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Lebenshilfe Pinneberg : 40 Jahre Kampf um Teilhabe

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Einrichtung feiert Geburtstag. Menschen mit Behinderung sollen Zugang zu allen Aspekten der Gesellschaft haben.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2014 | 17:00 Uhr

Pinneberg | In den Produktionshallen am Eichkamp herrscht ordentlich Betrieb. Mitarbeiter hobeln und fräsen, verpacken Waren oder kümmern sich in der Gärtnerei um Setzlinge. Ein ganz normaler Pinneberger Betrieb? Fast. Der Arbeitgeber ist die Lebenshilfe Pinneberg, die Mitarbeiter sind Menschen mit Behinderung. Menschen – darauf legt Geschäftsführer Michael Behrens Wert. Den Briefkopf der eigenen Einrichtung hat er selbst ändern lassen, lange stand dort nur der Begriff „Behinderte“. Die Bezeichnung der Mitarbeiter ist nicht das Einzige, was sich in der Geschichte der Lebenshilfe Pinneberg geändert hat. Am 24. Juni wird die Einrichtung 40 Jahre alt.

„Die Gründer haben damals überlegt: Wie können wir Strukturen zur Förderung schaffen?“, erzählt Behrens. Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am öffentlichen Leben war in den 1970ern noch nicht gesetzlich geregelt. Die Pioniere um Wilhelm Johannson gründeten parallel die Förderschule in Appen-Etz und die Werkstatt in Pinneberg. „Menschen mit Behinderungen sollten so die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen und einen Beruf auszuüben.“

Die ersten drei Monate war die Werkstatt im heutigen Geschwister-Scholl-Haus in der Bahnhofstraße angesiedelt. 1974 dann der Umzug an den Eichenkamp, zunächst in die Nähe des heutigen Standorts. Die meisten der Gründungsmitglieder waren selbst Eltern von behinderten Menschen. „Die haben alle selbst die Ärmel hochgekrempelt und beispielsweise einen Fußboden verlegt.“

Das Team der Lebenshilfe begann in der Kreisstadt mit fünf Mitarbeitern, die für 20 behinderte Menschen zuständig waren. „Viel Unterstützung gab es auch von der Bundeswehr in der Marseille-Kaserne“, betont Behrens. Die Soldaten übernahmen unter anderem die Verpflegung. Die Zahl der behinderten Mitarbeiter stieg anfangs jährlich um 20 Personen. 1984 wurde das neue Haus in der Rellinger Straße fertig. Behrens: „Wir sind bis heute froh, dass wir ein ebenerdiges Gebäude haben, für die Produktion ist es ein guter Standort.“ Die Lage am Ortsrand sieht der Geschäftsführer aus heutiger Sicht dagegen kritisch. Eine zentralere Lage würde dem Wunsch nach Teilhabe eher entgegenkommen. Mittlerweile arbeiten 450 Menschen mit Behinderung in den Werkstätten der Lebenshilfe. Es gibt eine Schlosserei, eine Gärtnerei, eine Tischlerei und andere Angebote. Arbeitsaufträge kommen von zahlreichen Firmen in der Umgebung. Behrens stellt aber klar: „Wir nicht nur ein Arbeitgeber – wir sind ein Marktplatz, ein Ort der Kommunikation.“ Ausdrücklich vertritt die Lebenshilfe auch die Interessen der Menschen mit Behinderung nach außen – aber auch intern. „Menschen mit Behinderung brauchen Unterstützung und Sicherheit“, betont Behrens. Soviel Unterstützung wie nötig, soviel Selbstständigkeit und Normalität wie möglich. „Es gibt kein Patentrezept“, sagt der Geschäftsführer nachdenklich und hebt hervor: „Viele Veränderungen haben die behinderten Menschen selbst angeregt und umgesetzt.“

Als die Lebenshilfe in Pinneberg anfing, war es gerade einmal dreißig Jahre her, das behinderte Menschen im Dritten Reich systematisch ermordet wurden. Heute sagt Behrens: „Die Grundhaltung in Deutschland ist gut.“ Doch viele hehre Ziele, die der Staat vorgibt, scheitern an der finanziellen Umsetzbarkeit. Behrens betont: „Wir sind ausgequetscht wie die Zitronen.“ Einsparpotenziale gebe es in der Lebenshilfe keine mehr. „Die Politik will immer mehr Dinge in den Warenkorb reinlegen, aber immer weniger zahlen“, so der Geschäftsführer. Neue Konzepte wie Inklusion seien eine Aufgabe für mehrere Generationen. Für Behrens ist klar, dass es sich für die Gesellschaft lohnen wird, Menschen mit Behinderung immer mehr in ihre Mitte aufzunehmen. „Diese Persönlichkeiten sind ein unglaublicher Schatz – wir könne so viel von ihnen lernen.“

Am 23. November 1958 wurde die Lebenshilfe in Marburg von 15 Fachleuten und Eltern als „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ gegründet. Die Initiative dazu ging vom niederländischen Verbindungsoffizier Tom Mutters aus. Im Jahr 2008 bestanden 527 Orts- und Kreisvereinigungen, die Lebenshilfe hatte über 135.000 Mitglieder. Die Vereinigung ist in rechtlich selbstständige Ortsvereine gegliedert.
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