Interview : „Antisemitismus ist wieder hoffähig“

Wolfgang Seibert lebt seit mehr als 30 Jahren in Pinneberg und ist seit 14 Jahren Vorsitzender der hiesigen jüdischen Gemeinde.
Wolfgang Seibert lebt seit mehr als 30 Jahren in Pinneberg und ist seit 14 Jahren Vorsitzender der hiesigen jüdischen Gemeinde.

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Pinneberg, Wolfgang Seibert, spricht über das Aufflammen des Nahost-Konflikts und Antisemitismus in Deutschland.

shz.de von
29. Dezember 2017, 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Israelische Flaggen brennen auf den Straßen, Politiker mit völkischen Ansichten sitzen im Bundestag, Donald Trumps Jerusalem-Entscheidung versetzt nicht nur die arabische Welt in Aufruhr, türkische und arabische Nationalisten tragen ihren Antisemitismus offen zur Schau: Die aktuelle Entwicklung bereitet Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Pinneberg, einige Sorgen. Im Interview mit dem Pinneberger Tageblatt spricht er unter anderem über die Probleme Israels und erklärt, wie die Gemeinde versucht, gegen Antisemitismus anzugehen.

Frage: Für Diskussionen sorgt, dass bei Demonstrationen in Deutschland israelische Flaggen verbrannt wurden. Hat Sie das schockiert?

Wolfgang Seibert: Ich bin es schon seit ein paar Jahren gewohnt, dass israelische Flaggen verbrannt werden. Ich finde dieses Verhalten nicht gut. Wir haben früher während des Vietnamkriegs auch amerikanische Fahnen angezündet. Das war falsch. Genauso falsch ist es heute, israelische Fahnen zu verbrennen.

Ist der Antisemitismus größer geworden?

Vielleicht hat er nicht zugenommen. Er ist aber auf alle Fälle wieder hoffähig geworden. Früher traute sich kaum jemand zu sagen, dass er Antisemit ist. Mittlerweile stehen viele auch öffentlich dazu. Daran hat eine Partei wie die AfD sicherlich ihren Anteil.

Macht Ihnen dieser offene Antisemitismus Angst?

Ein bisschen schon. Auf der anderen Seite kann ich den Gegner so besser einschätzen.

Wie beurteilen Sie den Einzug der AfD in den Bundestag?

Ich habe den Eindruck, dass wir in relativ komplizierten Verhältnissen leben. Und die AfD liefert auf schwierige Fragen einfache Antworten - auch wenn völlig klar ist, dass deren Vorstellungen in der Realität nicht umzusetzen sind. Manche suchen simple Lösungen und fühlen sich auch durch die vielen Zuwanderer gestört. Bei denen rennt die AfD offene Türen ein. Ich hoffe, dass die Partei weniger Zuspruch hat, wenn die Menschen merken, dass sie nichts bewirkt und nur große Reden schwingt.

Etliche arabische und türkische Nationalisten haben ein negatives Israel-Bild. Wie kann man gegensteuern?

Die Einstellung richtet sich nach der Bildung. Bei syrischen und irakischen Flüchtlingen, die gebildet sind und gegen die Regierungen in ihren Heimatländern sind, fällt der Antisemitismus nicht auf fruchtbaren Boden, weil er in ihrer Heimat Staatsdoktrin war. Gerade vor diesem Staat sind sie ja geflüchtet. Bei manchen Türken ist mir aufgefallen, dass sie schlecht informiert sind und einfach das übernehmen, was Erdogan von sich gibt. Dazu gehört leider auch ein negatives Israel-Bild.

Wolfgang Seibert (70) ist seit 14 Jahren Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Pinneberg. Er ist in Frankfurt geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Pinneberg. Vor seinem Ruhestand arbeitete der Vater dreier erwachsener Kinder als Journalist und war unter anderem für die Frankfurter Rundschau tätig. Als Fußballer schaffte es der begeisterte Fan des FC St. Pauli bis in die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt.

Hat sich das Klima gegenüber den Juden in Deutschland verändert?

Zumindest in Pinneberg merke ich nichts davon. Die Bevölkerung steht uns größtenteils sehr positiv gegenüber. Lediglich ein paar Salafisten geben antisemitische Parolen von sich. Die rechte Szene ist in Pinneberg zum Glück sehr schwach.

Welche Möglichkeiten hat die jüdische Gemeinde, gegen Antisemitismus anzugehen?

Wir müssen auf die Menschen zugehen und ihnen zeigen, dass ihre Vorurteile falsch sind. So haben unsere Gemeindemitglieder beispielsweise Flüchtlingen geholfen, die 2015 und 2016 in Deutschland ankamen. Die waren erstaunt, dass sie ausgerechnet von Juden unterstützt wurden. Dadurch setzte bei einigen ein Umdenken ein.

Für Aufregung sorgte die Ankündigung des US-Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?

Ich halte ihn für nicht durchdacht und dumm. De facto ist Jerusalem die Hauptstadt. Es gibt aber keinen Grund, das öffentlich hinauszuposaunen. Wenn man die Verständigung mit den Palästinensern will, muss man sich mit solchen Äußerungen zurückhalten.

Ist eine Verständigung zwischen Israel und den Palästinensern überhaupt noch möglich?

Mit der jetzigen israelischen Regierung wohl kaum. Es ist bezeichnend, dass sich Ministerpräsident Benjamin Netanjahu so gut mit Trump versteht. Beide sind Nationalisten, mit denen kaum an einen Kompromiss zu denken ist. Auch die Palästinenser sind keine einfachen Verhandlungspartner. Nach meiner Auffassung müsste man sich viel offensiver mit der Zwei-Staaten-Lösung auseinandersetzen. Die ist aber allein wegen der israelischen Siedlungspolitik schwierig. Wie will man mit den Siedlungen umgehen, wenn tatsächlich ein Staat Palästina entstehen sollte und sich die Siedlungen mittendrin befinden?

Glauben Sie, dass Israel von anderen Staaten angegriffen werden und die Situation im Nahen Osten eskalieren könnte?

Aktuell nicht. Der Irak und Syrien haben genug mit sich selbst zu tun. Ägypten und Jordanien halten sich raus und mit Saudi-Arabien arbeitet Israel sogar zusammen. Den Iran halte ich dagegen für eine Gefahr, unter anderem, weil er die Hisbollah unterstützt und diese bis an die Zähne bewaffnet. Fraglich ist zudem, was vom Libanon zu erwarten ist. Ich hoffe, dass Israel von seinem missglückten Libanon-Feldzug gelernt hat und auf weitere militärische Abenteuer verzichtet. Klar ist, dass momentan niemand sagen kann, wie sich die Situation im Nahen Osten entwickeln wird, weil niemand weiß, was in Ländern wie Syrien und dem Irak passiert. Die Region wird ein Pulverfass bleiben.

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