Die Deutsche Bahn zahlt 80 Euro an das Flüchtlingspaar zurück. Außerdem soll die mangelnde Beschilderung geprüft werden.
Schwachsinn. Kleingeistig. Frechheit. Typisch deutsche Bürokratie. Im Internet finden viele Pinneberger klare Worte für die Bahn als Reaktion auf unseren Bericht von Freitag. Was ist passiert? Am Bahnhof der Kreisstadt musste ein Flüchtlingspaar aus dem Irak 80 Euro zahlen. Weil es lediglich die Unterführung nutzen wollte. Von einer „Bahnsteigkarte“ hatten der 24-Jährige und seine 19-jährige Ehefrau noch gar nichts gehört. Denn sie waren erst seit zwei Wochen in Deutschland, verstanden nur Bahnhof. Eingeschüchtert zahlten sie die geforderten 80 Euro. „Zu Unrecht“, sagt jetzt die Pinnebergerin Bettina Manos. Denn ihr Sohn Leandros geriet am 4. März – ebenfalls ohne Karte – in dieselbe Kontrolle. Er musste nicht zahlen.
Der 17-jährige Manos berichtet: „Die Kontrolleure standen oben an der Treppe und in der Unterführung, zirka zwölf Männer insgesamt.“ Freundlich sei es nicht zugegangen. „Die waren eher ruppig. Haben einen behandelt wie einen Schwerverbrecher“, sagt der Jugendliche. Weil er seinen Ausweis nicht dabei hatte, habe man ihm mit der Bundespolizei gedroht.
„Mein Sohn war geschockt“, sagt Bettina Manos. Der 17-Jährige brachte einen Zettel mit nach Hause, sollte ebenfalls 40 Euro zahlen. „Beförderungsentgelt, dabei waren das einzige, was ihn befördert hat, seine Füße“, schimpft die Mutter.
Die Rechtsanwaltsfachangestellte (50) recherchierte auf eigene Faust. „Es ist grotesk. Es gibt ein einziges Schild am Bahnhof. In der aushängenden Hausordnung steht nichts von der Bahnsteigkarte. Und wenn man sie kaufen möchte, ist das eine große Sucherei am Automaten“, fasst sie zusammen.
Die Mutter rief bei der Fahrgeldstelle der Bahn in Hamburg an. „Dort hatte ich einen Herren am Apparat, der sagte mir, man braucht keine Bahnsteigkarte für die Unterführung, das wurde schon vor Jahren aufgehoben“, sagt Manos.
Was sagt die Bahn dazu? „Der Bereich ist definitiv fahrkartenpflichtig“, betont Sabine Brunkhorst, Pressesprecherin der Deutschen Bahn (DB) Nord, wiederholt auf Anfrage. Manos und das Flüchtlingspaar seien in eine sogenannte Abgangskontrolle geraten. Die Kontrolleure seien Bahnmitarbeiter und von der DB-Sicherheit. Bei einer solchen Kontrolle werde – egal, ob man mit der Bahn gefahren ist oder nur den Tunnel nutzen möchte – jeder kontrolliert. Wer kein Ticket hat, zahlt.
Dass ein Bahnmitarbeiter zu Bettina Manos gesagt habe, die Bahnsteigkarte benötige man in Pinneberg nicht mehr, verwirrt Brunkhorst. „Das kann bei uns keiner nachvollziehen. Wenn das Paar sich früher an uns gewandt und Einspruch erhoben hätte, wäre es einfacher gewesen. Nichtsdestotrotz werden wir dem Paar nun das Geld gutschreiben“, sagt die Bahnsprecherin.
Bahnsteigkartenpflicht – aber nur ein Hinweis darauf im gesamten Pinneberger Bahnhof. „Eigentlich müssen alle Zugangsbereiche zur S-Bahn gekennzeichnet sein“, unterstreicht eine weitere Sprecherin der Bahn den Schilder-Mangel auf dem Areal. Die Beschilderung werde derzeit geprüft, weitere Auskünfte könne die Bahn am Montag geben.
Unsere Zeitung recherchierte weiter, fragte vor Ort in Pinneberg: „Eigentlich sind Bahnsteigkarten auf Bahnhöfen der Deutschen Bahn gar nicht notwendig“, sagte die Mitarbeiterin in der Ticket-Verkaufsstelle. Der Bahnhof Pinneberg gehört zur Deutschen Bahn. Die Pressesprecherin aber bleibt dabei: Der Bereich ist kostenpflichtig.
Außer den vielen Reaktionen im Netz, die sich für das Recht der Flüchtlinge aussprachen, meldete sich auch ein Ehepaar aus Seester bei dieser Zeitung. „Deutschland ist wirklich ein tolles Land – aber der Bericht zeigt, wo wir unsere Schwächen haben“, sagen sie. „Wir haben uns dafür geschämt und vollen Respekt für das Engagement der Flüchtlingshelferin Beate Seifert“, so das Paar. Sollte die Bahn doch nicht zahlen, möchte es einspringen und den Flüchtlingen die 80 Euro spenden.
| An Bahnhöfen in ganz Deutschland wurde seit 1965 die Bahnsteigkarte nach und nach abgeschafft. Lediglich bei zwei Verkehrsverbünden benötigt man sie noch: Beim Hamburger Verkehrsverbund (HVV) und beim Münchner Verkehrs- und Tarifbund (MVV). Beim HVV kosten die Tickets 30 Cent. Der Käufer darf sich damit eine Stunde an Zugängen der U-und S-Bahnen aufhalten. |
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Trotz Sprachbarriere - Flüchtlingspaar muss Bußgeld zahlen
Die 66-Jährige kennt das Ehepaar seit ihrer Ankunft in Pinneberg Mitte Februar. „Sie sind sehr gewissenhaft und haben Angst, etwas falsch zu machen“, berichtet sie. Der 24-jährige Iraker und seine 19-jährige Ehefrau seien ob des Bußgeldes geschockt gewesen. „Weil sie nicht wussten, dass sie etwas falsch gemacht haben“, so die Betreuerin. Auch die Beschilderung im Pinneberger Bahnhof sei nicht ausreichend. „Es fehlen Piktogramme, die für Menschen jeder Herkunft verständlich sind.“
Seifert ist fassungslos. Sie appelliert an die Deutsche Bahn, hofft auf eine Rückerstattung. Aus Kulanz. Auf Anfrage heißt es: „In so einem Fall hätte auch ein Betreuer darauf hinweisen müssen“, sagt Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst. „Und wir können ja nicht in allen Landessprachen Schilder anbringen.“ Der Fall solle nun noch einmal geprüft werden.
80 Euro. Um durch die Bahnhofsunterführung von Pinnebergs City auf die Seite des Quellentals zu gelangen. Das waren teure 80 Meter für ein Flüchtlingsehepaar aus dem Irak. Was der 24-Jährige und seine 19-jährige Ehefrau (die Namen sind der Redaktion bekannt) nicht wussten: Man braucht auch ein Ticket, wenn man nicht mit der Bahn fährt. Und zwar für den Bahnsteig und die Unterführung. Eine so genannte Bahnsteigkarte.
Anfang März war das Ehepaar gerade zwei Wochen lang in Deutschland. Sie konnten weder Deutsch noch Englisch. Als am 4. März Kontrolleure in der Unterführung ihre Tickets sehen wollten, verstand das Paar nur Bahnhof. Sie wollten doch nur zu ihrer Unterkunft ins Quellental. Sie wussten nicht, warum sie plötzlich 80 Euro dafür zahlen mussten.
„Ich wohne nun seit 40 Jahren hier und wusste nichts von einer Bahnsteigkarte“, sagt Beate Seifert. „Ich hatte nur das Glück, dort nie kontrolliert worden zu sein“, sagt sie. Die 66-Jährige ist empört. „Das ist doch ein schlechter Witz“, wettert die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin. Die Pinnebergerin betreut das junge Ehepaar, das den Jesiden angehört. Eine religiöse Minderheit, die im Irak als Ungläubige verfolgt wird. Das Ehepaar berichtete Seifert mit Hilfe einer Dolmetscherin von dem Vorfall.
„Das Geld haben sie den Kontrolleuren sofort in bar gezahlt“, sagt die gelernte Sozialarbeiterin Seifert und ergänzt: „80 Euro, das ist viel für Menschen, die von der knappen Sozialhilfe abhängig sind.“ Sie betont, wie gewissenhaft das Paar sei. „Sie haben Angst, hier etwas falsch zu machen. Und sie wussten: Für jede Bahn-Fahrt müssen sie ein Ticket kaufen.“ Denn das Paar fährt regelmäßig mit der Bahn nach Hamburg. Nach Pinneberg kamen sie gemeinsam mit einem 15-jährigen Cousin, der eine schwere Nierenkrankheit hat und in Eppendorf behandelt wird. Ihn besuchen sie mehrmals die Woche. „Die beiden waren wirklich geschockt, nun so eine Strafe zahlen zu müssen“, sagt Seifert.
Was die Flüchtlingshelferin außerdem kritisiert: „Es gibt nur aus Richtung Quellental ein Schild, dass auf die nötige Bahnsteigkarte hinweist.“ Dieser Hinweis ist auf Deutsch und Englisch verfasst. „Außerdem gibt es keinerlei Piktogramme, wie zum Beispiel bei den Nicht-Rauchen-Schildern“, sagt Seifert.
Auch wie sich das Ticket lösen lässt, wird an den Automaten nicht sofort ersichtlich. Seifert hat es ausprobiert. „Das ist sehr umständlich“, sagt sie. Man muss erst den Button Verkehrsverbünde wählen, danach „Ergänzungskarten“. Erst dann wird der Button „Bahnsteigkarte“ angezeigt. Die Kosten für eine Stunde: 30 Cent.
Seifert ist fassungslos. Ihre Reaktion: Bahn, Stadt und Politik auf das Schicksal des Flüchtlingspaares hinzuweisen. Sie hofft auf Kulanz seitens der Bahn: „Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dies als Härtefall anzuerkennen und die Auslagen zu erstatten.“
Die Stadt ist machtlos. „Wir haben leider keinerlei Einflussmöglichkeiten, das Gelände gehört der Bahn“, sagt Rathaussprecher Marc Trampe. „Wir können nur an die Bahn appellieren, dass sie kulant handelt“, sagt er.
„Die Unterführung ist ein fahrkartenpflichtiger Bereich. Am 4. März mussten mehrere Personen im Rahmen einer Großkontrolle das erhöhte Entgelt bezahlen“, sagt Sabine Brunkhorst, Pressesprecherin der Deutschen Bahn Nord. „Im Sinne der Gleichstellung aller Reisenden, egal welcher Hautfarbe oder Nation, sind unsere Prüfer verpflichtet, einen Verstoß aufzunehmen“, so Brunkhorst. Sie vermutet, dass die Kontrolleure dem Paar gezeigt haben, sie dürften die Unterführung so nicht passieren. „Aber ich war ja auch nicht dabei.“
Zu der fehlenden Beschilderung sagt sie: „Wir können ja nicht in allen Landessprachen Schilder anbringen.“ Der Fall solle nun noch einmal geprüft werden, das Paar könne Einspruch erheben. „Ob das Geld erstattet wird, ist aber nicht meine Entscheidung“, so die Bahnsprecherin Brunkhorst.