Aus dem Stadtgespräch : „Alter ist etwas Relatives“ – wie Reinhard Töpler sich für ein seniorengerechtes Pinneberg engagiert

Reinhard Töpler setzt sich für die Belange der Älteren in der Stadt Pinneberg ein. Jung gegen Alt ausspielen will er aber nicht und sieht die Entwicklung der Renten auch für die heute Jungen kritisch: „Die Jungen und die Alten müssen sich gegenseitig Luft zum Leben lassen.“

Reinhard Töpler setzt sich für die Belange der Älteren in der Stadt Pinneberg ein. Jung gegen Alt ausspielen will er aber nicht und sieht die Entwicklung der Renten auch für die heute Jungen kritisch: „Die Jungen und die Alten müssen sich gegenseitig Luft zum Leben lassen.“

Der Vorsitzende des Seniorenbeirates der Stadt Pinneberg erklärt im Interview, warum Ältere immer mehr Einfluss haben.

shz.de von
24. Mai 2018, 17:20 Uhr

Pinneberg | Reinhard Töpler, Vorsitzender des Seniorenbeirats der Stadt Pinneberg, hat eine ganz eigene Meinung zu dem Thema Alter. Im Interview spricht er über die Generationengerechtigkeit und darüber, ob Pinneberg eine seniorengerechte Stadt ist.

Frage: Herr Töpler, was macht der Seniorenbeirat der Stadt Pinneberg?
Reinhard Töpler
: Den Seniorenbeirat gibt seit 26 Jahren. Er besteht aktuell aus acht Mitgliedern – wir hatten kürzlich einen Todesfall – und soll laut Gemeindeordnung und unserer Satzung die Interessen und Bedürfnisse der älteren Einwohner wahrnehmen. Wir beraten die Ratsversammlung und ihre Ausschüsse. Aber nur in den Angelegenheiten, die die älteren Einwohner betreffen. Wir dürfen an Sitzungen teilnehmen, das Wort verlangen oder Anträge an die Ratsversammlung und ihre Ausschüsse stellen.

Ab wann gilt man als älterer Einwohner?
Wenn man das 60. Lebensjahr vollendet hat. Das sind in Pinneberg derzeit 14.000 Menschen, Tendenz steigend. Wir sind dabei, die 30-Prozent-Marke zu knacken.

Läuft Ihre Arbeit gut?
Naja. Intern ist alles wunderbar. Wir kommen mit Politik und Verwaltung sehr gut aus. Unser Problem ist ein anderes: Was in den vergangenen 25 Jahren passiert ist, ist eine Revolution. Die Gesellschaft hat sich völlig verändert. Praktisch jedes Thema ist heute ein Seniorenthema. Viele Entscheider sind heute Senioren. Hinzu kommt, dass auch unsere Satzung durch die gesellschaftliche Entwicklung weitgehend überholt wurde. Wir sollen Interessen wahrnehmen. Aber laut Satzung haben wir keinen eigenen Etat. Im Gegensatz zum Jugendbeirat, der eine modernere Satzung hat. Trotzdem setzen wir viele Dinge um, ohne Mittel in Anspruch zu nehmen. Wir haben eine eigene Homepage für uns in Leben gerufen. Und wir bieten Computereinführungskurse im alten AKAD-Gebäude an, die ohne die substantielle Hilfe von Joachim Dreher nicht möglich gewesen wären. Und ich habe mitgeholfen, dass der Verein „Die weiße Speiche“ 2016 das Grundstück Am Hafen kaufen durfte.

Ist Pinneberg eine seniorengerechte Stadt?
Ja. Doch. Sie ist zumindest auf einem guten Weg. Die Barrierefreiheit ist inzwischen im Landesbaurecht gang und gäbe, es wird heute nichts mehr gebaut, das nicht seniorengerecht ist – schon aus wirtschaftlichen Gründen. Die ärztliche Versorgung ist in Ordnung, Hamburg liegt vor der Tür.

Zur Person
Reinhard Töpler wurde am 1. August 1936 in Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) geboren. Er ist Augenoptiker-Meister und Hörgeräteakustiker. Weil sein Vater immer der Arbeit hinterher zog, lebte Töpler unter anderem in Hessen, Niedersachsen und Bayern. 1962 zog er nach Pinneberg und arbeitete bis zum 63. Lebensjahr erst als Augenoptiker, dann als Hörgeräteakustiker. Von 1990 bis 2003 saß er als Ratsherr für die CDU in der Ratsversammlung und war neun Jahre lang auch erster stellvertretender Bürgervorsteher. Parallel baute er für den VfL Pinneberg den Fitness- und Gesundheitssportbereich mit auf. 2016 wurde er zum Vorsitzenden des Seniorenbeirates gewählt und setzte sich unter anderem für die Erstellung einer Notfallmappe ein. Töpler ist verheiratet, hat zwei Töchter und vier Enkel.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Es fehlt an seniorengerechtem und bezahlbarem Wohnraum. So wie zum Beispiel in der Mühlenstraße 55, ein Projekt für berufstätige Menschen mit Handicap. Dort gibt es Wohnungen mit zirka 50 Quadratmetern, deren Mietpreis 300 Euro im Monat nicht übersteigen sollen. Es gibt Bestrebungen, mehr solcher Projekte zu schaffen. Aber ein Vorhaben am Blauen Kamp stößt noch auf Schwierigkeiten. Ein Vorhaben in Waldenau am Kreisel ist aus städtebaulichen Gründen abgelehnt worden. Wissen Sie, ältere Menschen wollen nicht wegziehen. Sie wollen in ihrer Gegend bleiben, aber sich verkleinern. Dafür gibt es nur unzureichende Möglichkeiten.

Meine Generation hätte lieber bessere Kitas und bessere Schulen als steigende Rentenbeiträge. Wie sehen Sie das?
Genau wie Sie. Mir liegen die jungen Menschen, die Nachkommen am Herzen. Wir haben ein Solidarsystem, das die Schere zwischen Arm und Reich weiter vergrößert anstatt sie zu verkleinern. 0,2 Prozent aller Rentner bekommen 2.000 Euro oder mehr Rente pro Monat. Es gibt Paare, die haben zwischen 7.000 und 8.000 Euro zur Verfügung. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich gönne das allen von Herzen. Aber ich sage auch, dass die jungen Leute das nicht mehr lange tragen können. Es ist zu viel. Meine Töchter sind Jahrgang 1971 und 1974. Was die später an Rente bekommen werden, reicht nicht. Die Jungen und die Alten müssen sich gegenseitig Luft zum Leben lassen. Das geht. Aber nicht mit dem bestehenden System.

Wenn Sie könnten, was würden Sie daran ändern?
Ich würde das Versorgungssystem inklusive Renten- und Krankenkassensystem umfassend reformieren. Mein Großvater hat bis zu seinem 74. Lebensjahr als Beamter gearbeitet. Wenn das vor 100 Jahren möglich war, dann sollte man heute eine ähnliche Flexibilität anstreben. Alle beklagen das Pflegesystem mit den teuren Heimen. Besser als neue Altenheime aber wären neue Wohnkonzepte. Die Holländer haben ein System namens „Buurtzorg“ erfunden. Buurtzorg heißt übersetzt Nachbarschaftshilfe. Dabei werden Pflegefachkräfte für den Einsatz in ihrer Nachbarschaft ausgebildet. Ein Lösungsbaustein sind auch sogenannte Quartierkonzepte, die Gemeinschaftszentren in der Stadt schaffen. Und ich würde massive Forderungen an die Alten stellen. 29 Milliarden Euro haben wir Alten gerade die Pflegekasse gekostet. Wie kann sein? Die Alten müssen lernen, sich umzustellen. Sie müssen lernen, dass sie nicht aufzuhören dürfen, sich zu bewegen, sich ordentlich zu ernähren und sich fortzubilden. Wir dürfen doch nicht damit aufhören, nur weil wir in Rente sind! Das dürfen wir erst, wenn wir tot sind.

Was könnte die Gesellschaft tun?
Sie könnte über den Verkehr nachdenken. Die Elektromobilität wird kommen. Das geht aber nur, wenn es die Möglichkeit gibt, die Verkehrsflächen variabel aufzuteilen. Dem aber steht die heutige Bauweise mit den hohen Bordsteinen oft entgegen. Ich bin nicht dafür, die alten Leute aufs Fahrrad zu setzen. Oft fehlt die Kraft dafür, und es gibt Unfälle. E-Rollis sind eine gute Lösung. Aber oft ist der Fußweg zu schmal, die Straße voll, der Bordstein wie gesagt zu hoch.

Wie stehen Sie zu Fahrtauglichkeitstests für Senioren?
Schwieriges Thema. Es gibt Menschen, die sollte man nicht mehr hinters Steuer lassen, weil sie nicht mehr richtig hören, sehen oder sich bewegen können. Als ich noch als Optiker gearbeitet habe, kam einmal ein Mann in mein Geschäft. Er kroch fast. Ich sagte: „Hören Sie mal, Sie können nicht mehr Autofahren!“ Er sah mich an und sagte: „Ja meinen Sie denn, ich kann noch laufen?“ Die Frage ist doch: Wie werde ich dem Menschen gerecht? Das Schlimmste ist, wenn man sich zum Richter aufschwingt. Man muss die Dinge beurteilen und nicht den Menschen. Und ja: Die Grenze ist dort erreicht, wo man beginnt, sich und andere beim Autofahren zu gefährden.

Was ist für Sie alt?
Hm. Ich selbst kann mir gut vorstellen, 100 Jahre alt zu werden. Es gibt 20-jährige Alte und 80-jährige Junge. Die Wahrheit ist: Alter ist etwas sehr Relatives.

Noch mehr Geschichten rund um das Thema „Im besten Alter" lesen Sie Freitag in Ihrem Stadtgespräch, dem Monatsmagazin des Pinneberger Tageblattes. Sie finden das Stadtgespräch einmal im Monat in Ihrem Pinneberger Tageblatt und an allen bekannten Auslagestellen.

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