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Pinneberger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 00:13 Uhr

An Bestattungskosten verzweifelt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Kreis Pinneberg zahlt 2015 insgesamt 147 212 Euro an Zuschüssen für Beerdigungen / Pinneberger Bürger fühlt sich im Stich gelassen

arbeitlos, zu geringes Einkommen. Plötzlich verstirbt ein mittelloser Angehöriger, zu dessen Bestattung der Hinterbliebene verpflichtet ist. Zur Trauer kommt Verzweiflung aufgrund der finanziellen Belastung. So erging es es jetzt Arne M. (Name der Redaktion bekannt) aus Pinneberg. Im August verstarb sein Vater. Der 30-Jährige blieb mit Bestattungs- und Friedhofskosten von 3400 Euro allein zurück. „Ich kann teilweise nicht mehr richtig schlafen. Die Beerdigung ist noch frisch für mich.“ Seinen Frieden machen könne er aufgrund der finanziellen Belastung nicht.

Immer mehr Betroffene wenden sich in solchen Situationen an die Sozialämter im Kreis Pinneberg, heißt es seitens des Fachdienstes Soziales der Kreisverwaltung. In diesem Jahr sprang der Kreis Pinneberg bisher in 76 Fällen ein und erstattete die Kosten komplett oder zumindest teilweise mit einer Gesamtsumme in Höhe von 147  212 Euro. Allein im Zuständigkeitsbereich des Sozialamts Pinneberg wurden davon in 34 Fällen 2015 mit 65  000 Euro Beerdigungen gezahlt oder bezuschusst.

Nicht immer ist mit einem Zuschuss die finanzielle Last genommen. Nachdem Arne M. einen Antrag beim Sozialamt gestellt hatte, wurde ihm die Erstattung von Beerdigungskosten im Wert von lediglich 1700 Euro gewährt. „Ich fühle mich vom Sozialamt Pinneberg im Stich gelassen“, so Arne M. Jahrelang sei er als selbstständiger Maler tätig gewesen, habe in Höchstzeiten bis zu acht Mitarbeiter gehabt, Arbeitsplätze geschaffen.

Als ein Auftraggeber einen größeren Auftrag nicht zahlte, habe er Insolvenz anmelden müssen, fand einen neuen Job als angestellter Maler und musste von seinem Gehalt seine Schulden bezahlen. 1000 Euro hatte Arne M. nach eigenen Angaben danach zunächst monatlich übrig, wovon er auch Verwandten Unterkunftskosten sowie laufende Versicherungen zu zahlen hatte. „500 Euro blieben mir zum Leben“, so Arne M.

Das Sozialamt habe die Höhe der Erstattung anhand seiner Einkommenverhältnisse berechnet, so Arne M. Doch welches Einkommen? Der Insolvenzverwalter habe trotz der Beerdigung einer Minderung seiner monatlichen Schuldenlast nicht zugestimmt, so Arne M. Er legte Widerspruch gegen den Bescheid des Sozialamts ein.

Aufgrund saisonbedingter Auftragseinbrüche habe Arne M. kurz darauf seinen Job verloren und lebt nun von Arbeitslosengeld II. „Selbst auf das Geld warte ich bereits seit zwei Monaten“, sagt er. „Ich bin vollkommen mittellos.“ Geschenkt haben wolle er nichts, was ihm nicht zustehe, dennoch brauche er in dieser Situation Hilfe.

Für eine einfache würdige Bestattung nach Wunsch des Verstorbenen oder bestimmten Glaubensriten komme der Kreis auf, bestätigt Kreissprecher Oliver Carstens. Das gelte für zur Zahlung rechtlich verpflichtete Hinterbliebene, die Kunden des Jobcenters oder Sozialamts seien, oder falls eine Einzelperson oder Ehepartner beispielsweise nach Abzug von Miete, Fahrtkosten oder Unterhaltsverpflichtungen weniger als 808 Euro Einkommen im Monat hätten. Berücksichtigt würden die Lebensverhältnisse vom Todeszeitpunkt bis zu vier Monaten danach. Ein Antrag könne bis zu sechs Monate nach dem Tod des Angehörigen beim Sozialamt gestellt werden.

Zum Fall einer Insolvenz sagt Carstens: Es könne nicht sein, dass private Schulden weiter bedient werden und der Staat belastet werde. „Selbsthilfe steht vor Sozialhilfe. Nicht für alle Schicksalsschläge des Lebens hat der Gesetzgeber vorgesorgt.“

Pinnebergs Stadtsprecher Marc Trampe bestätigte, dass der Widerspruch Arne M.’s gegen eine Teilerstattung der Beerdigungskosten nun beim Kreis zur Entscheidung liege. Doch laut Arne M. habe dieser bereits telefonisch eine Absage erteilt. Was bei ihm momentan bleibt: Verzweiflung, zunächst keine Aussicht auf Hilfe – und Bestattungsschulden von 1700 Euro.


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