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„Minaturwunderland“ : Ab Wedel fährt ein Zug nach Nirgendwo

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ein Pensionär aus Wedel betreibt auf 24 Quadratmetern ein mehrstöckiges „Minaturwunderland“ mit einem Wert eines gut ausgestatteten Mittelklasse-Autos.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2013 | 12:00 Uhr

„Achtung, Achtung! Bitte einsteigen. Vorsicht bei der Abfahrt“, schallt es aus den Lautsprechern, ehe der frühere Schlosser und Schweißer Gerhard Lampe mal wieder zum Lokführer wird – an der mehrstöckigen Modelleisenbahn-Anlage mit einer Gesamtfläche von rund 24 Quadratmetern im Hobbyraum seiner Fünf-Zimmer-Wohnung in Wedel. Tutend, quietschend und surrend setzt sich daraufhin schwerfällig eines seiner „liebsten Kinder“ in Bewegung.

„Das ist der Weihnachtszug. Der steht den Sommer über auf einem Abstellgleis unter der Anlage. Jetzt wird’s Zeit, ihn wieder in den Fahrplan zu nehmen“, freut sich der dreifache Vater und Großvater über die bunten, festlich geschmückten Waggons, die von einer feuerroten Rangierlok über die Gleise mit der Spurbeite H0 gezogen werden.

Die Jungfernfahrt des Jahres führt die, unter anderem mit Weihnachtsmann-Stube und Lebkuchenhäuschen bestückten Güteranhänger, fortan durch eine liebevoll zusammengestellte Modellbahnlandschaft, die Gerhard Lampe – stetig wachsend – in den zurückliegenden 18 Jahren entstehen ließ. Gebirge, Tunnel, urige und großzügig angelegte Bahnhöfe für Personen- und Güterzüge, Stellwerke, alte Wassertürme sowie zahlreiche Details, darunter Tiere und Wälder, sind nur ein kleiner Teil dessen, was den Betrachter der Anlage erwartet.

„Das erste Interesse an einer Modelleisenbahn weckte eigentlich mein Vater in mir, als er mir im Alter von etwa fünf Jahren eine Dampflok zum Aufziehen schenkte“, erinnert sich der gebürtige Wedeler. Und daran, wie er die Mini-Lok immer wieder durch die elterliche Wohnung sausen ließ. „Viele Jahre später holte ich mir dann einmal ein sogenanntes Starter-Set von Märklin, dass jedoch mangels Zeit und Geld einen ebenso langen Zeitraum unbenutzt in der Ecke stand“.

Erst als die Kinder aus dem Haus waren und ein Betriebsunfall den handwerklich begabten Hobby-Tüftler in die Frührente zwang, entstand 1995 bei Lampe der Wunsch, die Modellbahn als zukünftiges Hobby in den eigenen vier Wänden zu etablieren. Mit Erfolg. Und großer Leidenschaft. Ob „Modellbahn-Gärtner“, „Landschaftsarchitekt“, „Lokführer“, „Schaffner“ oder „Weichensteller“: Wenn Lampe nicht gerade im Stile eines Elektrikers mit Taschenlampe und in Rückenlage unterhalb der Anlage eines der unzähligen Elektrokabel austauscht, festzurrt oder ansteckt, sind seine Tätigkeiten in seinem wertvollen Reich sehr vielfältig.

Laut Lampe müsse man schon viel Fantasie nebst handwerklichem Geschick und technischem Verständnis besitzen, um ein Hobby wie dieses in größerem Stil zu betreiben. „Schauen Sie doch selbst mal unter die Anlage. Vielleicht haben alle verlegten Kabel zusammen eine Länge von rund 1000 Metern. Finden Sie dann erst mal das Richtige, wenn eine der über 200 Lampen der Schienenbeleuchtung nicht funktioniert“, lacht der Hobby-Eisenbahner, der im richtigen Leben eigentlich gar keiner ist. „Ich verreise nur selten. Und wenn, dann mit dem Auto. Denn die Bahn ist mir viel zu teuer.“

Sein Freizeitvertreib ginge schon genug ins Geld. „Bedenken Sie, dass allein eine meiner 27 Loks zwischen 300 und 400 Euro kostet. Und auch die insgesamt 300 Waggons auf der Anlage sind nicht ganz billig. Hinzu kommt das ganze Drumherum.“ Wie Brücken, Häuser, unzählige Modellobjekte. Einen guten Mittelklassewagen sei das ganze wohl schon Wert. Genau hätte der Märklin-Fan seine gesammelten, unzähligen Kassenbons, jedoch nie zusammenaddiert. Nicht zu vergessen seien auch die vielen benötigten Materialien und Werkzeuge. „Sperrholzplatten, Klebstoffe, Stichsäge und Schraubendreher gehörten genauso dazu, wie Kneifzange, Kunstrasen oder Metallbügel“, erklärt der Rentner.

Und läuft kurz darauf an seinem Regie-Pult zur Höchstform auf. Mehrere Züge gleichzeitig lässt Lampe über die abendlich beleuchtete Anlage laufen.

Da passiert das Unfassbare: Einmal nicht aufgepasst und eine der insgesamt 90 Weichen zu spät geschaltet, fährt die Berliner Schnellbetriebsbahn „SVT“ aus den 50er-Jahren gleich hinter dem „Bahnhof Wedel“ in einen entgegenkommenden Güterzug und seiner vorausfahrenden, kräftig aus dem Schornstein qualmenden Dampflok. Doch: Kein Problem für den „Bahnchef“ aus der Rolandstadt: Die erforderlichen Aufräumarbeiten an der Unfallstelle kann Lampe mit einigen geschickten Handgriffen schon innerhalb weniger Sekunden erledigen. Und die Züge wieder in die richtige Spur bringen. Nicht zu Unrecht scheint Lampe schon ein bisschen Stolz auf das zu sein, was er da in unzähligen Stunden, Wochen, Monaten und letztlich Jahren im trauten Heim erschaffen hat. „Vor allem war es der richtige Schritt, nach der Jahrtausendwende auf den Zug der Digitaltechnik aufzuspringen.“ Das ermögliche dem Bediener gerade im Bereich der Sounds und Ansagen vielfältige Möglichkeiten.

Wer nun denkt, dass der 71-Jährige viel Zeit pro Tag an den Reglern verbringt, liegt falsch. „Meistens überbrücke ich so Werbepausen im Fernsehen. Dann geh ich eben mal kurz rüber und lasse eine Bahn durch die Landschaft fahren“, schmunzelt Lampe.

Konkrete Zukunftsplanungen hinsichtlich seiner Modellbahn-Anlage hat Lampe bisweilen nicht. „Ob ich noch ein Stockwerk drauf setze weiß ich noch nicht. Ich kann nur soviel sagen: Miniaturbahn-Freunde werden niemals richtig fertig!“
 

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