Interaktive Karte : Ärztepfusch im Kreis Pinneberg

Seit 2001 wurden vom Kompetenzzentrum Medizin der AOK 3782 Behandlungsfehler aufgedeckt – davon etwa ein Drittel im Bereich Unterelbe – und für die betroffenen Patienten entsprechende Entschädigungen eingeklagt oder außergerichtliche Lösungen erzielt.
Seit 2001 wurden vom Kompetenzzentrum Medizin der AOK 3782 Behandlungsfehler aufgedeckt – davon etwa ein Drittel im Bereich Unterelbe – und für die betroffenen Patienten entsprechende Entschädigungen eingeklagt oder außergerichtliche Lösungen erzielt.

Krankenkasse AOK präsentiert Zahlen zu Fehlbehandlungen seit 2011. Besonders jüngere Menschen suchen Rat bei ihrer Versicherung.

shz.de von
10. Juli 2015, 12:15 Uhr

Kreis Pinneberg | Zirka 250 Behandlungsfehler unterlaufen Medizinern in Schleswig-Holstein jährlich. Diese Zahl hat die AOK Nordwest ermittelt, die sich mit dem Kompetenzzentrum Medizin in Kiel seit 2001 für Patienten einsetzt, bei denen in der medizinischen Versorgung ein Fehler passiert ist. Gestern hat die Niederlassung in Pinneberg zu diesem Thema informiert.

Alf Jark, Regionaldirektor der Krankenkasse AOK-Nordwest, lobte das Gesundheitssystem in Deutschland: „Die Versorgung der Patienten ist sehr gut und die Qualität der medizinischen Versorgung ist weltweit führend.“ Dennoch schränkte er ein: „Auch Ärzte und Pfleger sind nur Menschen, und machen Fehler wie wir alle.“ Seit 2001 versucht die Krankenkasse mit dem Kompetenzzentrum Medizin Behandlungsfehler aufzudecken und Patienten dabei zu helfen, eine Entschädigung zu bekommen und ihre Ansprüche – notfalls gerichtlich – geltend zu machen.

Seit 2001 wurden vom Kompetenzzentrum Medizin der AOK 3782 Behandlungsfehler aufgedeckt – davon etwa ein Drittel im Bereich Unterelbe – und für die betroffenen Patienten entsprechende Entschädigungen eingeklagt oder außergerichtliche Lösungen erzielt. „Die Zahl ist nicht gewaltig, aber man muss sich einfach deutlich machen, dass hinter jedem Fall ein Mensch steht, dessen Leben durch einen Behandlungsfehler massiv beeinträchtigt wurde“, sagte Michael Ramm, der seit Anfang Juni die Pinneberger Niederlassung der AOK leitet. Im Schnitt würden zwischen 200 und 250 Behandlungsfehler pro Jahr in Schleswig-Holstein ermittelt.

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Einzig das Jahr 2013 war mit 399 ein Ausreißer. Dazu erläuterte Jark: „Es geht nicht nur um falsche Behandlungen, sondern auch um den Einsatz falscher medizinischer Hilfen und in diesem Jahr war das Thema krebserregende Brustimplantate sehr akut.“ Jark berichtete von einer 33-jährigen Frau, die über Bauchschmerzen geklagt habe.

Eine Entzündung am Arm sei nicht erkannt worden und man habe bei ihr eine Braunüle gelegt, also einen Venenkatheter, durch den Medikamente intravenös verabreicht werden können, ohne dass jedesmal eine Spritze notwendig ist. In dem Fall der 33-Jährigen hätten Pfelegepersonal und Ärzte die Entzündung nicht erkannt und nicht auf die Schmerzen der Patientin reagiert. Nach dem Ziehen der Braunüle sei es zu einer Thrombose und auch zu einer Blutvergiftung gekommen, sagte Jark. Der Arm der Patientin habe amputiert werden müssen.

Die Krankenkasse AOK hat bereits 2001 das Kompetenzzentrum Medizin in Kiel eingerichtet, in dem 20 Mediziner aus verschiedenen Spezialgebieten der Diagnostik, Therapie und Forschung arbeiten. Neben der Aufklärung von Behandlungsfehlern ist vor allem der „Zweitmeinungsservice“ ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, um Patienten vor allem bei schweren Eingriffen, die Entscheidung zu erleichtern und auf Seite der Krankenkasse unnötige Ausgaben zu vermeiden.

Dieser Fall kam vor das Gericht und das Landgericht entschied: Kein Behandlungsfehler. Das Oberlandesgericht revidierte das Urteil jedoch. Der eingeschaltete Gutachter, der in beiden Prozessen aussagte, änderte seine Einschätzung von „Kein Behandlungsfehler“ zu „Grober Behandlungsfehler“. Die Patientin erhielt eine Entschädigung samt lebenslanger Rente. „Wir haben dem Gutachter die notwendigen Unterlagen zukommen lassen, um den Behandlungsfehler nachzuweisen“, erläuterte Jark.

Ob dieser seinen Job richtig gemacht habe, wollte der Krankenkassen-Niederlassungsleiter nicht bewerten. „Das ist ein sehr plakativer Fall wie die vergessene Schere im Bauchraum, aber er zeigt auch, mit welchen Themen wir zu tun haben“, sagte Jark. Durch verbessertes Qualitätsmanagement werde inzwischen etwa vor und nach Operationen das eingesetzte Operationsbesteck gezählt, um derartige Fehler zu vermeiden.

Medizinische Behandlungen unter der Lupe: Alf Kark (l.), Regionaldirektor der AOK-Nordwest, und der Pinneberger Niederlassungsleiter Michael Ramm klärten über Behandlungsfehler auf. (Foto: Fröhlig)
Medizinische Behandlungen unter der Lupe: Alf Kark (l.), Regionaldirektor der AOK-Nordwest, und der Pinneberger Niederlassungsleiter Michael Ramm klärten über Behandlungsfehler auf. (Foto: Fröhlig)
 

Von Panikmache ist Jark weit entfernt: „Wenn man die 3782 erfassten Behandlungsfehler seit 2001 ins Verhältnis zu den durchgeführten Behandlungen setzt, dann bewegen wir uns nicht einmal im Promillebereich“, sagte er. Wie viele Behandlungen im Bewertungszeitraum stattfanden, konnte Jark nicht benennen, er gehe aber von einem Wert von deutlich über einer Milliarde aus.

Etwa 18 Prozent der im Kompetenzzentrum gemeldeten Fälle erwiesen sich nach der Prüfung von AOK-Experten als wirkliche Behandlungsfehler. „Wir haben auch Versicherte, die gestern operiert wurden und heute klagen, dass sie noch keinen Sport machen können. Da müssen wir natürlich klar machen, dass es keine Wunderheilungen gibt“, sagte Jark.

Verwundert sei AOK-Niederlassungsleiter Ramm vom hohen Anteil junger Menschen, die auf Hilfe ihrer Krankenkasse hoffen. Während nur 69 Prozent der Versicherten ab 50 Jahre erwarten, dass ihre Krankenkasse nach Behandlungsfehlern Unterstützung leistet, sind es laut den Markforschern von Insa-Colsulere unter den 18- bis 49-Jährigen 85 Prozent. „Wir sind davon ausgegangen, dass die jüngere Generation als mündige Verbraucher gern selbst das Heft des Handelns in der Hand hat, aber scheinbar besteht gerade dort ein hoher Wunsch nach Unterstützung“, sagte Jark.

Grundsätzlich sei das Verhältnis zwischen Arzt und Patient immer ein besonderes Vertrauensverhältnis. „Daher ist es auch schwer für Patienten, die Richtigkeit einer Behandlung einzuschätzen“, erläuterte Jark. Sein Rat: Behandlungen hinterfragen und sich eine zusätzliche Meinung holen. „Wir unterstützen als Krankenkasse die Idee, eine zweite Meinung einzuholen“, sagte Jark. Auf die Frage, was sei, wenn diese sehr voneinander abweichen würden, sagte er: „In Deutschland entscheidet zum Glück am Ende der Patient. Und da hilft es, so viele Informationen wie möglich zu sammeln.“

Das Bundesministerium für Gesundheit geht davon aus, dass es jährlich zwischen 40000 und 170000 Behandlungsfehler gibt. Die Zahl der Anträge bei der Bundesärztekammer (BÄK) belief sich 2013 auf 12232. Sie stieg seit 2006 von  10280 gemeldeten Behandlungsfehlern stetig. Das Ministerium definiert Behandlungsfehler folgendermaßen: „Unter einem Behandlungsfehler ist eine nicht ordnungsgemäße, das heißt nicht den zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden allgemein anerkannten medizinischen Standards entsprechende Behandlung durch einen Arzt oder eine Ärztin oder auch einen Angehörigen anderer Heilberufe zu verstehen.“ Die häufigsten anerkannten Fehler im Krankenhaus betrafen laut BÄK 2012 die Behandlung von: Hüftgelenkverschleiß mit 73 anerkannten Fehlern bei 161276 stationären Behandlungsfällen, Knochenbrüchen des Unterschenkels und des oberen Sprunggelenks (64 Fehler, 136007 Fälle), Kniegelenksverschleiß (57 Fehler, 196528 Fälle), Unterarmbruch (45 Fehler, 134554 Fälle), Oberschenkelbruch (43 Fehler,  166859Fälle) sowie Oberarmbruch und Schulterbruch (40 Fehler, 111323 Fälle).  Diese Angaben sind unvollständig, da es kein Register für Behandlungsfälle gibt. Liegt der Verdacht eines Behandlungsfehlers vor, sollte der Patient Kontakt zu seinem behandelnden Arzt aufnehmen. Zudem seien die Krankenkassen verpflichtet, ihre Versicherten zu unterstützen. Auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) ist  kostenlos unter Telefon 08000-117722 erreichbar. Weitere Informationen gibt es im Internet.
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