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Individuelle Beerdigung : Abschied in leuchtendem Gelb

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Elmshorner Künstlerin Christiane Schedelgarn bemalt Särge und Urnen. Sie setzt sich auch im Johannis Hospiz ein.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2014 | 13:00 Uhr

Elmshorn | Sie malt Sonnenstrahlen in knalligem Gelb, taucht ein in Laubgrün, Pink, Lila und Rot. Ihr Untergrund ist jedoch keine Leinwand, kein Papier. Es sind Särge und Urnen. Christiane Schedelgarn (60), Vorsitzende der Künstlergilde im Kreis Pinneberg, möchte denen, die gehen, einen individuellen Abschied bereiten – und Angehörigen auf diese Weise beim Abschiednehmen helfen. „Ich glaube, dass die Atmosphäre bei einer Trauerfeier ganz anders ist. Für viele Angehörige wirkt es leichter als wenn da so ein Eichensarg in braun steht“, so Schedelgarn.

Seit 2006 widmet sich die gebürtige Elmshorner Künstlerin der Sargmalerei, seit Anfang des Jahres in Zusammenarbeit mit dem Elmshorner Bestatter Bodo Dobbratz. Der hatte bereits einen ganz besonderen Auftrag für Schedelgarn: Zwei Särge bemalen, in denen die Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens Verstorbene aus dem Johannis Hospiz in Elmshorn abholen – in leuchtendem Gelb und Blau. „Es soll zwei geben. Einen für Männer, einen für Frauen“, so die Künstlerin. „Wir haben im bemalten Sarg bereits fünf Sterbefälle aus dem Hospiz überführt“, sagt Bestatter Bodo Dobbratz. Die Resonanz: Teilnehmende offene Blicke der Hospizbewohner statt melancholischer Stimmung. So beschreibt es der Bestatter.

„Wir finden das sehr schön. Das unterstützt den Individualismus der Menschen. Jeder Mensch wird hier so begleitet, wie er ist“, so Janet Dahlmann, Leiterin des Johannis Hospiz. „Einige Bestatter bieten bemalte Särge an. Aber es ist noch nicht so verbreitet bei den Angehörigen. Das muss man sich auch trauen. Es ist aber gut, dass diese Dinge stattfinden. Es macht deutlich, wie sich die Trauergestaltung verändert, wie offen Menschen mit der Trauerverarbeitung umgehen.“

Schedelgarn malt auch auf Auftrag. „Der, der geht, soll etwas ganz Individuelles zum Abschied bekommen. Die Persönlichkeit soll herausgestellt werden“, so die Künstlerin. Für die notwendigen Vorgespräche mit den Angehörigen brauche es sehr viel Sensibilität. „Ich bin schon auch angespannt in diesen Situationen“, verdeutlicht sie. Doch Schedelgarn hat einen Draht zu Menschen. Sie ist ausgebildete Pädagogin und war jahrelang als Lehrerin an der Beruflichen Schule in Pinneberg tätig, bevor sie sich vor zehn Jahren als Künstlerin selbstständig machte.

Dann kam die Sargmalerei hinzu. „Als ich angefangen habe und mir einen Sarg habe bringen lassen, bin ich allerdings zunächst drei Tage um das Teil herumgeschlichen – mit Respekt und auch mit ängstlichen Gefühlen. Es war ein Kennenlernen mit Händen und Augen.“

Schedelgarn berichtet: „Auch für mich ist es eine Art Trauerbewältigung.“ Sie selbst habe mit fünf Jahren ihren Vater verloren. Damals als Kind habe niemand mit ihr darüber gesprochen. Lange habe sie nicht genau verstanden, was mit ihrem Vater eigentlich passiert war, so Schedelgarn. „Die Sargmalerei hilft mir, besser mit dem Thema umzugehen.“ Möglich sei es auch, dass Angehörige unter ihrer Anleitung die Särge der Verstorbenen selbst bemalen. Was die Kosten der kreativen Sarggestaltung unbehandelter Särge vorwiegend aus Kiefernholz durch Schedelgarn angeht, sei das Ganze etwa genauso teuer wie eine Bestattung im fertig gelackten Sarg, so die Künstlerin.

Ihre künstlerische Handschrift findet sich zum Teil auch auf den Särgen wieder. Schedelgarn benutzt dieselben Farben, dieselben Pinsel und Materialien wie für ihre Bilder. „Den Deckel bemale ich immer ziemlich hell, auch mit Sonnenstrahlen. Ich gehe davon aus, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern wir ins Licht gehen.“

Schedelgarn ist sich sicher, dass die Menschen offener werden für individuelle Beerdigungen, auch wenn Sprüche wie „Was sagen denn die Nachbarn?“ der Künstlerin nicht unbekannt sind. „Für mich als Künstler ist es eine reelle und sinnvolle Arbeit. Ich habe das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und dieses Gefühl brauche ich bei meiner Arbeit.“

Neue Rituale
Seebestattung: Die Asche des Verstorbenen wird in eine wasserlösliche, mit Blumen geschmückte Urne gefüllt und meist von einem Kapitän der See übergeben. Erlaubt ist sie nur außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer. Urnenkirchen sind ehemalige Gotteshäuser, die zum Friedhof erklärt wurden. Die Urnen von Verstorbenen finden oft in eigens errichteten Säulen oder in Wänden Platz. Fingerabdruck: Auf Wunsch nehmen viele Bestatter einen Fingerabdruck von Verstorbenen, der später weiterverarbeitet werden kann – etwa zu Schmuckstücken. Ascheamulett: Eine Kette mit einem Anhänger, in dem sich ein Teil der Asche eines Verstorbenen befindet.
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