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Schule im Ersten Weltkrieg : Als der Befehl zur Mobilmaching in Pinneberg ankam

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Am 4. August 1914 kam der Befehl zur Mobilmaching in Pinneberg an. Lehrer propagierten Auseinandersetzungen mit Waffen.

Pinneberg | Zeit der Mobilisierung: Der Befehl zur Mobilmachung wurde den Pinneberger Bürgern am 4. August 1914 durch Anschlag bei der Post in der Bahnhofstraße mitgeteilt. Am ersten Mobilmachungstag war der Bahnhofsvorplatz schwarz von Menschen. Viele Pinneberger Reservisten warteten ungeduldig darauf, mit ihrem Zug zu ihrem Wehrbereichskommando zu fahren. Schleswig-Holstein befand sich ab dem 1. August im Kriegszustand. Das bedeutete, die Befehlsgewalt übernahm der kommandierende General des IX. Armeekorps in Altona. Der Kriegsausbruch und die Mobilisierungsaufrufe erlebten ein in der Mehrheit kriegsbereites Volk.

In den Schulen wurden alljährlich am Sedantag (2. September) des Sieges 1870/71 über den Erzfeind Frankreich gedacht. In ihren Reden steigerten die Lehrer die Kriegsrhetorik und lösten damit bei den Schülern Kriegsbegeisterung aus. Rektor Ehmsen, Knabenvolksschule Rübekamp: „War je ein Krieg rein, so ist es dieser für Deutschland. Wir sehen in Frankreich, Russland und England eitel nackte Rachsucht, Herrschsucht, Gewinnsucht, böse Mächte, die sich schon des öfteren gegen unser deutsches Volk verschworen.“ Mit einer solchen nationalistischen Geisteshaltung erzog die Lehrerschaft die Schüler schon Jahre vor dem Ausbruch des Krieges. Ein häufiges Mittel der geistigen Mobilmachung waren die Kriegsspiele. Nach besonderen Feiern, wie zum Beispiel dem Sedantag oder auf Klassenausflügen in die Umgebung Pinnebergs, wurden unter Leitung der Lehrer kriegerische Spiele durchgeführt. „Krieg spielen“ und „Soldat spielen“ war nicht nur etwas für die älteren Schüler, sondern auch schon für die kleineren Kinder.

Für die Schuljugend war der Monat August eine aufregende Zeit. Die Kinder standen die Tage über bis spät in die Nacht am Bahnhof, am Bahnübergang Rübekamp oder am Peinerweg. Sie staunten mit großen Augen, wenn alle 10 Minuten ein Militärzug heranrollte, besetzt mit Infanteristen und ihren Maschinengewehren und Artilleristen mit ihren gewaltigen Kanonen. Der Einsatz der Militärzüge hatte absoluten Vorrang vor dem Zivilverkehr. So kam es, dass in den Monaten August bis Oktober etliche Fahrschüler der Knaben-Mittelschule in der Lindenstraße häufig nicht in der Schule erschienen, weil ihre Personenzüge nicht fuhren. Der Kriegseintritt Deutschlands hatte enorme Auswirkungen auf den Schulbetrieb: Viele Lehrer mussten der Mobilmachung folgen und fehlten daher in den Schulen. Die dadurch entstandenen Lücken wurden durch abgeordnete Lehrkräfte aus den umliegenden Gemeinden aufgefüllt. Für die abgebenden Landschulen bedeutete das natürlich eine herbe Belastung. So der Vermerk in der Schulchronik der Volksschule Thesdorf: „Nachdem Lehrer Bartels am 7. August (1915) zum Heeresdienst einberufen ist, wurden die 4. Klassen von den übrigen beiden Lehrern verwaltet.“ Im Unterricht hatte die Kriegslage, besonders bei den älteren Schülern, Vorrang vor anderen Lehrinhalten. Die Anfangserfolge der deutschen Truppen an der West- und Ostfront setzte eine große Kriegsbegeisterung frei. Die militärischen Erfolge wurden besonders in den Schulen auf Anordnung der königlichen Regierung regelmäßig mit einer Rede sowie Gesängen und Gedichten gefeiert. Danach war schulfrei.

Soldaten der Heimatfront

Im Verlaufe des Krieges verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Deutschen Reiches zusehends. Die von den Engländern verhängte Seeblockade verstärkte diese Notsituation noch. Die deutsche Propaganda sprach vom „englischen Aushungerungsplan“ und mobilisierte vor allem die Zivilisten in der Heimat als „Soldaten des Heimatheeres“ dem entgegenzuwirken. In Deutschland organisierten Lehrer und Frauenverbände den Einsatz der Kinder an der Heimatfront. In der Chronik der Knaben-Mittelschule steht zum Thema „Konferenzen“, dass die Lehrerschaft regelmäßig die Kriegsmaßnahmen der Schule beriet und die Kriegshilfe der Kinder organisierte. Mit großem Engagement und patriotischem Eifer warb das „zweite Heer des Kaisers“ für Goldmünzen, Kriegsanleihen, für Sammlung von Metallgegenständen und von Naturerzeugnissen sowie für Liebesgaben an die Soldaten an der Front.

Eine besondere Bekundung des patriotischen Willens der Pinneberger Bevölkerung und Schuljugend war die Nagelung eines Kriegswahrzeichens. Die Pinneberger wählten sich als Nagelungsmotiv das Stadtwappen aus. Am 7. November 1915 erfolgte die feierliche Nagelung in Niemeyers Saal. Alle anwesenden Pinneberger stifteten gegen ein Entgelt einen oder mehrere Nägel. Die Nagelung erbrachte für den ersten Tag 2391,40 Mark. Der Ertrag der Nagelung, für die viele Schüler ihr Sparschwein plünderten, wurde je zur Hälfte an die örtliche Kriegshilfe und dem Vaterländischen Frauenverein fürs Rote Kreuz überwiesen. Für das Lehrerkollegium der Knabenvolksschule am Rübekamp schlug Lehrer Martens einen goldenen Nagel ein. Die Abrechnung am 28. April 1916 ergab eine Einnahme von 5857,10 Mark.

Auszeichnungsplakette für die Knabenvolksschule Rübekamp.
Auszeichnungsplakette für die Knabenvolksschule Rübekamp. Foto: Schulchronik
 

Der Schulbetrieb wurde im Laufe der Wintermonate durch fehlende Kohlen zunehmend gestört. Wegen allgemeinen Kohlenmangels musste häufig der Unterricht ausfallen. Im Verlauf des Krieges wurden die Schulen (und damit auch die Schüler) ein immer wichtigerer Faktor für die Kriegswirtschaft. Die Schüler sammelten während der Schulzeit und in ihrer Freizeit Metallgegenstände, wie Blei, Kupfer, Messing, Zink. Ein ebenso begehrtes Sammelgut waren Naturerzeugnisse, wie Brennnesseln, Mehlbeeren, Obstkerne, Kastanien, Eicheln, Bucheckern sowie Laub als Tierfutter und Tierstreu.

Die Lebensmittelversorgung wurde im Laufe des Krieges immer schlechter. Als Ersatz für Kartoffeln dienten Kohlrüben („Steckrübenwinter“). Ein Lehrer der Rübekampschule berichtete: „Unsere Jungs, denen der Fettmangel die Körperwärme entzog, hockten in Gruppen in den Pausen am Heizkörper und nagten an den Rübenscheiben, die ihnen statt Frühstücksbrot mitgegeben waren.“ Die starke Beeinflussung des Gesundheitszustandes der Schuljugend durch Hunger, Mangel an Kleidung und Schuhzeug, ungenügende Beheizung und schlechte Belüftung der Wohnräume führte bei Kindern zu massiven Infekten. Im Winter 1917/18 wurden manche Schulen wegen Diphterie-Epidemien geschlossen.

Die bedrückende Situation in vielen Elternhäusern (Vater im Krieg oder gefallen, Mutter musste arbeiten gehen) zog eine Verwahrlosung mancher Kinder nach sich. Sie schwänzten die Schule, Hausaufgaben wurden nicht mehr gemacht, sie trieben sich ohne Aufsicht herum und verwilderten zum Teil. Die Schulbehörde registrierte mit Sorge, dass Zucht und Ordnung in den Schulen aus den Fugen gerieten. Sie verpflichtete die Lehrerschaft in unzähligen Aufrufen, ein ganz besonderes Augenmerk auf Zucht und Ordnung zu halten und trotz der schwierigen Lage auf den regelmäßigen Schulbesuch der Jugend einzuwirken.

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