Das Sonntagsgespräch : Andreas-Christian Tübler: „Die Angst gewinnt bei mir nie die Oberhand“

„Bundeswehr ist eine notwendige Institution. Eine kritische Distanz ist aber nie verkehrt“, sagt Andreas-Christian Tübler.
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„Bundeswehr ist eine notwendige Institution. Eine kritische Distanz ist aber nie verkehrt“, sagt Andreas-Christian Tübler.

Der Militärseelsorger der Appener Marseille-Kaserne über Auslandseinsätze und die Arbeit mit Soldaten.

shz.de von
15. April 2018, 14:00 Uhr

Pinneberg | Andreas-Christian Tübler leitet das evangelische Militärpfarramt in der Appener Marseille-Kaserne. Im Sonntagsgespräch berichtet er unter anderem von seiner Arbeit während der Auslandseinsätze in Afghanistan, Liberia und Mali.

Wie kam es dazu, dass Sie Militärseelsorger wurden?
Ich hatte vorher zwölf Jahre ein kirchenleitendes Amt inne und pendelte dabei zwischen Sitzungen und Schreibtisch. Vor meinem Ruhestand wollte ich aber gerne noch einmal etwas ganz anderes machen. Ein Kollege brachte mich auf die Idee, als Militärseelsorger zu arbeiten. Das klang für mich nach einer spannenden Aufgabe. So kam ich 2010 nach Appen.

Andreas-Christian Tübler (61) ist seit 2010 Militärseelsorger in der Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen. Vorher war er unter anderem in Westfalen-Lippe in der Kirchenleitung, persönlicher Referent der Bischöfin in Hamburg und Gemeindepastor. Tübler wurde in Mölln geboren und lebt in Hamburg. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.


Was sind die größten Unterschiede zur Arbeit als Pfarrer in einer Kirchengemeinde?
Ich muss mich weniger mit Verwaltungsaufgaben beschäftigen, dafür mehr mit Menschen. In der Kirchengemeinde ist zudem das Altersspektrum der Menschen größer, mit denen man als Pfarrer zu tun hat. Das ist auch gut so. Vom kleinen Kind bis zum 80-Jährigen ist alles vertreten. Bei der Bundeswehr treffe ich dagegen auf die jungen Leute, die sonst mit Kirche nicht so viel am Hut haben.

Was macht den Reiz Ihrer Arbeit aus?
Sie ist enorm abwechslungsreich und geht weit über die reine Seelsorge hinaus. Genauso wichtig ist es, über unsere Werte und ethische Fragen zu sprechen. Demokratieverständnis, Extremismus und Terrorismus, die Arbeit der Medien, die Funktion der Parteien, die verschiedenen Religionen - die Bandbreite der Themen ist groß, mit denen sich die Soldaten beschäftigen sollen. Dabei geht es unter anderem darum, das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen zu erhöhen. Leider ist es inzwischen so, dass auch viele Soldaten Politik und Medien misstrauen. Darüber muss man sprechen.

Hat sich Ihre Haltung zur Bundeswehr durch Ihre Arbeit verändert?
Ich war schon vorher ein solidarischer aber auch kritischer Beobachter und frage mich zum Beispiel, wieso es so schwierig ist, die notwendige Ausrüstung zu beschaffen und vorzuhalten. Ich versuche die Soldaten, im Rahmen der „Inneren Führung“ dazu zu bringen, Befehle auch schon mal kritisch zu hinterfragen. Es geht mir nicht darum, etwas schlechtzumachen, im Gegenteil. Bundeswehr ist eine notwendige Institution. Eine kritische Distanz ist aber nie verkehrt.

Sie haben auch Soldaten in einen Einsatz nach Kabul begleitet. Was hat Sie dort besonders bewegt?
In Erinnerung sind mir die ständigen Alarmübungen geblieben. Dadurch wurde mir bewusst, dass wir durchaus Ziel eines Angriffs sein könnten, obwohl die Bundeswehr in diesem wunderschönen Land mit den überaus freundlichen Menschen sehr angesehen war. Gerade aufgrund der möglichen Gefahren sind alle eng zusammengerückt. Mich hat die Wertschätzung der Soldaten enorm gefreut. Sie haben die Möglichkeit ausgiebig genutzt, mit mir über ihre Probleme zu reden. Viele haben auch darüber nachgedacht, ob der Einsatz überhaupt sinnvoll ist. Das ging mir nicht anders. Einerseits ist Afghanistan ein Fass ohne Boden. Dazu kommt, dass man häufig den Eindruck hat, dass sich nichts bewegt. Das stimmt aber nicht. Es hat sich in den vergangenen Jahren durch die internationale Hilfe viel verändert.

War der Einsatz für Sie persönlich eine Bereicherung?
Ja – genauso wie die Einsätze in Mali, Liberia und im Irak. Es ist eine Bereicherung zu erleben, wie andere Kulturen „ticken“. Mir fiel auf, dass gerade in den armen Ländern die Menschen häufig nicht so unterkühlt sind wie in Deutschland. Viele Menschen dort müssen mit wenig auskommen. Gleichzeitig sind sie zufrieden.

Was waren für Sie die Schicksale, die Sie am meisten berührt haben?
Bewegende Gesprächssituationen gab es einige, zum Beispiel als mir ein Sanitäter schilderte, dass sein autistischer Sohn ihm vorgeworfen hatte, er würde in Afghanistan Menschen töten. Dabei ist seine Aufgabe als Sanitäter genau das Gegenteil. Dass er nach Wegen suchte, das seinem Sohn beizubringen, hat mich sehr berührt.

Hatten Sie während der Einsätze Angst?
Mir persönlich ging der Liberia-Einsatz sehr nahe, als dort die Ebola-Krankheit wütete. Mit diesem unsichtbaren Feind konfrontiert zu werden, fand ich sehr belastend. Die Befürchtung, selbst zu erkranken, war natürlich da. In Kabul waren vor allem die ersten Wochen schwierig. Danach nahm die Furcht ab. Die Angst gewinnt bei mir aber nie Oberhand, weil ich ein optimistischer Mensch bin.

Ist auch die Entwicklung der Kirche ein Thema, über das Soldaten mit Ihnen reden wollen?
Eher weniger. Wenn überhaupt, dann in Pausengesprächen. Die meisten jungen Leute haben kein großes Interesse an der Kirche. Sie wird vor allem dann zum Thema, wenn es um allgemeine Religionsfragen geht. Dennoch „werbe“ ich für die Kirche. Ich versuche sie lebendig darzustellen. Manchmal gelingt es mir auch. Im Übrigen ist mir aufgefallen, dass gerade muslimische Bundeswehrsoldaten auch über die christliche Religion sehr viel wissen.

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