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Zwei Räder, Sattel, Muskelkraft : 200 Jahre Fahrrad

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Am Grundprinzip des Fahrrads hat sich seit der historischen Erstfahrt des Tüftlers Karl Drais nichts geändert. shz.de gibt Fakten rund um das Velo.

Karlsruhe | Zwei Räder, Sattel, Muskelkraft: Am Grundprinzip des Fahrrads hat sich nicht viel geändert. Zwei Jahrhunderte nach der historischen Erstfahrt des badischen Tüftlers Karl Drais scheint das Fahrrad seinen Platz im deutschen Verkehr endgültig zu finden. Die Politik hat das Potenzial für ruhigere, sauberere Städte und den Klimaschutz erkannt. Immer mehr Menschen nutzen das Fahrrad in der Freizeit oder als Alternative zum Auto auf kürzeren Strecken. „Im internationalen Vergleich ist Deutschland sicher ein Fahrradland“, sagt Frederic Rudolph vom Wuppertal-Institut. „Wir haben aber noch viel Luft nach oben.“ Nach einer Prognose im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums könnte sich der Anteil des Fahrrads an der Verkehrsleistung (Personenkilometer) von heute fünf Prozent bis 2030 auf neun Prozent fast verdoppeln. Voraussetzung ist, dass wir ebenso oft auf den Sattel steigen wie die Vorreiter Niederlande oder Schweiz.

Etwa 73 Millionen Fahrräder, davon drei Millionen E-Bikes, gibt es laut Zweirad-Industrie-Verband in Deutschland. Im Schnitt wurden 2016 pro Rad 643 Euro gezahlt – am beliebtesten waren Trekkingräder, gefolgt von Cityrädern, E-Bikes und Mountainbikes. Langfristig rechnen die Hersteller mit einer Verdopplung des derzeitigen E-Bike-Anteils am jährlichen Gesamtmarkt auf 30 Prozent.

Und doch ist die Unzufriedenheit etwa beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) über löchrige Radwege und gefährliche Verkehrsführungen noch groß. „Sobald Städte es schaffen, Radfahrenden ihren eigenen sicheren Raum zu geben, ist der Radverkehr kaum noch zu stoppen“, ist ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork sicher. Nach seinen Angaben sind die Hälfte aller Autofahrten in Städten kürzer als fünf Kilometer. Radfahren sei häufig die schnellste, kostengünstigste und umweltfreundlichste Form der Fortbewegung. „Je mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen, desto weniger lärm- und abgasbelastet – sprich desto lebenswerter – werden unsere Städte.“

Bis zu Radstraßen und -schnellwegen, Fahrradparkhäusern, E-Bikes, Lastenrädern und Leihsystemen war es ein 200 Jahre langer Weg. Karl Drais aus Karlsruhe unternahm am 12. Juni 1817 in Mannheim die erste Fahrt mit seinem hölzernen Laufrad. Der Technikpionier hatte zwar keinen wirtschaftlichen Erfolg. Aber die Idee, zwei Räder in einer Spur mit Muskelkraft anzutreiben, eroberte nach und nach die ganze Welt. Mit Erfindungen wie Freilaufnabe, Stahlspeichen, Luftbereifung, Gangschaltung oder Federgabel entwickelte sich das Fahrrad über wunderliche Blüten wie das Hochrad zur aktuellen Formenvielfalt.

Inzwischen gibt es zu den bekannten Tourenrädern, Rennrädern und Mountainbikes auch eine Auswahl an Lastenfahrrädern, Liegerädern oder Dreirädern – alles auch mit Elektrounterstützung. Jedes Jahr werden dem Zweirad-Industrie-Verband zufolge mehr als vier Millionen Stück in Deutschland verkauft – von Schnäppchen bis zu Preisen, für die es fast einen Kleinwagen gäbe. Die gesamte Fahrradbranche einschließlich Tourismus steht für einen Jahresumsatz von rund 16 Milliarden Euro.

Manche Stadt fährt schon länger als Vorbild voraus, etwa Münster, Karlsruhe oder Freiburg, die vordere Plätze im ADFC-Fahrradklimatest einnehmen. „Entscheidend ist heute, in den Städten gute Bedingungen für das Radfahren zu schaffen“, sagt Städtetagspräsidentin Eva Lohse. Nötig seien etwa die Öffnung von Einbahnstraßen und Fahrradachsen in den Innenstädten.

Auch fern der Städte nimmt das Radfahren stetig zu. „Im Freizeitbereich ist Deutschland ganz eindeutig Fahrradland“, sagt etwa Jannik Müller vom Verein Sauerland-Radwelt. Schon jetzt gebe es Tourismusregionen mit hochwertigen Angeboten.

Das Bundesverkehrsministerium will besondere Fahrradschnellwege für tägliche Fahrten etwa zur Arbeit, Schule oder Uni mit 25 Millionen Euro unterstützen. Von „kleinen Fahrradautobahnen“ ohne Gegenverkehr und Ampel spricht Staatssekretär Norbert Barthle (CDU). „In Göttingen wird eine solche fünf Kilometer lange Strecke zwischen Universität und Bahnhof von Tausenden gut angenommen“, betont er.

Doch ob mit Millionenförderung oder ohne: Alles soll besser werden im oft heiklen Miteinander von Autofahrern, Radlern und Fußgängern. Viel öfter Tempo 30 in der Stadt und frühere Verkehrserziehung für Kinder sind Kernforderungen von Experten. Sie sollen die Lust aufs Radeln weiter erhöhen und die Zahl der Verkehrstoten senken.

200 Jahre nach Erfindung des Fahrrads bezeichnet der Technikexperte Thomas Kosche den badischen Tüftler Karl Drais (1785-1851, Foto) als „verkanntes Genie“. „Er machte mit der Laufmaschine eine epochale Erfindung – für die es aber keinen Markt gab und für die die Zeit nicht reif war“, sagt der Fachmann vom Landesmuseum für Technik und Arbeit (Technoseum) in Mannheim. Die Menschen hatten 1817 demnach andere Sorgen. „Hinter ihnen lagen 20 Jahre Krieg. Der Getreidepreis stieg massiv an, viele Menschen litten Hunger. Sie konnten sich eine Laufmaschine auch nicht leisten. Viele Zeitgenossen hielten Drais wohl für spinnert“, meint Kosche.
Zudem sei Baden der technisch-industriellen Entwicklung in England und Frankreich hinterhergehinkt und es gab keinen wirksamen Schutz einer Erfindung durch ein Patent. „Es entstanden viele Raubkopien. Drais selbst verkaufte wenige lizenzierte Exemplare“, erklärt Kosche.
Was genau den Tüftler Drais zur Erfindung bewog, ist nicht belegt. „Er hat kein Schreiben mit seinem Motiv hinterlassen“, schildert der Experte. Drais habe aber relativ viel Zeit für Forschung gehabt, weil er bei vollen Bezügen vom Forstdienst befreit gewesen sei.
Die Theorie, dass die Folgen eines Vulkanausbruchs in Indonesien 1815 mit anschließender Klimakatastrophe die Erfindung vorangetrieben haben könnte, hält der Fachmann für nicht belegt. „Der Ausbruch des Tambora hatte sicher verheerende Folgen. Aber ob die Maschine wirklich ein Pferde-Ersatz sein sollte, ist strittig“, sagt Kosche.

 

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erstellt am 16.Jul.2017 | 10:00 Uhr

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