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Weltdrogentag: Aus der Sucht ins Leben : Abhängigkeit und Therapie im Kreis Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die 31-jährige Mona L. plant in Elmshorner Nachsorge-Wohngemeinschaft ihren Weg in eine Zukunft ohne Drogen.

shz.de von
erstellt am 26.Jun.2015 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | 17 Jahre lang konsumierte sie alles, was ging: Medikamente, Alkohol, Kokain, Cannabis, Pilze, Ko-Tropfen GBL und letztendlich Heroin. Heute ist die 31-jährige Mona L. (Name von der Redaktion geändert) „clean“. Entgiftung und Langzeittherapie liegen hinter ihr. Derzeit lebt sie in einer sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft (STWG) in Elmshorn, in der teilstationäre Nachsorge durch das Suchttherapiezentrum STZ angeboten wird. Offen spricht sie über ihren langen Weg zurück ins Leben.

Die Augen der 31-Jährigen strahlen. Ihr Lachen wirkt ansteckend. Voller Energie spricht sie über ihre Zukunftspläne, dass sie ihren Realschulabschluss und eine Heilerzieherausbildung machen will. Eine eigene Wohnung für sich und ihren neunjährigen Sohn hat sie in Hamburg bereits gefunden – weit entfernt von ihrem früheren Umfeld. „Ich bin so glücklich wie nie“, sagt sie optimistisch.

Wenn sie über ihre Vergangenheit spricht kann man kaum glauben, dass auch diese andere Seite zu ihr gehört: alkoholkranke Eltern, der Tod eines Partners. Mit 13 Jahren betäubte sie sich mit Medikamenten, brach die Schule ab, mit 14 rutschte sie in die Kokainszene ab und ging für die Beschaffung der Drogen an moralische Grenzen. Als vor einigen Jahren ihr Freund starb, griff sie zu Heroin. „Es war ein Wegdrücken von Problemen. Ich habe nicht gelernt, damit umzugehen, habe mich betäubt. So etwas wie Lebenslust, Lebenswillen hat es nicht gegeben“, sagt die 31-Jährige.

Während des Interviews in einem Elmshorner Café schiebt sie die Ärmel ihres Pullovers nach oben und entblößt Narben vom Ritzen. Latente Suizidgedanken hätten sie immer begleitet, sagt sie. Sechs Entgiftungen folgten sechs Rückfälle.

Zirka 500 Alkohol- oder Medikamentenabhängige Patienten durchlaufen jährlich in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Regio Kliniken in Elmshorn eine dreiwöchige qualifizierte Motivations- und Entgiftungsbehandlung, wie der leitende Oberarzt Dr. Rolf-Dieter Kanitz bestätigt. Die Zahl der alkoholabhängigen Menschen im Kreis Pinneberg  im Alter von 18 bis 64 beziffert der Mediziner Statistiken zufolge auf bis zu 8000. Weitere 12.000 Menschen im Kreis konsumierten Alkohol sozial und gesundheitlich missbräuchlich und 35.000 auf riskante Weise.
 Kanitz benennt Alkohol als Suchtmittel Nummer eins in Deutschland. „Doch nur zehn Prozent der Abhängigen werden pro Jahr suchttherapeutisch behandelt.“ Neben dem Entzug erfolgt in Elmshorn  eine verhaltenstherapeutische Behandlung. „Die meisten Patienten haben keine angemessene Vorstellung von ihrem Problem.“
50 Prozent der Elmshorner Patienten bleiben laut Kanitz  längerfristig abstinent „wenn sie nach der Behandlung ambulante Therapien und Selbsthilfegruppen besuchen, um die Motivation aufrecht zu erhalten“. Therapieplätze vermittelt  auch die  Regio Klinik.
Weitere 400 Jugendliche sowie 400 Erwachsene machen jährlich einen qualifizierten Entzug illegaler  Drogen  in der Fachklinik Bokholt in Bokholt-Hanredder durch Dabei geht es meist um THC, Kokain, Opiate wie Heroin, Medikamente – oft in Kombination mit Alkohol. Ein Großteil der Patienten stamme aus dem Kreisgebiet, viele aus anderen Bundesländern, so der stellvertretende Klinikleiter Wolfgang Weidig. Bei Jugendlichen sei THC das Hauptsuchtmittel. 34 Plätze für einen qualifizierten Entzug sowie 17 Plätze für eine freiwillige dreimonatige Reha stehen zur Verfügung. Den Entzug  mithilfe von Akupunktur und wenigen Medikamenten verbunden mit Verhaltenstherapie stehen laut Weidig 88 Prozent der Erwachsenen und 70 Prozent der Jugendlichen durch.

Doch irgendwann „klickte“ es. „Man hat einen Rucksack, den man immer voller packt. Irgendwann kann man ihn nicht mehr tragen“, sagt die 31-Jährige über sich selbst. „Der Leidensdruck ist der ausschlaggebende Punkt.“ Der wurde mit der Sucht zu groß. „Entweder es ändert sich dann etwas in der Psyche oder es wird nicht mehr“, sagt sie .

Für Mona L. scheint es zu werden. Nach der siebten Entgiftung machte sie eine sechsmonatige Trauma- und Suchttherapie in einer Klinik in Castrop-Rauxel. Ihr Sohn blieb bei der Familie ihres Ex-Freundes. „Ich habe meinem Sohn erklärt, dass ich krank geworden bin und vergessen habe, was wichtig im Leben ist“, sagt sie. Während er bei ihr gewohnt habe, habe sie die Drogen tagsüber so konsumiert, dass sie funktionierte, abends zum Schlafen. „Aber irgendwann bricht bei jedem alles ein. Da hat es auch mein Sohn mitbekommen.“ Sie entschied sich dagegen, ihn in die Klinik mitzunehmen. „Dann hätte ich es nicht gepackt, hätte mich nur auf ihn konzentrieren können.“

Die Bedingung für den Therapie-Start: Sauber sein. Zum Entzug gehörten Schmerzen, Schwitzen und Leiden. „Die Nachwehen des Heroins merkt man noch drei Monate später. Mir war lange kalt.“ Vier Wochen durfte sie die Klinik nicht verlassen. Gruppen- und Einzeltherapie-Sitzungen sowie Sport gehörten zu ihrem Alltag. „Sport ist ganz wichtig, um ein Körpergefühl aufzubauen, eigene Grenzen auszutesten“, so die 31-Jährige. Sie lernte, die Suchtspirale im Kopf zu druchbrechen, kaute dafür in Notfällen auf Chilischoten, und steckte sich Kieselsteine in die Schuhe. Die werktägliche Arbeitstherapie in Bereichen wie der Gärtnerei oder der Cafeteria hat wieder Struktur in ihr Leben gebracht, sie ihre eigenen Fähigkeiten wiederentdecken lassen.

„Die Hauptdroge in den Beratungen ist Cannabis“, sagt Anja Lohse, Leiterin des Sozialtherapeutischen Zentrums (STZ) für illegale Suchtmittel in Elmshorn, Pinneberg und Wedel. „Bei Jugendlichen ab 14 Jahren ist es die gängigste Droge neben Alkohol.“ Lohse weiß: „Die weitaus meisten wollen es mal ausprobieren, konsumieren über einen bestimmten Zeitraum.“ Zirka 95 Prozent hörten von allein wieder auf. In die Beratungen kommen Menschen, wenn sie Probleme bekommen, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Ausbildung oder bei Verlust des Führerscheins.
Ein weiterer Schwerpunkt in der Beratung liegt für das STZ weiterhin auf Heroin. „Der weitaus größte Teil ist in Substitutionsprogrammen“, sagt Lohse. Thema ist auch Kokain. Gängige Konsumentenmuster beschreibt Lohse so: „Über die Woche Cannabis, am Wochenende täglich Amphetamine und noch eine Flasche Whisky obendrauf.“ Probleme blieben da langfristig nicht aus. Crystal Meth sei hingegen – ausgenommen von Einzelpersonen, die  es ausprobiert haben – kein großes Thema in der Beratung. Das STZ bietet in Wedel und Elmshorn ambulante Rehabilitation sowie ambulante Nachsorge an. Lohse macht Mut: „Eigentlich ist alles lösbar. Klar ist, die Menschen müssen es lösen wollen. Es lohnt, um jeden und mit jedem zu kämpfen. Es gibt immer einen Weg.“

Das Leben in der Klinik beschreibt sie lachen d „wie in einer Jugendherberge“ – nur mit „Atemtests und zufälligen Urinkontrollen“ nach Ausgängen. Mona L. blieb stark. „Es ist wirklich nur die innere Grundhaltung, von der man nicht abweichen darf.“ Für sie war es entscheidend, „im Kopf wieder frei zu sein, frei von Ängsten, Zweifeln, Schmerzen und dem inneren Druck“. Sie sagt: „Ich bin heute soweit gefestigt, dass ich feiern gehen kann.“ Ohne Drogen natürlich. „Ich habe ja nie konsumiert, um Party zu machen, sondern um wegzudrücken.“ Sie verdeutlicht: „Es gibt Tage, an denen es schwierig ist. Dann gehe ich abends gar nicht erst raus. Das ist mir zu heikel. Ganz wichtig ist, sich Hilfe zu holen, wenn es irgendwo hakt.“

Nach der Klinik folgte für sie eine dreimonatige Adaptionsphase inklusive eines Praktikums in einer Tagesstätte für Menschen mit Behinderungen – für Mona L. eine Zukunftsperspektive. In ihrer Elmshorner WG geht es derzeit darum, Schritte in ein künftiges Arbeitsleben zu machen, Schuldenregulierung, suchtmittelfrei zu leben und die Freizeit zu gestalten. Ab August will Mona L. mit ihrem Sohn durchstarten. Sie kann es kaum erwarten.: „Ich habe meine Lebensfreude wiedergefunden. Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das laufen lernt. Ich mache die Schritte, weil ich es möchte, ganz bewusst. Nicht, weil ich es muss.“

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