Borstel-Hohenraden kommen nur wenige dem WM-Pokal „Coupe Jules Rimet“. (Foto: tas)
Die Trophäe: So nah wie Arthur Weckwert aus Borstel-Hohenraden kommen nur wenige dem WM-Pokal „Coupe Jules Rimet“. (Foto: tas)
 

„Ich rate jedem, einmal selbst den Schiedsrichter zu machen“, sagt Weckwert. Das Wichtigste sei der erste Pfiff: „Wenn der sitzt, dann läuft das Spiel von alleine.“ Nach drei roten Karten im ersten Spiel sei er in den Folgejahren mit weniger als zehn ausgekommen: „Ich habe lieber geredet als mit Karten rumgefuchtelt. Das fehlt mir heute auf dem Platz. Ich habe mich immer als Lehrer gesehen, der mit 22 Schülern auf den Platz geht. Ich wollte keinen vom Platz stellen, aber habe den einen oder anderen belehrt.“ Etwas wehmütig sagt Weckwert: „Früher konnte man reden. Heute scheint das im Profifußball nicht mehr modern zu sein.“

Außer der Schiedsrichterei war Weckwert auch als Helfer (Volunteer) im Einsatz – bei allen DFB-Spielen in Hamburg. Prospektverteiler, Fahrdienst, Platzeinweiser – alles machte er ehrenamtlich. „Dafür wurden wir super eingekleidet“, so Weckwert. Zudem gab es für jedes Spiel eine Urkunde.

Auch beim letzten europäischen Auftritt des HSV in der Europa League im April 2010 gegen den FC Fulham war er im Stadion. Nach dem Halbfinale fuhr er die Ehrengäste. Unter anderem den Kultschiedsrichter Pierluigi Collina. „Die meisten wollten ins Hotel. Er wollte aber noch etwas trinken. Da ich durch meinen Job als fast alle Gaststätten in Hamburg kenne, habe ich ihn dann bei einem Spanier abgesetzt“, erinnert sich der frühere Außendienstler, der Restaurants beliefert hat.

Vor der WM 2006 durfte Weckwert bei einer Ehrenamtsgala mit dem echten WM-Pokal posieren. „Nur anfassen war nicht erlaubt.“
Seit einem Jahrzehnt sitzt er als Beisitzer im Verbandsgericht. Und auch auf dem Platz steht er noch. 10 bis 15 Mal pro Saison. Am 19. April pfeift er die Damen-Bezirksliga: FC Elmshorn gegen Halstenbek-Rellingen. „Ich pfeife noch so lange wie ich von Eckfahne zu Eckfahne laufen kann und einigermaßen schnell und auf Ballhöhe bin.“ Fit halte er sich mit Radfahren, Joggen und Gartenarbeit. „Das hält richtig fit.“ Sein großer Wunsch: „Ich würde gerne erleben, wie mein Enkel ein Spiel pfeift.“

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