Biologie : Abschied von einem alten Freund

Alte Bekannte: Armin Püttger’den-Conradt besucht das Nashorn Sudan in Kenia. Das Tier starb im März.
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Alte Bekannte: Armin Püttger’den-Conradt besucht das Nashorn Sudan in Kenia. Das Tier starb im März.

Der Elmshorner Biologe Armin Püttger’den-Conradt schreibt hier über seine Begegnungen mit dem Nashornbullen Sudan.

shz.de von
19. Mai 2018, 15:00 Uhr

Elmshorn | Die Meldung ging Ende März um die ganze Welt: Sudan ist tot. Der letzte Bulle der Nördlichen Weißen Nashörner musste schwerkrank in einem Kenianischen Reservat eingeschläfert werden. Einer, der das imposante Tier gut kannte, ist der Elmshorner Biologe Armin Püttger’den-Conradt. Für unsere Zeitung erinnert er sich an die gemeinsame Zeit.

Sudan schnupperte Pinneberger Luft

1975 fuhr ein großes Transportschiff auf der Elbe den Kreis Pinneberg entlang in Richtung Hamburg. Es kam aus der Hafenstadt Port Sudan am Roten Meer und hatte fünf kleine Nashörner an Bord. Eines davon war Sudan, ein männliches Rhino im Alter von zwei Jahren. Allesamt wurden sie von der Regierung der Tschechoslowakei gegen Maschinengewehre des Typs AK 47, der Kalaschnikow, bei Rebellen eingetauscht, die die Waffenlieferung nicht komplett in harten Devisen zahlen konnten. Im Hamburger Hafen wurden die Nashörner auf Küstenmotorschiffe umgeladen und schipperten weiter durch die damalige DDR bis nach Colin in Böhmen, von wo es per Lkw in den Zoo von Dvur Kralove nad Labem südlich des Riesengebirges ging. Hier sollte die seltene Fracht eine neue Heimat finden.

Der Waffenhändler war gleichzeitig auch Direktor des Zoologischen Gartens. Ich besuchte ihn in seinem Haus, aber zu diesem Thema war er nicht sehr gesprächig.
Im März 2018 befand ich mich während einer Südostasien-Expedition auf der malaysischen Insel Penang, wo mir ein Beitrag in der Zeitung „The Star“ in die Hand fiel. Eine Meldung, die in sämtlichen Medien rund um die Welt ging. Das letzte männliche Nördliche Weiße Nashorn der Erde sei aufgrund schwerer Beschwerden im hohen Alter von 45 Jahren im kenianischen Wildtierreservat Ol Pejeta eingeschläfert worden. Es berührte mich sehr, denn ich kannte Sudan seit 1990, als ich ihn und seine vier Kumpane in Tschechien zum ersten Mal besuchte. 1991 erforschte ich ein viertel Jahr lang als Zoologe ihr Verhalten. Weitere Besuche folgten.

Das Jahr zuvor war ich aus dem Kongo zurückgekehrt, wo ich weitere drei Jahre permanent im Garamba Nationalpark an der Grenze zum Süd-Sudan an der letzten Freilandpopulation dieser seltenen Nashornart arbeitete, denn überall sonst waren sie ausgerottet. Ich lernte sie allesamt, die Höchstzahl lag bei 39, als Persönlichkeiten kennen, bis auch sie im neuen Jahrtausend während des noch immer andauernden Bürgerkriegs brutal niedergemetzelt wurden.

Die letzten ihrer Art

Sudan lernte ich als ein sehr gutmütiges Tier kennen, mit einem damals nach vorn gebogenem Zweithorn, das an das vordere große Horn anstieß. Er befand sich in einer Zuchtgruppe mit den Weibchen Nasi, Nasima und der im Tierpark geborenen Nabire. Inzwischen waren weitere im Elbezoo geboren, so dass ihre Zahl bei neun Tieren lag. Aber trotz mehrfacher Versuche kam es durch Sudan nie zu einer Befruchtung, so dass man die Zuchtgruppen immer wieder neu zusammenstellte, bis sich endlich im Jahr 2000 der Bulle Saut und das 1987 geborenen Weibchen Najin paarten und die kleine Fatu zur Welt kam. Mutter und Tochter leben noch heute im Ol Pejeta-Reservat im ostafrikanischen Kenia. Sie sind die letzten ihrer Art.

Ich erinnere mich an viele schöne Erlebnisse zusammen mit Sudan. So versuchte er beständig, sich dem Weibchen Najin zu nähern, doch war sie meist schlechter Laune und vertrieb ihn immer wieder. Einmal dachte ich, aha, nun vertragen sie sich. Eine ganze Weile standen sie sich friedlich gegenüber und beschnupperten sich mit ihren großen Nasen. Aber plötzlich rümpfte Nasi doch wieder die Nase, legte die Ohren bedrohlich an, senkte den Kopf und hart schlugen die Hörner der beiden aneinander. Völlig verdattert rannte Sudan quiekend davon. Auch am Futterplatz zeigte sich Nasi wenig solidarisch. Ständig stellte sie sich dem Bullen in den Weg und futterte sich mit Heu voll. Nur der engen Freundschaft mit der Nashornkuh Nasima war es zu verdanken, dass Sudan nicht als Letzter dran kam. Auch zu Nabire unterhielt er guten Kontakt, aber sie war noch zu jung.

Alles andere als stumpfe Dickhäuter

2007 reiste ich mit dem NDR nach Dvur Kralove, um einen Film über Sudan und seinen Gefährten zu machen. Es war Winter. Die Tiere wurden aus dem Stall ins Gehege gelassen, wo sie durch den Schnee tobten. Es war eine Freude, ihnen zuzusehen. Auch im Sommer tobten sie bei strömendem Regen umher, rutschten im Matsch aus, tollten aber sofort weiter. Sie sind voller Gemütsbewegungen, die man ihnen auch ansieht und alles andere als stumpfe Dickhäuter, wie man ihnen oft nachsagt.

Nach und nach starben die Nashörner im Zoo. Drei der im Sudan gefangenen Alttiere wurden zwischenzeitlich nach San Diego in Kalifornien gesandt, Nadi, Nola und der Bulle Saut. Nur Saut kehrte 1999 wohlbehalten nach Tschechien zurück. Die beiden Weibchen starben in den USA. Bald wurde Sudan der begehrteste Junggeselle seiner Art, das einzige noch lebende Männchen.

Schon seit Jahren wurde verschiedenen Bullen Samenflüssigkeit abgenommen und an zwei Orten tiefgefroren: In Berlin und San Diego. Mehrfach versuchten Spezialisten des Leibniz-Instituts für Reproduktionsbiologie künstliche Befruchtungen, doch erwies es sich bei Nashörnern als sehr schwierig und nicht ohne erhebliche Verletzungen machbar. Auch wurden große Mengen an Samenvorrat vergeudet. So begannen die Experten mit der Stammzellenforschung, um einen Weg der Wiedervermehrung zu finden.

Vor einigen Jahren war ich für eine geheime Tagung in Dvur Kralove. Das Leibniz-Institut aus Berlin war gekommen und weitere Spezialisten. Es wurde beschlossen, die vier noch lebenden Nördlichen Weißen Nashörner in ein privates Reservat in Kenia auszufliegen, damit sie sich dort unter natürlichen Bedingungen vermehren. Die hohen Transportkosten trugen Privatfinanciers aus den USA. Eins von den Tieren starb schon bald nach der Ankunft, so dass drei verblieben: Sudan, Najin und Fatu.

Sudan hatte die Freiheit zurückerhalten

2015 war ich für das Magazin „Free Men’s World“ und „Die Zeit“ noch einmal für drei Monate in Kenia, um die Nashörner zu besuchen und letzte eigene Forschungen an ihrem Verhalten anzustellen. Sudan war bereits alt und gebrechlich, wie ich mit ihm durch die Savanne wanderte, aber er hatte die Freiheit der afrikanischen Wildnis zurückerhalten. Es war rührend, dieses riesige Tier neben mir zu haben, das ich bereits so viele Jahre kannte und mit dem ich mich verbunden fühlte und das meinen Heimatfluss, die Elbe, ebenso kannte wie ich. Und nun gingen wir gemeinsam in Afrika spazieren.

Ich blieb stehen und kraulte ihn hinter dem Ohr, was er schon immer sehr gerne mochte. Aus seinem kleinen Auge, dem einzigen durch das er noch sehen konnte, blickte er mich geduldig an. Aber nur ich wusste von uns beiden, dass seine Zeit nicht mehr sehr lang sein konnte. Kurz nach meiner Rückkehr waren zwei Mitarbeiter des Leibniz-Instituts aus Berlin auch noch mal in Ol Pejeta, um den drei Überlebenden Hautzellen zu entnehmen, diese in Berlin zu Zuchtzellen umzuwandeln, um daraus im Reagenzglas einen Embryo zu gewinnen. Lange Zeit ging dies durch die Medien, doch dann herrschte plötzlich Ruhe.

Ich nahm Abschied von Sudan in seinem Schlafgehege, nach einer langen Nacht, in der ich Fatu und Najin beobachtete. Ich sollte ihn nie wiedersehen. Das letzte männliche Nördliche Weiße Nashorn der Erde hat uns alle verlassen.

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