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Rellingen : „Abitur zu machen, setzt Kräfte frei“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bislang fehlten ausreichend Schüler für einen Antrag beim Bildungsministerium. Schulleitung und -träger nehmen neuen Anlauf.

von
erstellt am 18.Okt.2014 | 16:00 Uhr

Politik und Verwaltung von Rellingen drängen auf die Einführung einer gymnasialen Oberstufe an der Caspar-Voght-Schule. Bislang werden Schüler der Klassen 1 bis 10 an der Grund- und Gemeinschaftsschule auf das Leben vorbereitet. Wie schätzt Schulleiter Jochen Kähler die Chancen ein, künftig die Möglichkeit der Hochschulreife auf dem Campus am Schulweg anbieten zu können? Diese Zeitung sprach mit dem 43-jährigen Chefpädagogen und Fachlehrer für Mathematik, Biologie und Integrierte Naturwissenschaften über Chancen und Risiken.

Herr Kähler, warum hat das Bildungsministerium in Kiel der Gemeinde Rellingen die Einführung des Abiturs bislang verweigert?
Diese Frage ist für mich schwer zu beantworten, weil ich erst seit zwei Jahren in Rellingen arbeite. Ein ganz wichtiges Argument ist immer die Anzahl von Schülerinnen und Schülern, die im 5. Jahrgang an der Gemeinschaftsschule angemeldet werden. Diese war in der Vergangenheit häufig zu gering für solch einen Antrag.

Was hat die Verantwortlichen im Rathaus jedoch bis heute motiviert, an der Realisierung festzuhalten?
Für die Antwort auf diese Frage bin ich eigentlich der falsche Gesprächspartner. Dies könnte die Verwaltung im Rathaus oder gar die Politik wesentlich besser. Fest steht allerdings, dass wir mittlerweile eine ganz andere Situation in Rellingen haben, als noch vor wenigen Jahren. Zum einen hat sich auf Landesebene die Gesetzeslage geändert. Zum anderen ist es so, dass Kommunalpolitik einstimmig gemeinsam mit der Verwaltung für eine gute Versorgung der Bürgerinnen und Bürger in Rellingen sorgen möchte. Die Möglichkeit, innerhalb der Gemeinde, das Abitur zu erlangen, gehört dazu. Nicht unerwähnt bleiben darf auch, dass die neue Schulleitung sich über das Engagement des Schulträgers freut und darin tolle Entwicklungschancen für die Schule sieht.

In welchem Stadium der Umsetzung stecken Verwaltung und Politik?
Es gibt einen einstimmigen Beschluss aus dem Schulausschuss, das Schulamt in Elmshorn und Landespolitiker sind eingeweiht und haben unter bestimmten Bedingungen ihre Unterstützung zugesagt. Insofern sind wir zu diesem Zeitpunkt auf einem guten Weg, dass die Verwaltung einen Antrag formulieren und in Kiel einreichen kann.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, die Rellingen als Schulträger schaffen muss?
Wie eingangs bereits erwähnt, ist die Steigerung der Anmeldezahlen im 5. Jahrgang ein wichtiges Kriterium. Hier sind wir gefordert, die Eltern davon zu überzeugen, dass sie ihre Kinder im nächsten Frühjahr an unserer Schule anmelden und damit als Bürger zeigen, dass auch sie eine Oberstufe in Rellingen wollen. Ich bin davon überzeugt, dass es eine Reihe von Argumenten gibt, die für die Caspar- Voght- Schule sprechen. In erster Linie sind dies zunächst einmal die engagierten Lehrkräfte, die sich jeden Tag dafür einsetzen, dass die Schülerinnen und Schüler gut lernen können. Unterstützt werden sie dabei durch das tolle Team unserer Schulsozialpädagogen und –pädagoginnen, die den Kindern helfen, „den Ballast des Alltags“, der sie vom Lernen abhalten könnte, zu bewältigen. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang die Rolle der Gemeinde Rellingen als Schulträger, der uns mit allen Dingen bestens ausstattet, die moderner Unterricht braucht.

Was weiterhin wichtig sein wird, ist die Abdeckung des räumlichen Bedarfs, im Falle einer Zustimmung zu dem Antrag. Hierzu kann ich zu diesem Zeitpunkt nur sagen, dass es schon Pläne gibt, die dem modernen Bedarf anzupassen sind. Der Platz zum Bauen ist vorhanden und die Zusage von Seiten der Politik auch diesen Teil zu unterstützen.

G8 oder G9: Wäre G9 ein Pfund für Rellingens Gemeinschaftsschule, um langfristig genug Schüler anlocken zu können?
Die Frage stellt sich in dieser Form gar nicht. G8 wird für die Schulen in Schleswig-Holstein – mit einigen Ausnahmen – hoffentlich den Gymnasien vorbehalten bleiben. Die Möglichkeit, das Abitur nach neun Jahren zu machen (G9), gibt es ja schon jetzt bei uns. Bei entsprechendem Zensurendurchschnitt hat jeder Jugendliche, der unsere Schule mit dem Mittleren Bildungsabschluss verlässt, das Recht, in eine Oberstufe zu wechseln. Hierzu musste er bisher allerdings die Schule wechseln und wir möchten, dass dies in Zukunft nicht mehr notwendig sein wird. Meine Erfahrungen aus Elmshorn zeigen, dass Gemeinschaftsschulen, die eine Oberstufe haben, gegenüber allen anderen Gemeinschaftsschulen einen klaren Vorteil besitzen. Diese Schulen werden zunächst von den Eltern ausgewählt und erst wenn es hier keine Schulplätze mehr gibt, kommen die übrigen Gemeinschaftsschulen zum Zug. Insofern ist eine Oberstufe an der Caspar- Voght-Schule auf jeden Fall ein Pfund, um den Schulstandort weiter zu entwickeln.

Sollte das Abi in der Baumschulengemeinde möglich sein: In welcher Größenordnung müssen Gebäude und Lehrkörper an den Schulalltag in spe angepasst werden?
Im Prinzip können Sie davon ausgehen, dass das Unterrichtsgebäude ungefähr doppelt so groß sein müsste.


Wie viele Ihrer Kollegen sind zurzeit überhaupt befähigt, auch in der Sekundarstufe 2 Schüler bis zum Abitur zu begleiten?
Das ist eine sehr formale Sicht auf die Herausforderungen, die vor uns liegen. Wir haben zurzeit drei Kolleginnen und Kollegen an der Caspar- Voght-Schule, die die gymnasiale Lehrbefähigung haben. Mit dem entsprechenden Anwachsen der Schule würden dann weitere Kolleginnen und Kollegen dazu kommen. Im letzten Jahr mussten wir leider einigen Lehrkräften, die an unsere Schule wechseln wollten eine Absage erteilen, weil wir nicht die Planstellenzuweisung bekommen haben, um diese auch beschäftigen zu dürfen. Darunter waren auch Kolleginnen und Kollegen mit gymnasialer Lehrbefähigung.

Was ich eigentlich sagen möchte ist jedoch, dass man bei der Beantwortung dieser Frage nicht außer Acht lassen darf, dass die Lernkulturen an Gymnasien und Gemeinschaftsschule unterschiedlich sind. Sie haben auf der einen Seite eine Schulform mit einer langen Tradition und einer Lernkultur, die darauf ausgelegt ist, vor allem die leistungsstärksten Schülerinnen und Schüler weiter zu fördern. Daneben haben Sie eine neue Schulform, die gerade auf eine fünfjährige Tradition in Schleswig-Holstein zurückblicken kann und mit deren Einführung andere Schulformen beendet wurden. Diese Umstellung bedeutet für alle Beteiligten – und vor allem für die Lehrkräfte – natürlich eine enorme Herausforderung, der diese sich täglich stellen, mit wenig Ausgleich. Darüber hinaus sind wir in einer Situation, dass die Gemeinschaftsschulen aufgrund der Inklusion darin geübt sind, Schülerinnen und Schüler so zu unterstützen, wie diese es benötigen. Insofern bin ich davon überzeugt, dass es den Kolleginnen und Kollegen – wie bisher auch – gelingen wird, Schülerinnen und Schüler so zu fördern, dass diese ihre Abiturprüfung bestehen.

Wir sehen uns als eine Schule für alle Schülerinnen und Schüler und haben in den letzten zwei Jahren mit der Einrichtung der DAZ- Klasse, der SIM-Klasse und der Praxisklasse gezeigt, dass wir dies ernst nehmen. Was uns fehlt ist die Möglichkeit, auch die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler bei uns im Haus zu einem Abschluss zu führen.

Letzten Endes möchte ich noch sagen, dass das Lernen selbst nach wie vor Aufgabe der Jugendlichen ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass die bewusste Entscheidung eines Jugendlichen, nach der 10. Klasse nicht in eine Berufsausbildung zu wechseln, sondern weiter zur Schule zu gehen, Kräfte freisetzt, die ihn motivieren, auch Herausforderungen, die weiteres Lernen mit sich bringt, zu bestehen.

Bislang weichen Rellingens Schüler auf Nachbarkommunen aus. Was macht Rellingen denn so attraktiv, um der Konkurrenz aus Halstenbek, Schenefeld und Pinneberg trotzen zu können?
Tatsache ist: Für Kinder aus Rellingen gibt es nach der vierten Klasse bisher eigentlich nur die Möglichkeit auf ein G8 Gymnasium zu wechseln, da die Gemeinschaftsschule in Thesdorf, weil sie in Pinneberg liegt, in erster Linie Pinneberger Kinder aufnimmt. Für die Eltern, die dies nicht wollen, bleibt bisher nur die Möglichkeit, ihr Kind zunächst an einer Gemeinschaftsschule anzumelden und dann nach der 10. Klasse in eine der bestehenden Oberstufen zu wechseln. Insofern kann man hier auch von einer gewissen Ungerechtigkeit sprechen, die wir durch das Angebot einer Oberstufe an unserer Schule beseitigen möchten. Darüber hinaus glaube ich – und das habe ich oben ja schon angeführt –, dass wir eine Schulkultur pflegen, in der sich alle Kinder und Jugendlichen ernst- und angenommen fühlen können und in der wir ihnen allen die Unterstützung bieten, die diese für den Start in ihr weiteres Leben brauchen.

Hand aufs Herz: Wann gibt es grünes Licht aus Kiel für ein Abitur in Rellingen?
Ich hoffe, dass die Schüler, die sich im nächsten Frühjahr für unsere Schule entscheiden, im Jahr 2021 in unsere eigene Oberstufe wechseln können, um dann nach drei Jahren das Abitur zu machen. Unsere Partner haben uns die notwendige Unterstützung versprochen. Insofern sind wir gespannt.



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