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DAS SONNTAGSGESPRÄCH : „Als Autor muss man sich zurücknehmen“

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview: Heute mit Drehbuchautor Sönke Andresen.

shz.de von
erstellt am 11.Dez.2016 | 13:00 Uhr

Quickborn | Ein Quickborner startet durch. Der in der Eulenstadt aufgewachsene Drehbuchautor Sönke Andresen ist dank „Ostfriesisch für Anfänger“ momentan in aller Munde. Der Film mit Dieter Hallervorden in der Hauptrolle begeistert Kritiker und Publikum. Im Sonntagsgespräch erläutert Andresen unter anderem, was das Geheimnis eines guten Drehbuchs ist. 

Wie entsteht ein Drehbuch?
Da gibt es ganz unterschiedliche Wege. Bei mir ist es so, dass ich erst eine Idee habe und dann mit einem einseitigen Papier an einen Produzenten herantrete. Im besten Fall greift er meinen Vorschlag auf und wir nehmen gemeinsam Kontakt zu Sendern oder zur Filmförderung auf. Bevor es tatsächlich zum Erstellen eines Drehbuchs kommt, müssen mehrere Etappen durchlaufen und verschiedene Exposés erstellt werden. Es besteht dabei immer die Gefahr, dass aus dem Projekt nichts wird. Durchschnittlich dauert es von der ersten Idee bis zum fertigen Film etwa fünf Jahre. Deswegen ist es schwierig, sich aktuellen Themen zu widmen. Die können schon überholt sein, wenn die Dreharbeiten beendet sind.

Wie gelingt es Ihnen, Ideen für ein Drehbuch zu entwickeln?
Ich suche mir Themen, die mich interessieren. „Ostfriesisch für Anfänger“ ist zum Beispiel entstanden, weil ich im Fernsehen eine Reportage über Flüchtlinge verfolgte, die aufs platte Land kamen und dort von einem Urgestein auf Platt angesprochen wurden. Darin sah ich sofort das Potenzial für einen humorvollen Film.  Ich schreibe zwar auch für den Tatort, an Komödien hängt aber mein Herzblut. An die muss man eher nüchtern herangehen. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass daraus reiner Klamauk wird. Ich finde es schade, dass es Komödien in Deutschland so schwer haben.

Was zeichnet ein gutes Drehbuch aus?
Dass daraus ein toller Film wird. Das klingt erst einmal banal. Es gibt aber Drehbücher, die super zu lesen sind, sich allerdings nicht visuell umsetzen lassen. Einem Drehbuchautor muss bewusst sein, dass ein Regisseur gute Bilder braucht. Das ist anders als bei einem Roman. Wenn ich für einen „Tatort“ schreibe, erreiche ich damit zudem ein Millionenpublikum. Das gelingt einem vermutlich nur mit Drehbüchern.

Sind Sie als Drehbuchautor auch in die Produktion eines Films eingebunden?
Nein. Ich gebe das fertige Drehbuch ab und damit erfolgt sozusagen die Staffelübergabe. Ich würde mir gar nicht anmaßen wollen, den Regisseuren in ihre Arbeit hineinzureden. Ich habe zwar meine Vorstellungen, wie ein Film auszusehen hat. Die müssen sich nicht mit denen des Regisseurs decken. Als Drehbuchautor muss man sich zurücknehmen können. Ich bin ohnehin niemand, der die Öffentlichkeit sucht.

Entstehen auch Kontakte zu den Stars?
Mit den Schauspielern komme ich ab und an ins Gespräch, zum Beispiel mit Ulrike Folkerts, wenn ich für den „Tatort“ schreibe. Die Treffen sind für mich eher seltsam. Ich beschäftige mich immer intensiv mit den Figuren, die die Darsteller spielen und habe ein bestimmtes Bild von der Person. Das deckt sich nicht unbedingt mit der Realität.

Haben Sie noch Kontakte nach Quickborn?
Meine Eltern leben dort. Ich selbst wohne seit zwei Jahren wieder in Hamburg. Davor war ich lange Zeit in anderen Städten, stellte aber fest: In Norddeutschland ist es doch am schönsten.

Welche Projekte stehen bei Ihnen demnächst an?
Voraussichtlich Ende Januar läuft in der ARD der Film „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“. Das war meine Abschlussarbeit an der Filmhochschule. An diesem Projekt habe ich acht Jahre gearbeitet. Im Februar folgt der „Tatort: Babbeldasch“. Das ist der erste „Tatort“, für den ich ein Drehbuch ohne Dialoge geschrieben habe. Diese wurden improvisiert. Zudem sind auch Kleindarsteller und nicht wie sonst üblich nur professionelle Schauspieler dabei.

Was ist es für ein Gefühl, die eigenen Filme im TV und Kino  zu sehen?
Ich schwitze immer Blut und Wasser. Bei manchen Szenen freue ich mich, weil sie genauso umgesetzt wurden, wie ich es mir dachte. Bei anderen Passagen ist das dagegen nicht der Fall. Damit muss ich als Drehbuchautor leben. Es ist aber grundsätzlich immer toll, das Ergebnis meiner Arbeit zu sehen.

Sönke Andresen (39) ist Drehbuchautor und Trainer für Deutsch als Fremdsprache. Der gebürtige Quickborner lebt in Hamburg. Andresen studierte Drehbuch am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, an der Drehbuchwerkstatt der Filmhochschule München sowie an der Universität Utrecht/Niederlande Lehramt für das Fach Deutsch. Seit 2008 arbeitet er als freier Drehbuchautor und Dramaturg und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Er wird vertreten vom Verlag der Autoren.
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