Agentenstory made in Elmshorn

Frank Tönsing sammelt in seinem Skizzenbuch Motive und Szenen.
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Frank Tönsing sammelt in seinem Skizzenbuch Motive und Szenen.

Frank Tönsing zeichnet Graphic Novels

shz.de von
29. August 2018, 17:38 Uhr

Ein Lastwagen im Graben, der noch einsam vor sich hin tuckert und eine obskure Gestalt, die im nächsten Hotel eine Art Genetik-Nachweis vorzeigen muss und die Frage gestellt bekommt: „Bekommen wir Probleme mit ihnen?“ – so beginnt die Graphic Novel „Mondkind“. Gezeichnet und getextet hat die Geschichte der Elmshorner Comiczeichner und Illustrator Frank Tönsing, der etwa fünf Jahre an dem Band gearbeitet hat. Nebenbei, denn der ausgebildete Diplom-Designer arbeitet eigentlich als Betreuer und Schulbegleiter. „Ich habe Zivildienst im Kindergarten gemacht und hatte sogar überlegt, einen Beruf im sozialen Bereich zu ergreifen, habe mich aber doch für das Grafikdesign-Studium entschieden. Aber inzwischen arbeite ich wieder mit Kindern bei der Lebenshilfe. Das passt ganz gut zusammen.“ Aufgewachsen ist Tönsing in Elmshorn, wo er zunächst die Timm-Kröger-Schule und dann die KGSE besuchte. Danach ging es für ein Grafikdesign-Studium an die Fachhochschule nach Hildesheim. Nach dem Studium kümmerte er sich um die Familie: „Ich habe mich damals entschieden, zuhause bei den Kindern zu bleiben und Illustrationen eher nebenberuflich zu machen – soweit das vereinbar war.“


Geschichte mit aktuellen Bezügen

Die Geschichte um Mondkind handelt von einem Mann, dem in seiner Vergangenheit übel mitgespielt wurde, der nun aber der Welt aus der Patsche helfen soll. Zu viel soll nicht verraten werden, nur dass die Geschichte durchaus politische Themen bearbeitet. Deutschland schiebt Faschisten in eine Art Reservat ab, aus dem heraus sie dummerweise auf die Weltwirtschaft Einfluss nehmen wollen und sich anschicken, Handelsbeziehungen mit den Chinesen aufzubauen. Alleine aus der Vorgeschichte lassen sich aktuelle Bezüge zu der Politik der Jetztzeit finden. Vor Jahren begann Tönsing mit den ersten Zeichnungen – die Themen Handelsstreit, Rivalität um wirtschaftliche Macht und eine Gesellschaft, in der grundsätzliches Misstrauen herrscht – solche Stichworte liest man heute auch in den Nachrichten aus USA, Türkei oder China.

Motive aus der eigenen Stadt

„Am Anfang hatte ich eigentlich eine Gruselgeschichte im Kopf, die sich jetzt zu einer Agentengeschichte zusammengefügt hat“, erklärt Tönsing. Wer genau hinsieht, erkennt vielleicht sogar etwas in den Zeichnungen wieder. „Egal wo ich bin, meistens habe ich Skizzenbücher dabei“, sagt Tönsing. Manchmal entdeckt er Orte oder Gegenstände, die für seine Geschichte interessant sein könnten, skizziert sie und baut sie später am Schreibtisch in das Comic-Panel ein. „Den Zaun habe ich irgendwo in Norddeutschland gesehen“, zeigt er auf ein Bild. Bestimmt seien auch Details aus Elmshorn „verbaut“ worden. Ein Kandidat dafür könnte das Blatt sein, das fünf schreiende Krähen und einen genervten Protagonisten zeigt „Haltet den Schnabel! -Scheißvögel!“, brummt sein Mondkind in der Szene.

Handarbeit statt Zeichenfabrik

Die Farben in „Mondkind“ sind lasierend aufgetragen, einzelne Pinselstriche sind zu erahnen, die Zeichnungen eher grob gefasst. Eine eigene Geschichte in einem eigenen Zeichenstil schaffen, das ist Tönsing wichtig. Vielleicht auch, weil sein Professor an der FH in Hildesheim ihn dazu ermutigt hat, einen eigenen Stil auszuarbeiten. „Ich konnte immer sehr gut abzeichnen. Sehr naturalistisch und alle fanden es super. Aber es war schwer davon loszukommen. Mein Professor damals sagte: ‚Das ist sehr schön, aber das ist nichts Eigenes. Du musst davon loskommen und einen eigenen Stil entwickeln!‘ Leicht war das nicht.“ Heute ist ihm die eigene Handschrift bei den Zeichnungen wichtig – auch weil in der Branche der Bildergeschichten und Comics auf Zeichenstile einzelner Künstler oft keinen Wert gelegt wird, oder die Wiedererkennung einzelner Zeichner sogar unerwünscht ist. „Gerade die großen Serien wie Superheldenreihen werden in großen Zeichenfabriken hergestellt. Da gibt es Spezialisten für jeden Teilschritt: Einer macht nur Köpfe, einer macht nur Hosen, einer macht die Farbe. Da gibt es nicht mehr den einen Zeichner mit eigenem Stil, sondern nur noch Hosen- oder Nasenexperten.“ Comics werden zu einem Produkt vom Fließband. Tönsing macht alles selbst – auf Papier und nicht am Computer, auch wenn das schneller gehen würde. Zeichnerische Eigenheiten sehe man in großen Verlagen eher skeptisch. Tönsing bleibt trotzdem dabei und will den Rat seines Professors auch in Zukunft befolgen. Ideen für eine neue Geschichte hat er schon.

Den Band „Mondkind“ kann man online bestellen. Einige Exemplare gibt es auch bei der Elmshorner Buchhandlung Heymann, Damm 4.

> tinyurl.com/mondkind


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