Intendantin von Kampnagel im Interview : Amelie Deuflhard: „Unsere Künstler wollen die Welt verändern“

Eine Schwäbin, die seit zehn Jahren in Hamburg lebt: Amelie Deuflhard.
Eine Schwäbin, die seit zehn Jahren in Hamburg lebt: Amelie Deuflhard.

Die Intendantin der Kulturfabrik Kampnagel über politisches Theater, die Krawalle beim G20-Gipfel und die Vitalität Hamburgs.

shz.de von
03. Februar 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | Amelie Deuflhard ist eine vielbeschäftigte Frau. Die Kampnagel-Intendantin muss noch packen. Am Tag nach dem Gespräch geht es zur Stippvisite nach Berlin, anschließend nach Leipzig zur Literaturtagung, die Woche drauf fliegt die 58-Jährige zu einem Performance-Festival nach Teheran. Deuflhard ist eine sehr politische Intendantin, auch wenn es ihr bei den zahlreichen Inszenierungen auf Kampnagel, einer ehemaligen Maschinenfabrik im Stadtteil Winterhude, um „neue Formen des Erzählens und der Ästhetik“ geht.

Frau Deuflhard, Kampnagel versteht sich als freies, internationales Produktionshaus. Was ist das Besondere?
Amelie Deuflhard: Frei wird oft geschrieben, wegen der freien Szene, das heißt, die Künstler, deren Arbeiten wir zeigen, sind nicht beim Theater angestellt, sondern arbeiten freischaffend mit unterschiedlichen Institutionen, wie beispielsweise Kampnagel, zusammen. Darum ist mir die Bezeichnung internationales Produktionshaus lieber. Das trifft unsere Arbeitsweise am besten, weil wir sowohl mit der lokalen Szene zusammenarbeiten als auch mit Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt. Wir haben eine klare Haltung: Think global, act local. Wir hatten hier Rap-Musiker aus Burkina Faso. Da sind dann viele Leute aus der westafrikanischen Community Hamburgs im Publikum.

Amelie Deuflhard (58) wuchs in Stuttgart auf. Die studierte Kulturwissenschaftlerin zog 1990  mit ihrer Familie nach Berlin. Dort arbeitete sie zunächst als Produktionsleiterin für freie Theater, Tanz- und Musikprojekte. Im Jahr 2000 wurde sie Intendantin der Berliner Sophiensäle. 2004 wurde Deuflhard eine von drei künstlerischen Leitern des Projekts Volkspalast, einer festivalartigen Bespielung des Palasts der Republik. Im Jahr 2007 übernahm sie die künstlerische Leitung und Geschäftsführung von Kampnagel, dessen internationales Renommee seitdem immens stieg. Im Sommer 2016 verlängerte sie ihren Vertrag zum zweiten Mal bis ins Jahr 2022. Deuflhard ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.


Welche Rolle spielt Kampnagel in der Hamburger Theaterlandschaft?

Wir haben ja eine reiche Theaterlandschaft, mit zwei Staatstheatern Thalia und Schauspielhaus und einer Vielzahl von Privattheatern, die Sprechtheater im weitesten Sinne bieten. Wir machen sehr wenig klassisches Theater, dafür viel Performance, internationalen Tanz, Konzerte und auch Konferenzen zu aktuellen Themen. Wir sind in Hamburg das Haus für zeitgenössische darstellende Künste. Die Künstler, die wir einladen, arbeiten oft nicht nur in einem Genre, sondern vermischen die unterschiedlichen Kunstsparten. Sie wollen etwas neu erfinden und die Welt verändern. Viele Kampnagel-Künstler sind Kinder der Avantgarde und weltberühmt: Pina Bausch, Sasha Waltz oder William Forsythe. Auch Yoko Ono war vor einigen Jahren hier. Das unterscheidet uns von den anderen Häusern, die eher das klassische Repertoire anbieten und zudem feste Ensembles beschäftigen.

Kampnagel versteht sich ja als „Open House“. Welche Rollespielen Sie da in der „Refugees-Welcome“-Bewegung?
Bevor es losging mit der großen Flüchtlingsbewegung 2015 haben wir die „Eco-Favela Lampedusa Nord“ in unserem Garten gebaut, ein Haus, das als Performance-Projekt über sechs Monate ein Winterquartier für Geflüchtete war. Es ist umgetauft worden, heißt jetzt „Migrantpolitan“ und ist als Ort eine selbstverwaltete Community für geflüchtete und nicht geflüchtete Künstler. Es werden dort eigenständig Projekte entwickelt. Es ist niederschwellig, jeder kann machen, wozu er Lust hat. Außerdem programmieren wir zusammen mit unserem syrischen Ko-Kurator zum Beispiel Bands aus den Herkunftsländern vieler Geflüchteter. Es gibt regelmäßig „Oriental Karaoke“, wir produzieren zusammen mit dem Nigerianer Larry Moore Macauley, der hier im Dezember zu einer großen Medienkonferenz eingeladen hatte, die „Refugee Voices TV Show“ und bauen ein wachsendes Netzwerk auf, das Chancen offenbart für die Leute, die hier angekommen sind. Wenn syrische Bands auf Kampnagel spielen, sieht man den Leuten im Publikum nicht an, ob sie Refugees sind oder schon lange hier leben.

Ist Deutschland, was die Flüchtlingsthematik angeht, auf einem guten Weg?

Auf alle Fälle hat Deutschland sehr gut agiert. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel, gegen großen Widerstand auch in ihrer Partei, 2015 die Grenzen aufgemacht hat, ringt mir großen Respekt ab.

Wie wichtig ist es als Theater, sich auch politisch einzumischen?
Für mich ist es sehr wichtig, ein Haus oder ein Festival, das ich leite, auch politisch zu positionieren. Deshalb laden wir auf Kampnagel auch regelmäßig Theoretiker und Aktivisten ein, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen und virulenten politischen Fragen beschäftigen. Wir sind beispielsweise Teil eines europäischen Netzwerks zum Thema Klimawandel. Außerdem setzen wir uns seit vielen Jahren mit Kolonialismus und Postkolonialismus auseinander; in Kunst und Theorie.

Sie waren auf Kampnagel ja bei dem dann krawallumtosten G20-Treffen im Juni mit einem riesigen Kontrastprogramm vertreten. Ging dies wegen der Ausschreitungen unter?
Zunächst einmal nicht. Es gab große mediale Resonanz und weit über 1000 Besucher für unseren „Gipfel für globale Solidarität“. Es waren kritische Wissenschaftler und Aktivisten da, die über die gleichen Themen wie die Politiker auf dem G20-Gipfel diskutiert haben, aber aus einer anderen kritischen Perspektive. Tatsächlich ist zu beobachten, dass nach jedem internationalen politischen Gipfel die Berichterstattung über gewaltsame Ausschreitungen dominiert und dahinter der ernsthafte Diskurs leider verschwindet. Hier ist die Rolle der Medien zu hinterfragen.



Hat sich die linksautonome Szene durch die Gewalttaten nicht diskreditiert?

Mein Eindruck ist, dass die Leute um die Rote Flora zum alleinigen Sündenbock gemacht werden. Klar haben sie sich auch ungeschickt verhalten und unbedachte Statements abgegeben. Ich persönlich glaube, dass eine große Stadt wie Hamburg autonome Zentren braucht, um einer Gegenöffentlichkeit abseits von Kommerz Raum zu verschaffen.

Lassen Sie sich politisch verorten?
Ich bin auf alle Fälle in keiner Partei. Wichtiger ist mir, dass wir als Kulturinstitution politische Diskussionen mit unterschiedlichen Meinungen begleiten können. Wir arbeiten mit Künstlern zusammen, die politisch radikalere Haltungen haben, und auch mit solchen, die moderater sind. Es geht um eine Diversität von Meinungen. Dafür stehen wir auch ästhetisch. Nur so entsteht ein Dialog. Meine Grenze ist da erreicht, wo politische Meinungen mit Ausschluss und Rassismus zu tun haben. Ich fühle mich geradezu verpflichtet, auch mit künstlerischen Projekten Aufklärungsarbeit zu leisten.

Braucht es auch militanten Widerstand von links?
Grundsätzlich bin ich Pazifistin und gegen jeglichen Militarismus und auch gegen gewalttätige Polizeieinsätze. Stattdessen bin ich dafür, auf Demonstrationen deeskalierend vorzugehen. Unsere Tools auf Kampnagel sind Kunst und Wissenschaft und nicht Protest und Gewalt.

Ist Hamburg ein guter Ort für freigeistige Kultur?
Offensichtlich. Obwohl Hamburg ja eigentlich eine gemäßigt konservative Stadt ist. Es gibt aber eine große Vitalität. Zum Beispiel mit dem Gängeviertel oder der Planbude auf St. Pauli, wo das Areal der abgerissenen Esso-Hochhäuser per Anwohner-Beteiligung neu geplant wird. Es gibt ein solides, kritisches Potenzial in dieser Stadt.

Welche Vorteile bieten auf Kampnagel die weiten, hohen Fabrikhallen?

Die Fabriktheater, zu denen Kampnagel auch gehört, wurden ja in den 1970er- und 1980er-Jahren überall in Europa gegründet. Viele davon existieren leider nicht mehr. Man wollte damals ausziehen aus den klassischen Betrieben, wo altmodisches Theater gemacht wurde. Hierzu sollten neue Räume her. Bei Stadttheatern hat man eine Black Box, einen Raum, der abgeschottet ist von außen. Da hört man weder Straßenlärm noch Feuerwehrautos von außen. Das ist bei uns komplett anders. Die Idee war, damit auch näher an die Realität ranzukommen. Das war auch ein Effekt der 68er-Bewegung, viele Künstler gründeten damals kollektive Strukturen. Wir haben flache Hierarchien und wollen nah an der Gesellschaft dran sein. Die Fabrikhallen haben Geschichte und Charisma, es ist aber nichts vorgegeben. Es sind leere Räume, die für alles Mögliche einsetzbar sind. Außerdem haben wir ein riesiges Außengelände mit Kanalzugang, was wir im Sommer auch für die Produktionen nutzen.

Es geht immer also auch um die kulturelle Eroberung von Raum . . .
Meine künstlerischen Wurzeln liegen im Berlin nach der Wende, der großen Zeit der Raumpioniere in Berlin. Damals waren in Berlin-Mitte viele Ladenwohnungen, Schulen, Fabriken, Versammlungsorte leer. Dann kamen unterschiedlichste Leute: Galeristen, Unternehmer, Bäcker, Klamottenhändler, die diese Räume nutzten. In dieser Zeit wurde mir klar, Raum bedeutet auch Freiheit und ist als Potenzial unwahrscheinlich wichtig für Kreativität. In Hamburg gehen solche Freiräume durch den massiven Wohnungsbau verloren. Künstler versuchen aber immer wieder, Raum zurückzuerobern und zu erkämpfen. Hier in Hamburg ist ihnen das zum Beispiel mit dem Gängeviertel gelungen. Vielleicht schaffen sie es auch mit der Hafencity.

Amelie Deuflhard persönlich

Links zu sein ist ein wichtiges politisches Statement, weil . . . kritisch sein wichtig ist, weil selbst zu denken die beste und wichtigste Fähigkeit ist, die wir haben.

Wäre ich keine Theaterintendantin. . . ,würde ich vielleicht eine Menschenrechtsorganisation leiten.

Schwäbisch an mir ist . . .,dass es fast angeboren ist, mit dem Geld auszukommen, das man hat.

Hanseatisch an mir ist . . . die Liebe zum Wasser.

Olaf Scholz ist ein guter Bürgermeister,weil . . . er die Stadt unglaublich gut kennt und in Bezug auf viele Themen äußerst kompetent ist.

Olaf Scholz ist ein schlechter Bürgermeister, weil  . . . er manchmal ein bisschen vorschnell verurteilt und die Fokussierung auf innere Sicherheit mir nicht so gut gefällt.

Eine Flüchtlingsobergrenze ist Quatsch, weil. . . sie gegen unser Grundgesetz verstößt, das besagt, dass wir Menschen in Not aufnehmen müssen.

Die Elbphilharmonie finde ich . . . ein grandioses Gebäude, das Hamburg international attraktiver macht und neben der Kaufmannsstadt plötzlich die Kulturstadt strahlen lässt.

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