„Alle wachsen über sich hinaus“

Rellingens Kantor Oliver Schmidt dirigiert mit großem Einfühlungsvermögen.
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Rellingens Kantor Oliver Schmidt dirigiert mit großem Einfühlungsvermögen.

Weihnachtsoratorium Frenetischer Applaus für Rellinger Kantorei, Orchester Sinfonietta Lübeck , Solisten und Dirigent Oliver Schmidt

shz.de von
18. Dezember 2017, 16:00 Uhr


Es gibt Konzerte, die berühren den Kopf, andere das Herz und wieder andere den Bauch – dass gleich alle drei angesprochen werden, ist selten. Aber das fast 300 Jahre alte Weihnachts-Oratorium von Johann Sebastian Bach schafft es bis heute. Wie kaum ein anderes Werk, gibt es Hoffnung, dass doch noch alles gut wird in dieser Welt. Vielleicht gehört es deshalb, allen Glaubenskrisen zum Trotz, zum Advent wie Kerzen und Zimtsterne. Für viele Menschen wäre die Vorweihnachtszeit ohne den Weihnachts-Klassiker nur halb so viel wert.

Das hat man am Wochenende auch in der Rellinger Kirche gesehen – kein Platz war mehr frei. Unter dem Dirigat von Kantor Oliver Schmidt wurden die ersten drei Kantaten des Oratoriums zu Gehör gebracht. Das Orchester Sinfonietta Lübeck, die Solisten, der Chor und natürlich auch Schmidt selbst, gaben alles. Es wurde ein wundervolles Konzert, das auch durch die Schönheit der Rellinger Barockkirche strahlte. Schmidt und die Künstler sind zu Recht mit Bravo-Rufen und stehenden Ovationen belohnt worden. Die Zuhörer gingen beseelt nach Hause – es hat wieder funktioniert, diese Berührtheit von Kopf, Herz und Bauch.

„Der Chor ist heute über sich hinausgewachsen“, schwärmt Zuhörerin Heike Rehfeldt nach dem Konzert. „Und das Orchester war einfach großartig.“ Die Besucherin kam aus Horst angereist und hatte das Glück, auf einer Bank mit Heizung zu sitzen. So warm hatte es nicht jeder – die Einfachverglasung in der Kirche machte sich bemerkbar. Opernsängerin Ingrid Harden etwa saß oben als Zuschauerin auf der Orgelbank und behielt vorsichtshalber ihren Mantel an. Sie verfolgte das Konzert mit ihrem Notenheft und machte sich um die Stimmen der Solistinnen Sorgen: „In der Kälte beschlägt die Stimme“. Aber Sopranistin Charlotte Reese und Altistin Carmen Bangert sangen trotz ihrer schulterfreien Kleider bis zum Schluss wundervoll. „Die Altistin war für mich die Verkörperung der Maria. Und der Tenor – einfach fantastisch“, so Harden. Der gelobte Tenor ist Jannes Philipp Mönnighoff aus Hamburg, der nicht nur in Oratorien, sondern auch in Opern glänzt. Und der vierte Solist, Bass Keno Brandt, konzertiert bundesweit - und stand auch schon mit den „Toten Hosen“ auf der Bühne.

Kantor Schmidt ist bescheiden, freut sich nach dem Konzert über die vielen positiven Rückmeldungen und auf ein gemeinsames Feierabendbier mit den Musikerkollegen. Opernsängerin Harden, die mit ihm an Musikprojekten arbeitet, charakterisiert ihn als musikalisches Allroundtalent: „Er ist ein wirklich guter Lehrer – zwängt einem nichts auf, sondern versucht, zu überzeugen.“

Schmidt verbindet mit dem Weihnachts-Oratorium nicht nur die gute Nachricht von der Geburt Jesu, sondern auch die Ermutigung, die Bedürfnisse anderer und die eigenen gleichermaßen zur Grundlage des Lebens zu machen. Es erfordere die Bereitschaft aller Beteiligten, ein Teil der Lösung zu sein, so Schmidt. Diese Bereitschaft sei mit Verzicht verbunden, aber sie würde Menschen verschiedenster Herkunft und Prägung miteinander verbinden: „Und sie ist die beste Antwort auf die Frage nach dem Umgang mit Weihnachten.“




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