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Zeitreise durch Schenefeld : Als die Stadt noch ein Kaff war

vom
Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

„Kippel-Kappel“, Tanzabende und Eislaufen im Winter: Auf Zeitreise mit gebürtigen Schenefeldern. Was sie sich für die Zukunft wünschen.

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2014 | 14:00 Uhr

Schenefeld | Das Schenefeld der 30er Jahre, das waren für Herbert Lüdemann vor allem große Sandkuhlen, die die Kinder im Winter als Eislaufflächen nutzten, viel Platz zum Fahrradfahren und stundenlanger Zeitvertreib mit „Kippel-Kappel“ – ein Spiel, bei dem man mit einem Stock den sogenannten „Kappel“, ein Holzstück, in der Luft halten muss. „Wo will man das heute hier spielen? Die Fensterscheiben gingen damals schon kaputt“, sagt er. Wie Eckhard Vogelgesang besuchte er die Volksschule, die damals einzige in Schenefeld. Heute befindet sich in dem Gebäude die Volkshochschule.

Lüdemann und Vogelgesang sind zwei von 90 Männern und Frauen, die vor ein paar Wochen im Sportrestaurant zusammen kamen. Insgesamt hatten sich 180 gebürtige Schenefelder auf einen Aufruf von Bürgermeisterin Christiane Küchenhof in dieser Zeitung gemeldet. 1969 wurde das Entbindungsheim in Schenefeld geschlossen, seitdem gibt es streng genommen keine „echten“ Schenefelder mehr.

Es war der Sommer 1926 als Herbert Lüdemann im Haus der Großeltern auf die Welt kam. Mit fünf Jahren zog die Familie in ein Haus an der Hauptstraße – wo der inzwischen 88–Jährige noch heute wohnt. Das Schenefeld der 30er Jahre war mit etwa 2000 Einwohnern dünn besiedelt. „Ich wuchs in einem kleinen Kaff auf, das hauptsächlich aus der Hauptstraße bestand“, erinnert sich Lüdemann. Im Alter von zehn Jahren kickte er bei den 1. Knaben von Blau-Weiß.

Vogelgesang erinnert sich an eine „dunkle“ Kindheit. 1938 zur Welt gekommen, wuchs er während des Krieges auf. Wegen der Bomben wurden nachts die Lichter ausgemacht. „Man konnte überhaupt nichts sehen“, erinnert er sich. Schenefeld blieb aber verschont: Gefeuert wurde eher auf die Flugabwehrkanone in Sülldorf oder ein Werk in Wedel. Zwei Flugzeuge stürtzten in der Nähe ab, erinnert sich Vogelgesang. Er verbrachte seine Kindheit mit Kriegsgefangenen aus Frankreich, die in der Nähe untergebracht waren – sein Vater half drei von ihnen sogar bei der Flucht. „Ich werde niemals vergessen, wie 1947 ein Fahrrad aus Paris für meine Schwester ankam, mit einer Karte, auf der ‚Merci‘ stand“, sagt er. 1954 war er einer der ersten, die in der Stephanskirche konfirmiert wurden.

Die Diskothek Eberts gab es damals noch nicht – stattdessen wurde im Landhaus Lühmann an der heutigen Friedrich-Ebert-Allee gefeiert. Dort lernte Lüdemann seine Frau kennen. Vogelgesang, der seit 75 Jahren in der Straße Borgfelde wohnt, schwärmt vom Gasthof zur Friedenseiche. „Seine Schließung Anfang der 60er Jahre hat ein Loch in das gesellschaftliche Leben Schenefelds gerissen“, sagt er. Lüdemann stimmt ihm zu. Es habe keinen vergleichbaren Saal mehr gegeben. 70 Jahre lang ist er bereits Mitglied bei der Feuerwehr und Schenefeld stets treu geblieben. Vogelgesang zog es beruflich nach Hamburg, aber er wohnte weiterhin im Speckgürtel.

Zwei Männer, die ihr Leben in Schenefeld verbracht haben. Warum? Die Nähe zu Hamburg sei ein Grund. Die Infrastruktur ein anderer. Schule und Sportstätten lägen zentral und seien vom Dorf und der Siedlung aus gut zu erreichen, findet Vogelgesang. „Ich kann von hier aus auch sehr schöne Radtouren starten, beispielsweise zum Klövensteen“, fügt er hinzu. Heute hat die Stadt fast 20 000 Einwohner. Mehr sollten es bitte nicht werden, finden beide. Man sollte versuchen, die alten Häuser zu erhalten. „Die Hauptstraße ist heute leider bereits ausgeplündert“, sagt Lüdemann.

Frank Grünberg lauscht den Ausführungen der beiden interessiert. Er kam vor fünf Jahren mit seiner Frau nach Schenefeld und entdeckte während Spaziergängen alte Häuser für sich, die er fotografierte und in Kürze öffentlich zeigen wird. In der Ausstellung blicken auch Eckhard Vogelgesang und Herbert Lüdemann noch einmal zurück – mit allen, die auf Zeitreise gehen möchten.

Frank Grünberg präsentiert ab Sonntag, 9. November, 59 Fotos von schönen, alten Schenefelder Häusern im Rathaus, Holstenplatz 3-5. Gerhard Manthei, Herbert Lüdemann und Eckhard Vogelgesang werden während der Eröffnung über die einzelnen Gebäude informieren. Beginn ist um 11 Uhr. Zur Ausstellung gibt es eine 16-seitige Broschüre. Der Eintritt ist frei. Die Bilder sind bis Montag, 17. November, zu sehen.
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