zur Navigation springen

Mittelschule Pinneberg : Als die Schule ein Lazarett war

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Einstige Pinneberger Mittelschüler feiern ihr 60-jähriges Abschlussjubiläum. Entbehrungsreiche Zeiten stärkten den Zusammenhalt.

von
erstellt am 11.Mai.2014 | 10:00 Uhr

Pinneberg | Die Haare sind mittlerweile grau, aber die Erinnerungen farbig wie eh und je. Die gemeinsame Schulzeit schweißt eben zusammen. Manche Menschen ein Leben lang.

So geht es jedenfalls ehemaligen Schülern der früheren Mittelschule in der Pinneberger Lindenstraße. Alle fünf Jahre treffen sich bislang Absolventen des 1954er Jahrgangs, um bei einem Bier über alte Zeiten zu klönen und anschließend gemeinsam einen Ausflug zu unternehmen. In der vergangenen Woche war es mal wieder so weit. Acht Ehemalige fanden sich am Mittwoch in dem Restaurant Scheune, Bismarckstraße 8, ein, etwa ein Sechstel der einstigen Abschlussklasse. „Leider haben sich mittlerweile schon viele von dieser Weltbühne verabschiedet, manche leben auch zu weit entfernt, zum Beispiel in Österreich oder den USA“, sagt Horst Ossenbrüggen, der das Treffen organisiert hat, wie auch die bisherigen Auflagen schon.

Der Pinneberger erinnert sich an Zeiten großer Entbehrungen. „Ich bin 1944 in die Grundschule am Kirchhofsweg eingeschult worden, die heutige Helene-Lange-Schule. Aber der Unterricht wurde oft in Gaststätten verlagert, weil das Schulgebäude zum Teil als Lazarett diente“, erzählt er.

Weil Heizmaterial – ebenso wie Lehrmittel und Papier – knapp gewesen sei, habe sich jeder Schüler verpflichtet, pro Tag ein Brikettstück selbst mitzubringen. „Kohlenklau“, so Ossenbrüggen, „war an der Tagesordnung.“ Als der 78-Jährige 1950 in die vierjährige Mittelschule kam, hatte sich die Situation etwas verbessert – die Unterschiede zum heutigen Schulalltag waren seinen Schilderungen nach dennoch beträchtlich. „Wir hatten damals keine Ansprüche. Designerkleidung geisterte in weiter Ferne, ein Fahrrad besaß kaum jemand, Turnschuhe hatten nur wenige“, erinnert er sich.

Nach der Schule, die selten länger als bis 13 Uhr dauerte, sei keineswegs Faulenzen angesagt gewesen. „Da ging es im elterlichen Garten mit Unkrautjäten weiter. Oder mit Arbeiten in der Baumschule bei einem Stundenverdienst von 70 Pfennigen“.

Und dann die Lehrer: Viele seien zuvor beim Militär, der Rohrstock im Unterricht noch weit verbreitet gewesen. An eine spezielle Episode könne er sich noch genau erinnern. „Ich hatte mich in meinem letzten Schuljahr bei einer Spedition in Hamburg beworben. Und das per Annonce in der Morgenpost, die als politisch linke Zeitung galt. Als das in der Schule rauskam, war die Hölle los“, so Ossenbrüggen. Speziell was Verspätungen anging, habe es demgegenüber indes durchaus eine gewisse Kulanz seitens der Lehrerschaft gegeben. Denn die Schule täglich pünktlich zu erreichen, das sei auch für die Pädagogen nicht immer einfach gewesen.

Auch an diverse Streiche erinnert sich der rüstige Rentner schließlich noch gern. „Im Biologieunterricht hatten wir einen Bestand von in Alkohol konservierten kleinen Tieren. Da haben wir öfter etwas abgezapft, mit Wasser verdünnt und auf dem Schwarzmarkt verkauft“, schildert er. Der Zusammenhalt sei, vielleicht sogar wegen der schwierigen Zeit, gigantisch gewesen, Außenseiter habe es keine gegeben.

Weil der Zahn der Zeit unerbittlich nagt, ist das nächste Treffen der 1954er im Übrigen nicht erst für 2019 geplant. Schon im kommenden Jahr soll es eine neue Auflage geben.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen