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Pinneberger Tageblatt

19. August 2017 | 00:37 Uhr

Arbeiterstrich: EU machtlos

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Auf dem Wilhelmsburger Stübenplatz bleibt die Ausbeutung Alltag – trotz der neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit für Osteuropa

6 Uhr morgens. Der Asphalt ist nass vom Regen der vergangenen Nacht. Die Lichter der Straßenlaternen spiegeln sich in den Pfützen. In kleinen Grüppchen stehen die Männer auf dem Stübenplatz im Hamburger Hafenviertel Wilhelmsburg – die Hände in den Taschen ihrer Jeans, den Jackenkragen gegen die morgendliche Hamburger Kälte hochgeschlagen. Sie rauchen und telefonieren. Sie kommen aus Rumänien und Bulgarien. Deutsch verstehen die wenigsten von ihnen. Ihr Ziel für den heutigen Tag: Arbeit. Hin und wieder kommt ein Transporterfahrer auf den Platz gefahren. Hält an, kurbelt das Fenster runter. Wie auf ein Zeichen nähern sich die Männer. Ein kurzes Gespräch – einige der Wartenden steigen ein.

Der Stübenplatz verwandelt sich morgens in einen Arbeiterstrich, wie es ihn inzwischen in vielen deutschen Städten gibt. Dutzende Osteuropäer warten hier täglich auf einen Job. Die neue Arbeitnehmerfreizügigkeit, die Rumänen und Bulgaren seit Jahresbeginn erlaubt, in Deutschland regulär nach Arbeit zu suchen, hat an ihrer Situation wenig geändert. Von den neuen Arbeitsregelungen hat am Stübenplatz bisher kaum einer gehört.

„Die Tagelöhner-Praxis hat sich einfach durchgesetzt“, erklärt Rüdiger Winter von der Hamburger Beratungsstelle Arbeit und Leben. Er berät seit zwei Jahren osteuropäische Migranten, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt Probleme haben. Immer wieder kommen auch Tagelöhner vom Stübenplatz zu ihm. 80 Prozent von ihnen stammen aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Viele haben keine Berufsausbildung. Sie beladen und entladen Container im Hafen, machen Abrissarbeiten auf Baustellen, arbeiten in der Fleischverarbeitung oder als Reinigungskraft. „Das mit dem Sozialtourismus ist ein Märchen“, sagt Winter. Sicherlich gäbe es vereinzelt Ausnahmen, aber in der Regel kämen die Bulgaren und Rumänen, weil Deutschland mit Arbeit locke.

Doch vielen Arbeitern sei nicht bewusst, dass sie dadurch scheinselbstständig seien. Die Arbeitgeber sparen an ihnen Sozialabgaben, Steuern und Gehälter. Die müssten die Arbeiter zahlen. Doch ihr Verdienst liegt meist weit unter dem Mindestlohn. Zehn bis zwölf Stundenschichten mit einem Tageslohn von 20 Euro seien keine Seltenheit, sagt Winter. Zum Leben reicht das kaum. „Mit einem Verdienst von 500 bis 600 Euro im Monat können sie sich keine Krankenversicherung leisten“, erklärt Winter. „Häufig müssen sie noch bis zu 300 Euro für ein Bett im Mehrbettzimmer in völlig unhygienischen Kellerlöchern zahlen.“ Wenn dann noch der Lohn nicht gezahlt wird, bleibt nur noch ein Leben auf der Straße.

Wie viele Osteuropäer in Hamburg in solchen Verhältnissen leben und arbeiten, lässt sich kaum schätzen. In den vergangenen zwei Jahren haben Rüdiger Winter und sein Team 4200 Beratungsgespräche geführt und mehr als 380 Gerichtsverfahren eingeleitet – in den meisten Fällen, weil den Tagelöhnern kein Lohn gezahlt wurde. „Solche Verfahren enden meist mit einem Vergleich und die Tagelöhner ziehen weiter in eine andere Stadt – oder gehen zurück in ihre Heimat.“

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erstellt am 12.Feb.2014 | 15:39 Uhr

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