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Festgesetzt in Palermo „Menschlicher Skandal“: Darum setzt sich Ingrid Neitzel aus Pinneberg für die Sea-Watch 4 ein

Von Finn Warncke | 08.10.2020, 16:30 Uhr

Seit Ende September lassen die italienischen Behörden das Rettungsschiff nicht aus dem Hafen. Für die Pinnebergerin vollkommen willkürlich. Mit der Meinung ist sie nicht allein.

Ein Mann sitzt in einem grauen Schlauchboot. Er trägt nur das nötigste bei sich. Um ihn herum das Mittelmeer. Der Mann ist nicht allein. Mindestens 90 weitere Menschen sitzen mit ihm im Schlauchboot. Männer, Frauen, Kinder, dicht gedrängt. Sie wirken erschöpft. Etwa 30 Meilen vor Libyen geht es kaum noch voran. Ihr Ziel: das europäische Festland. Doch das Schlauchboot, das sie dort hinbringen soll, ist gnadenlos überfüllt, geschweige denn seetauglich. Sie brauchen Hilfe.

Es ist früh am Morgen an diesem 23. August. Wie lange die Menschen in dem Schlauchboot schon unterwegs sind, weiß im ersten Moment keiner der Sea-Watch-4-Crew. Mehrere Tage? Vermutlich. Ob sie die Flucht aus ihren krisengebeutelten Heimatländern über das Mittelmeer ohne Hilfe überlebt hätten? Vermutlich nicht.

339 Menschen sind dieses Jahr bereits auf der Flucht übers Mittelmeer gestorben (Stand: 18. Juni). Seit 2014 geschätzte 20.000 Menschen.

Acht Tage vor dem 23. August ist das Rettungsschiff der Sea-Watch in seine erste Mission ausgelaufen. Allein in den ersten 48 Stunden hat die Crew mehr als 200 Menschen in Seenot gerettet. Weitere Rettungsaktionen folgten. Am 2. September konnten unter anderem 353 Menschen auf eine Quarantänefähre gebracht werden.

Italienische Behörden bemängeln zu viele Rettungswesten

Seit etwas mehr als zwei Wochen hat die Crew niemanden mehr auf dem Mittelmeer retten können. Die Sea-Watch 4 liegt im Hafen von Palermo und darf nicht mehr auslaufen. Die italienischen Behörden haben das Schiff festgesetzt. Elf Stunden lang hätten Inspekteure während einer Hafenstaatskontrolle nach Beanstandungen gesucht. Ihr Hauptvorwurf: Die Sea-Watch 4 sei nicht dafür registriert und ausgestattet, Menschenleben zu retten. An Bord gebe es zu viele Rettungswesten. Auch das Abwassersystem sei nicht für die Anzahl der Geretteten ausgelegt.

Kirche und Stiftung sprechen von reiner Willkür

„Ein menschlicher Skandal”, sagt Ingrid Neitzel. Die Pinnebergerin hält die Festsetzung für reine Willkür. Neitzel ist mit ihrer Refugio Stiftung Schleswig-Holstein an der Sea-Watch 4 beteiligt. Ihre Forderung an die italienischen Behörden ist deutlich: „Lasst unser Rettungsschiff frei.”

Neitzel und ihre Stiftung sind mit ihrer Kritik nicht allein. „Das Seenotrettungsschiff, das alle Sicherheitsvorgaben erfüllt, soll an der Durchführung der nach wie vor notwendigen Rettungsaktionen im Mittelmeer gehindert werden”, sagte Manfred Rekowski, Vorsitzender der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), kurz nach der Festsetzung. Die Evangelische Kirche ist ebenfalls an der Sea-Watch 4 beteiligt.

„Das ist ein humanitäres Armutszeugnis und widerspricht den Werten, für die die EU einst den Friedensnobelpreis bekam.“
Manfred Rekowski, Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche

Neitzel wählt ähnlich drastische Worte: „Ich möchte in keiner Welt leben, in der Behörden tatenlos zusehen und Rettungsaktionen sogar bewusst behindern, wenn Menschen auf der Flucht übers Meer ertrinken.” Politik und Gesellschaft müssten endlich alle Hebel in Gang setzen, um diese humanitäre Katastrophe abzuwenden.

"Dermaßen an den Haaren herbeigezogen"

Getan hat sich bezüglich der Sea-Watch 4 bislang: nichts. Warum die deutsche und die europäische Politik nicht eingreift, kann sich Stefan Schmidt nicht erklären. Der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein muss am Telefon fast lachen über die Absurdität der Festsetzung. "Das ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen", sagt er. Wegen zu weniger Rettungswesten nicht den Status eines Rettungsschiffs zu erhalten, hätte er noch verstanden. Aber zu viele?

Protest von Gesellschaft und Politik erforderlich

Die Frage, was die Politik in der Sache tun muss, beantwortet Schmidt nicht direkt. Mit Sanktionen drohen? Nein. Naja, doch, in gewisserweise schon irgendwie. Auf jeden Fall müsse es Proteste geben: Politik und Gesellschaft lautstark für die Sea-Watch 4.

Lautstark waren zuletzt allerdings nur die Absichten der EKD für das Rettungsschiff infrage gestellt worden. Von Symbolpolitik war die Rede.

Wie lange die Sea-Watch 4 noch in Palermo festsitzt, ist unklar. Für Schmidt ist jeder weitere Tag einer zu viel. Die Rechnung sei schließlich einfach: "Kann das Rettungsschiff nicht auslaufen, können keine Menschen gerettet werden."

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Info

Die Sea-Watch 4 ist ein früheres Forschungsschiff. Ende Januar 2020 haben Sea-Watch und United4Rescue die ehemalige „Poseidon” als Rettungsschiff übernommen. Diverse Organisationen und Einzelpersonen haben den Kauf ermöglicht. Das Schiff ist so groß, dass eine mehrköpfige Crew zu Einsätzen fahren kann. Auch genug Platz ist vorhanden. An Bord gibt es unter anderem einen Safe Space für Frauen, einen Multifunktionsraum und eine Krankenstation.