Seelsorger für Soldaten : Appener diskutieren Afghanistan-Einsatz

Andreas-Christian Tübler war bereits auf vier Auslandseinsätzen. Afghanistan habe ihn mit am meisten geprägt.
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Andreas-Christian Tübler war bereits auf vier Auslandseinsätzen. Afghanistan habe ihn mit am meisten geprägt.

Militärpfarrer berichtet über seinen Einsatz in Kabul und beantwortet Fragen.

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29. Januar 2018, 16:30 Uhr

Appen | Andreas Christian Tübler ist Militärpfarrer in der Appener Marseilkaserne. Von Juli bis September 2017 war er als Seelsorger bei den deutschen Soldaten in Kabul stationiert. Am vergangenen Donnerstag berichtete er auf Einladung des Männerstammtisches der St-Johannes-Gemeinde im Appener Gemeindehaus von seinen Eindrücken aus dem Land am Hindukusch. Seinen Vortrag unterstützte er durch eindrucksvolle Bilder und Videos, die sie Vielseitigkeit des Landes dokumentierten. Anschließend hatten die Erschienen Zeit, zu diskutieren und Fragen zu stellen. Dabei ging es besonders um die Sinnhaftigkeit des Einsatzes.

Zu Beginn stellte Tübler klar: „Mein Verhältnis zur Bundeswehr bezeichne ich als kritische Solidarität. Ich erlaube mir eine eigene Meinung.“ Er als Militärpfarrer sei ein ziviler Teil innerhalb des Militärs. Entsprechend sei er loyal, aber auch kritisch. Seine Funktion als Seelsorger sei es, für die Soldaten als Ansprechpartner außerhalb der militärischen Rangordnung zu fungieren, Konflikte der Soldaten zu begleiten.

Afghanisten sei ein Land mit vielen Facetten. Tübler berichtete von einem modernen internationalen Flughafen bei der Ankunft, aber auch von der ständigen Bedrohung. „Die Devise war, immer in Bewegung zu bleiben, damit einem niemand eine Bombe unter das Auto klemmen konnte.“ Das deutsche Militär sei in Afghanistan zwar nur in Mission eines „Resolut Supports“, also einer beratenden Funktion, aber resolut – also wehrhaft im Angriffsfall – und somit mit Einverständnis der Regierung vor Ort. Die Taliban aber seien damit nicht einverstanden. Mit Angriffen von ihnen müsse man immer rechnen – auch im zivilen Bereich.

„Die Taliban wollen dem Land keine Chance zur Entwicklung lassen“, berichtet Tübler. Dennoch gebe es auch ein anderes Afghanistan, in dem erste Keime einer neuen Gesellschaft zu entdecken seien: Engagierte Journalisten oder die Leiterin eines Waisenheims, bei dessen Unterstützung auch die Bundeswehr Hilfe bot, einen Brunnen für sauberes Trinkwasser bohren lies. „Gerade die Kinder in Afghanistan sind freundlich und aufgeschlossen.“ Bei einem Besuch in dem Kinderheim hatten die Kleinen die Soldaten mit Blumen geschmückt. „Das war unheimlich schön, angesichts der schwierigen Verhältnisse, in denen wir dort sind“, erinnert sich Tübler. Auch atemberaubende Landschaften gehören zum Charakter des vielschichtigen Landes. „In den 60-ger Jahren war der Bildungsstandard in Afghanistan sehr hoch, es war ein kulturell hochentwickeltes Land“, erinnert Tübler das Publikum. Dorthin zurückzukehren sei das Ziel. Viele Fragen hatten die Appener. Am Ende aber konzentrierte sich die Diskussion vermehrt auf die Frage, ob ein Einsatz dort jemals zu einem Ergebnis führen wird. „Kann man die Probleme überhaupt lösen? Sind es nicht Perlen vor die Säue geworfen?“, fragte ein Zuhörer. Tübler antwortete: „Das kann man so sehen. Aber vielleicht wäre es noch schlimmer ohne dies?“

„Ich fand den Vortrag sehr gut“, kommentierte Zuhörerin Kirsa Hollnagel. „So einen direkten Eindruck zu bekommen, was die Mission dort eigentlich ausmacht von jemandem, der vor Ort war.“ Ein weiterer Zuhörer, Heiko Degen, sagte: „Der Vortrag ist leidenschaftlich und authentisch.“ Wie gefiel Tübler selbst der Abend, der bei Bier und Salzstangen im Publikum zeitweise gefährlich zwischen gesunder Gemütlichkeit und Stammtischatmosphäre schwankte? „Mir hat es gefallen“, so Tübler. „Mein Ziel war es, verschiedene Seiten zu beleuchten, das Land ganzheitlich zu zeigen. Es gibt viel Schlimmes, aber auch viel Schönes. Afghanistan ist mehr als staubige Straßen und die Angriffe der Taliban.“

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