Praxis vorm Aus : 300 junge Patienten sind betroffen

Infusion gegen die Schmerzen: Die Rheumapatienten Anika (13) und Tobias (15) fahren alle drei bis vier Wochen für ihre Behandlung von Elmshorn nach Bad Bramstedt. Wohin sie nun sollen, wissen sie nicht.
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Infusion gegen die Schmerzen: Die Rheumapatienten Anika (13) und Tobias (15) fahren alle drei bis vier Wochen für ihre Behandlung von Elmshorn nach Bad Bramstedt. Wohin sie nun sollen, wissen sie nicht.

Der Ersatzkassen-Verband hat den Sondervertrag mit Dr. Tzaribachev abgelehnt. Ab Juli kann der Arzt, der eine rheumatologische Praxis betreibt, die Infusionsgabe als Leistung nicht mehr abrechnen. Eltern wollen klagen.

shz.de von
30. Mai 2015, 10:00 Uhr

Bad Bramstedt | Es ist Mittwoch, 11 Uhr. Andere Kinder sitzen in der Schule, lernen für ihre Zukunft. Anika (13) und Tobias (15) haben das Klassenzimmer wieder einmal gegen eine Arztpraxis getauscht. Sie sitzen in weißen Sesseln – jeder hat eine Kanüle für eine Infusion im Arm. Zwei bis drei Stunden dauert die Behandlung. Sie wird alle drei bis vier Wochen wiederholt.

Anika und Tobias hören Musik. Sie können sich während der Zeit sehr gut selbst beschäftigen. Neben ihnen sind drei jüngere Kinder an den Tropf angeschlossen – ihre Eltern weichen nicht von ihrer Seite, spielen mit ihnen, beschäftigen sie. Der Behandlungskalender von Anika und Tobias ist voll: Zweimal pro Woche Krankengymnastik, einmal Ergotherapie und die Infusion, jeden Monat.

Die beiden Elmshorner Geschwister haben Rheuma. Ohne Behandlung leidet Anika unter Schmerzen in Füßen, Knien, Hüfte, Wirbelsäule, Rippe und Kiefer. „Es ist, als ob man sich was bricht, nur dass dieses Gefühl anhält“, sagt Anika. „Es tut so weh, sich zu bewegen“, sagt Tobias. Mutter Kerstin Bennecke fährt mit ihren Kindern regelmäßig von Elmshorn in die zirka 30 Kilometer entfernte rheumatologische Kinderpraxis „Rhe.Ki.Tz“ von Dr. Nikolay Tzaribachev in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg). Noch. Denn Bennecke bangt wie viele andere Eltern um die Praxis. Am 30. Juni fließen die letzten Infusionen. Ab 1. Juli müssen sich 300 Patienten einen anderen Behandlungsort suchen. „Wir sind entsetzt“, sagt Bennecke. Die Mutter zweier rheumakranker Kinder hat beschlossen, das nicht hinzunehmen. Seit Monaten kämpft sie für Dr. Tzaribachev und sein Praxiskonzept. Bennecke ist Sprecherin der Elterninitiative im Kreis Pinneberg.

Am 4. Mai fiel die Entscheidung: Die Krankenkassen teilten Dr. Tzaribachev mit, dass es keinen Sondervertrag geben werde. Ohne den kann der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin die Infusionsleistung aber nicht mehr abrechnen. Eine fehlende Ziffer im Honorarsystem, die dem Arzt nun zum Verhängnis wird. Der 45-Jährige war 2013 mit dem Anspruch angetreten, bundesweit ein einzigartiges Praxiskonzept zu gründen. „Eine umfassende Versorgung, was alle predigen und keiner tut, haben wir gelebt“, sagt der zweifache Familienvater, der davon überzeugt ist, dass chronisch kranke Kinder nicht stationär behandelt werden sollten. 1105 Patienten hat er. Sie kommen aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Vier Ärzte und fünf Arzthelferinnen zählte die Praxis anfangs. Hinzu kamen Kieferorthopäden, Physio- und Ergotherapeuten und Lehrer, die die Schüler während der Behandlungszeit unterrichteten. Jetzt arbeiten außer Dr. Tzaribachev nur noch drei Arzthelferinnen in der Praxis – eine von ihnen muss der Mediziner nach der Entscheidung entlassen. Wie es mit der Praxis weitergeht? Er wisse es noch nicht. „Ich muss alles mal durchrechnen“, sagt Dr. Tzaribachev.

Was für den Arzt finanzielle und berufliche Konsequenzen bedeutet, ist für Bennecke ein Rückschritt. „Wir verlieren nicht nur den Arzt unseres Vertrauens“, sagt sie. Ihre beiden Kinder müssten noch einmal das Diagnostikverfahren durchlaufen. Sie befürchtet in den Tageskliniken lange Wartezeiten und ein hohes Infektionsrisiko. Und sie habe Angst, dass Anika und Tobias keine Infusionen mehr bekommen.

Den Geschwistern geht es besser, seitdem sie in Bad Bramstedt in Behandlung sind. „Ich habe weniger Schmerzen, knicke nicht mehr so häufig um und komme morgens schneller in Gang“, sagt Anika, die früher leidenschaftlich gern Basketball spielte. Fahrrad fahren, Freunde treffen, regelmäßig zur Schule gehen – „Ich kann fast alles machen, was ich früher nicht machen konnte“, sagt ihr 15-jähriger Bruder. Beide besuchen die Kooperative Gesamtschule in Elmshorn (KGSE). Für sie bedeute ein Wechsel noch weniger Schule. Die leide jetzt schon unter der häufigen Abwesenheit. Beide seien schlechter geworden, sagen sie.

In etwa vier Wochen müssen die Eltern alternative Behandlungsorte gefunden haben – für Bennecke und ihre inzwischen mehr als 70 Mitstreiter zu kurzfristig. Viele klagten über Schwierigkeiten, Termine zu bekommen, sagt sie. Die besorgten Eltern ziehen jetzt alle Register. Sie haben eine Rechtsanwältin eingeschaltet. Maike Domke will in einem ersten Schritt die Weiterführung der Behandlung bis Ende des Jahres erreichen. Zunächst im Einvernehmen. Die Elmshorner Rechtsanwältin hat dem Verband der Ersatzkassen (VDEK) in der vergangenen Woche einen Brief geschrieben. Sollte dies nicht klappen, leitet sie weitere Schritte ein. „Ein Eilverfahren kann kurzfristig gemacht werden“, sagt Domke. Aufgrund des abrupten Behandlungsabbruchs werde das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt. Es sei nicht möglich, dass die Patienten schnell eine adäquate Lösung fänden. Eine Prognose abzugeben, fällt ihr schwer. Der Fall sei speziell. „Man würde eine Behandlung einklagen, die gar nicht vorgesehen ist“, erläutert die Juristin.

Im September 2013 hatte die Praxis aufgemacht, „im August 2014 merkten wir, dass wir kein Geld verdienen“, sagt Dr. Tzaribachev. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) half mit einer Ausnahmeregelung. „Dr. Tzaribachev konnte die Infusionsleistung über uns abrechnen“, sagt KVSH-Sprecher Marco Dethlefsen und fügt an: „Ein schmaler juristischer Grad.“ Es sei von Anfang an klar gewesen, dass es sich dabei um eine Übergangslösung handelte. Eine mögliche Lösung des Problems: ein Sondervertrag mit den Krankenkassen. Doch die lehnen ab. Ein Gutachten des Medizinischen Diensts der Krankenversicherung (MDK) habe ergeben, dass keine Versorgungslücke bestehe, sagt Florian Unger, Pressesprecher des VDEK. Somit fehle die Grundlage für eine Sondergenehmigung.

Dr. Tzaribachev wirft den Kassen vor, eine Entscheidung über ihre Kunden hinweg getroffen zu haben. „Die haben für das Gutachten mit keinem Patienten gesprochen und in keine Patientenakte geschaut“, sagt er. Der MDK habe anonymisierte Daten erhalten und ausgewertet. Für eine persönliche Befragung gebe es bei dieser Art der Begutachtung keine Rechtsgrundlage, sagt VDEK-Sprecher Unger indes.

„Es ist dennoch in unserem Interesse, dass das weiterverfolgt wird“, sagt er. Der Verband habe Kontakt zu den alternativen Standorten aufgenommen, damit die Patienten schnell unterkommen könnten. Laut Unger bieten das Westküstenklinikum (WKK) sowie die Universitätskliniken Schleswig-Holstein (UKSH) und Eppendorf (UKE) in Hamburg entsprechende ambulante Behandlungen an. „Es geht um wirksame Therapie, nicht um allgemeine Versorgungssicherheit“, sagt Dr. Tzaribachev.

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