„Alle Birken müssen sterben!“

Komödiantenduo „Die Schreibmaschinen“ präsentiert humorvolle Dichtung – zum Beispiel über den Rachefeldzug eines Pollenallergikers

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12. Februar 2018, 12:27 Uhr

Das Sportlerheim am Ossenpadd hat sich jüngst in eine lebhafte Kleinkunstbühne verwandelt: Das Dichterduo „Die Schreibmaschinen“, bestehend aus Sven Kamin und Jörg Schwedler, war auf Einladung des Kummerfelder Kulturkreises (Kukuk) in das Dorf gekommen – und trieb Kummerfeld den Kummer für drei Stunden lang aus.

Schwedler und Kamin lieben das Wort jeder auf seine Weise schon immer: Schwedler hatte ursprünglich eine Homepage auf die er Berichte über Festivals stellte und auch einmal zwei satirische Texte veröffentlichte. Es folgte ein Anruf, mit der Bitte nach mehr davon.

Kamin schrieb in der Schülerzeitung, beschäftigte sich im Studium nebenbei mit Theater und Kabarett, schrieb im Anschluss daran für eine richtige Zeitung und wurde schließlich Pressesprecher.

Gefunden haben sich die beiden Wortliebhaber als Teilnehmer bei Poetry-Slams: Das ist eine Art Castingshow für Autoren mit dem Publikum als Jury. Was die „Schreibmaschinen“ am Freitagabend im Kukuk boten, war aber viel mehr als das Hop- oder Topgehen von Texten. Sie traten nicht gegenseitig, sondern miteinander vor das Publikum.


Vom Wettkampf zum Teamwork

Nach dem Auftritt erläuterte Kamin im Gespräch mit unserer Zeitung, in dessen Verlauf sich immer wieder Zuschauer für den gelungenen Abend bedankten: „Durch unsere stilistische Bandbreite können wir als Duo die Abwechslung, die im Poetry-Slam durch die vielen Teilnehmer entsteht, herstellen.“ Außerdem sei „bei so einem ganzen Abend Gelegenheit, nicht nur die Granatentexte vorzutragen, sondern auch etwas eigenwilligere Werke vorzustellen.“

Das Programm bot in der Tat reichlich Abwechslung: Kamin lieferte Lyrik, Schwedler Prosa. Herrlich destruktiver Klamauk war das Hassgedicht Kamins auf den Igel, der gar nicht so niedlich sei, wie landläufig behauptet oder Schwedlers Text über einen Allergietest, den er mit den Worten beschreibt: „Ein Allergietest ist wie tätowieren, nur in Zeitlupe und mit Gleitgel statt Tätowierfarbe.“ Dramatisch beschreibt er die Quaddelentwicklung auf seinem Arm: „Birke! Birke nimmt fahrt auf. Der Arzt nickt anerkennend.“ Bis der Pollengeplagte beschließt: „Alle Birken müssen sterben.“

Doch auch emotional vielschichtige Texte brachten beide zu Gehör. Bei Schwedlers Geschichte über einen Marienkäfer, der in die Tastatur gefallen war und dort vom PC-Besitzer gehegt und gepflegt zu dessen engstem Freund mutierte, hing das Publikum kichernd aber auch gerührt an seinen Lippen.

Wortgewaltig und Zeugnis von Kamins Beobachtungsgabe war sein Gedicht über den totalen Absturz des Spee-Waschmittelfuches jenseits der blütenweißen Werbewelt, mit der mantrisch widerholten Zeile: „Ich habe den Spee-Waschmittelfuchs gesehen, und was ich gesehen habe, war wirklich nicht schön.“ Nostalgische Gefühle mit urkomischen Bildern zu beschreiben gelang Kamin mit seiner Ode an die Kassette, die immer wieder mündete in „Play, Pause, vorwärts, rückwärts und Stop.“


Gelungene Mischung aus Ernst und Komik

Beide ließen es sich nicht nehmen im zweiten Teil des Abends auch ganz ernst zu werden – Schwedler mit einem Text namens „Toleranz“ über ein schwules Pärchen in der Bahn und Kamin mit dem Gedicht „Kalt“ – ausgehend von Goethes „Osterspaziergang“ in „Faust“ und den berühmten Worten „vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ entwickelte er eine Serie an Bildern, die ihm im alltäglichen Leben soziale Kälteschauer über die Haut jagen.

Es war die Fähigkeit der „Schreibmaschinen“, die tragischen Seiten des Lebens mit lustigen und überzeichneten Bildern zu beschreiben, die den Abend zu einem bereichernden Erlebnis machten. Der sizilianische Schriftsteller und Humortheoretiker Luigi Pirandello hätte den beiden jedenfalls bescheinigt, echte Humoristen zu sein, und nicht „nur“ Komiker: Denn der Humor verbinde das spontane Lachen mit einem gegenteiligen Gefühl, einem leichten nachfolgenden Schmerz.

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