Ein Artikel der Redaktion

Der Mensch Joachim Schneider Ein Schwabe will Alternative werden

Von Finn Warncke | 31.08.2017, 13:00 Uhr

Joachim Schneider hat verrückte Zeiten in der IT und erfüllte Kindheitsträume hinter sich. Doch wer ist der Privatmann hinter dem AfD-Politiker?

Sicheren Schrittes geht Joachim Schneider voraus und nimmt im Konferenzsaal des Elmshorner Rathauses zum Gespräch mit unserer Zeitung Platz. Er kennt sich in dem Gebäude aus. Dabei kommt der 44-jährige AfD-Direktkandidat im Kreis Pinneberg ursprünglich aus Heilbronn. „Eigentlich gehört die Stadt zu Unterfranken. Wir würden uns aber noch als Schwaben bezeichnen“, erklärt Schneider. Wie aber kommt ein Unterfranke zur Lokalpolitik im Kreis Pinneberg? Eine Spurensuche, die im Süden Deutschlands beginnt:

Schneiders Werdegang beginnt mit dem Besuch der örtlichen Grundschule. Anschließend besteht er am Gymnasium sein allgemeines Abitur. Nach der Schule will er seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr als Funker leisten, wird aber aufgrund von Platzmangel und Tauglichkeitsgrad 3 in der Kaserne ausgemustert und gar nicht erst zugelassen. „Ein Bekannter meinte darauf, dass es bei den Johannitern sowieso viel entspannter sei als bei der Bundeswehr“, erzählt Schneider und lacht dabei. Doch der Zivildienst wird ihm ebenfalls verwehrt. Für einen Studienplatz sind die Bewerbungsphasen auch abgelaufen. „Ich habe nach der Schule erstmal als Wachmann auf Stundenlohnbasis gearbeitet“, so Schneider. Er fährt fort: „Einfach, um Geld zu verdienen.“ Auf dem Gelände einer ehemaligen amerikanischen Kaserne in Heilbronn ist er Aufseher eines Asylantenheimes. „Es war eine spannende Aufgabe. Von den Pakistanis wurde ich beispielsweise mal zum Essen eingeladen – war höllisch scharf“, sagt Schneider mit unverkennbarem schwäbischen Dialekt und lacht erneut. Er fügt an: „ Ich habe aber auch mitbekommen wie die Afrikaner ihre Drogen vertickt oder die Luden ihre Damen rein- und wieder rausgefahren haben“.

Verrückte Zeiten und viel Geld 

Auf den Rat seiner Eltern, er solle doch etwas Vernünftiges machen, beginnt Schneider eine Ausbildung zum Grundstücks- und Wohnungswirtschaftskaufmann im Familienbetrieb eines Freundes. „Es war interessant und hat Spaß gemacht“, so Schneider. In der Firma kommt es 1996 nach seiner Lehre zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Betriebsfamilie. „Das hatte nichts mit mir zu tun“, betont Schneider. Sein damaliger Chef macht ihn mit einem Geschäftsmann der boomenden IT–Branche aus Frankfurt am Main bekannt. „Ich habe nach meiner Lehre 1300 Mark verdient und habe plötzlich einen Vertrag mit einem Monatsgehalt von 5000 Mark vorgelegt bekommen“, so Schneider. Das Skurrile daran: Aus Termingründen trifft er sich mit dem Chef des Unternehmens auf einem Raststättenplatz an der Autobahn.

Von der Frankfurter Firma wird er Ende der 1990er Jahre zu einem amerikanischen Konzern in Mönchengladbach versetzt. Als Systementwickler arbeitet er unter anderem für die Telekom. „Es war damals eine verrückte Zeit“, erinnert sich Schneider und fährt fort: „Meine Mutter sagte zu mir, dass ich mit meinen 16  000 Mark im Monat mehr verdienen würde, als sie in ihrem Beruf als Krankenschwester im ganzen Jahr“. Der Konzern wird allerdings heruntergewirtschaftet. Von heute auf Morgen steht Schneider ohne Job da. Doch wieder helfen ihm Kontakte zur Chefetage weiter. Er landet bei einer Werbeagentur in Elmshorn, die ihre IT–Abteilung ausbaut. „Es war ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte“, sagt Schneider.  Auch bei dieser Firma war als die IT-Blase platzte Schluss. Nach dieser Laufbahn erfüllt er sich 2006 seinen Kindheitstraum. Immer schon von den Naturwissenschaften fasziniert, schreibt er sich an der Universität Hamburg im Studienfach Physik ein. Anfang 2017 schließt er sein Studium ab und ist zurzeit bei der Behörde für Wissenschaft und Forschung angestellt.

Politkarriere beginnt bei den jungen Liberalen

Seine politische Laufbahn startet Schneider bei den Jungen Liberalen in Heilbronn. „Ich habe mir damals als Jugendlicher die Wahlprogramme der Parteien angesehen und festgestellt, dass die FDP meine Vorstellungen und Werte vertritt“, sagt er. Im Alter von 18 Jahren tritt er der Partei bei. Auch in Elmshorn setzt er seinen liberalen Weg zunächst fort. Als bürgerschaftliches Mitglied der FDP Elmshorn sitzt er im Ausschuss für Kinder, Jugend und Sport und ist Mitglied der Ratsversammlung. „Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass die FDP nichts mehr vertritt, für das sie einmal stand“, so Schneider. Er tritt aus. Und wie schon als junger Politikinteressierter geht er die Wahlprogramme durch. Die Wahl seiner neuen parteipolitischen Heimat fällt auf die Alternative für Deutschland. „Wenn ich mit etwas einverstanden bin, dann mit der AfD“, erklärt er. Vor allem der Sozial- und Freiheitsgedanke und der Schutz der Privatsphäre sagt ihm zu. Seit 2016 ist er offizielles Mitglied.

Dass Schneider in der IT–Branche beruflich Fuß fassen konnte, hängt vor allem mit seiner Leidenschaft für Elektronik und Computertechnik zusammen, die er bereits zu Schulzeiten entwickelt. 1986 gründet er mit Freunden in Heilbronn den Computer Club 86 (CC86). „Der Verein ist heute noch aktiv“, erzählt er.

Wenn er doch einmal runter kommen möchte, liest er. Zwar befänden sich überwiegend Fachliteratur oder Bücher von Hermann Hesse auf seinem Nachttisch. Doch so richtig abschalten kann er am besten mit Büchern von Terry Pratchett. „Vor allem die Scheibenwelt-Romane sind klasse“, so Schneider.  Des Weiteren hat der ledige Politiker eine Vorliebe für asiatische Kampfkünste entwickelt. „Früher in Heilbronn bin ich zum Judo gegangen und habe die Prüfung bis zum orangenen Gürtel absolviert“, so Schneider. In Elmshorn hat er anschließend Taekwondo für sich entdeckt. Größtes Hobby und Interessengebiet bleiben für ihn aber die Naturwissenschaften.

„Bock auf den Bundestag“

Bernd Möbius will bei seiner ersten Direktkandidatur für die Grünen nach Berlin

Meinung – Finn Warncke
Bernd Möbius ist noch nicht lange dabei. Um genau zu sein, ist es sogar seine erste Bundestagswahl als Direktkandidat. Einen Nachteil sieht er dadurch nicht. „Schadet doch nicht unbedingt“, sagt er lächelnd. Sich selbst bezeichnet er im Vergleich zu weiteren Direktkandidaten sogar als „Berufsanfänger, der gegen Meistergesellen antritt“. Doch wie bei so vielem im Leben geht der lebensfrohe Politiker die Dinge getreu seinem Motto an: „Wenn man Bock auf so was hat, ist man immer dabei“. Möbius hat Bock. Auf eine umweltfreundlichere Politik. Und auf Berlin. Doch zunächst ein Blick zurück:

Geboren wurde Möbius am 24. April 1959 in Uetersen. „Eine Hausgeburt, also waschechter gebürtiger Uetersener“, sagt er und lacht. Zur Grundschule geht Möbius nur drei statt vier Jahre. Sein Abitur besteht er anschließend auf dem örtlichen Ludwig-Meyn-Gymnasium. „Ich habe sozusagen G8 gemacht“, fügt er lächelnd an. Als Leistungskurse belegt er Gemeinschaftskunde, Mathematik und Chemie. Auf die Schulzeit folgt der Wehrdienst. In Kellinghusen wird er zum Unteroffizier ausgebildet. Zunächst gab es Überlegungen hinsichtlich einer beruflichen Laufbahn bei der Bundeswehr. „Die habe ich dann aber mit Blick auf die vermeintlichen Atomwaffen damals schnell wieder verworfen“, so Möbius. Stattdessen beginnt er eine Ausbildung zum Raumausstatter bei Möbel-Jens in Uetersen. „Die Lust auf handwerkliche Arbeit war schon immer da“, so Möbius.

Mit einem Gesellenbrief in der Tasche, schreibt er sich 1989 an der Fachhochschule in Heidelberg ein. Studienrichtung: Informatik. „Das war ein ganz schönes Hin und Her, weil ein Jahr zuvor mein Sohn zur Welt kam“, erinnert sich Möbius. Nach weiteren beruflichen Stationen in Kiel, Pinneberg und Berlin, folgt in den Jahren 2006 und 2007 der große Bruch. „Nach der Scheidung und dem Verkauf des gemeinsamen Hauses und der Versicherungen habe ich mir die Frage gestellt: ‚Was kannst du jetzt machen?’“. Zunächst kann er wenig machen. Trotz handwerklicher Ausbildung und Informatik Diplom bleibt er erwerbslos. Und sucht sich eine neue Aufgabe: die Politik.

Um seine politische Laufbahn zu erläutern, muss Möbius ein wenig weiter ausholen. „Ich habe früher viel geturnt und habe Handball gespielt“, so der Grünen-Kandidat. Er fährt fort: „Dort war ich viel engagiert und bin unter anderem der Schiedsrichterei nachgegangen“. Dieser Wille zum Engagement überträgt sich auf sein politisches Interesse.

Flagge zeigen für die Umwelt

„Ich habe mir damals gesagt, dass vieles in unserer Welt schief läuft und das ich Flagge zeigen muss“, so Möbius. Da ihm die Erde seit jeher am Herzen liegt und die Grünen für Möbius in Sachen Umweltschutz am glaubhaftesten waren und sind, beginnt er als Wahlhelfer. Als „Bürger von Uetersen“, wie er sich selbst bezeichnen würde, wollte er „mal schauen wie so was geht“. Der befreundete Thorsten Berndt, Fraktionsvorsitzender der Grünen Uetersen, fragt ihn schließlich, ob er nicht mitmachen möchte. Möbius will – zumindest sich engagieren. „Ich habe klar gesagt, dass ich in keine Partei wollte“, erklärt er.

Die Grünen erzielen allerdings ein starkes Ergebnis. Möbius wird zum Ratsherrn der Stadt Uetersen. Seitdem engagiert er sich als stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Bau-, Umwelt und Verkehrswesen. Zusätzlich ist Möbius noch Mitglied im Hauptausschuss, dem Arbeitskreis Stadtentwicklung und im Kriminalpräventiven Rat sowie Mitglied im Aufsichtsrat der Stadtwerke Uetersen und der Abwasserentsorgung Uetersen GmbH. Am 1. Januar dieses Jahres tritt er der Partei bei.

2014 bei der UetersenerBürgermeisterwahl noch Andrea Hansen (SPD) unterlegen, wird er bei der diesjährigen Kreismitgliederversammlung seiner Partei in Elmshorn mit deutlicher Mehrheit als Direktkandidat für die Bundestagswahl gewählt. Die Wahl war nötig, weil die bisherige Abgeordnete, Valerie Wilms, ihre Kandidatur zurückzog.

Ruhe finden in einer anderen Welt

Neben den beiden großen Hobbys – Politik und Ehrenamt – arbeitet Möbius gern im Garten. „Zwar nicht in meinem eigenen, weil ich keinen mehr habe. Dafür bei meinen Söhnen oder Bekannten“, sagt er und blickt dabei leicht nach rechts. Möbius malt leidenschaftlich, kommt aber nur noch selten dazu. Er bedauert das sehr, da Malen für ihn wie „das Abtauchen in eine andere Welt“ ist. Er kommt bei solchen Aktivitäten zur Ruhe. Genauso wie an seinem Lieblingsort: Dem Friedhof in Uetersen. „Das mag im ersten Moment verwundern, aber ich finde Friedhöfe total spannend“, erklärt Möbius. Nach dem Tod seines Vaters zieht es ihn noch öfter dorthin. Als weiteren schönen Ort gibt Möbius Lanzarote an. „Aber entweder mag man die Insel oder man hasst sie“, fügt er an. Ansonsten muss es für den 58-Jährigen nicht ständig in den Urlaub gehen. „Mir reicht es, wenn es jedes Jahr für die Dauerkarte bei Pauli reicht“, sagt er. Durch seine Erwerbslosigkeit ist er in solchen Dingen dankbarer geworden.

Die Frage zum Thema Musik ist für Möbius dann undankbarer und „ganz ganz schwer“. „Obwohl man meinen könnte, dass ich als Veranstalter des Rock’n’Roll-Festivals in Uetersen in die Kerbe einschlage, aber dem ist eigentlich gar nicht so“, schiebt er nach und lacht wieder. Musik entwickelt sich für ihn immer weiter. „Die älteren Nummern haben ihre Zeit gehabt“, so Möbius. Volbeat und Linkin Park sind aktuell favorisierte Bands. Für Jazz und Klassiker hat er zuletzt aber auch Sympathien entwickelt und geht seit gut zwei Jahren mit einer Bekannten ins Theater. „Vielleicht mag das mit dem Alter zu tun haben“, fügt er grinsend hinzu.

Als Lesestoff hält momentan „Barfuß auf dem Sommerdeich“ von Katja Just her. „Mir gefällt dieser Gedanke ‚einfach machen’“, so Möbius und fügt an: „In der Gesellschaft fehlt ein wenig das Verständnis für den Unterschied zwischen Egoismus und dem gesunden Ich-Denken“. Auf Egoismus hat er keinen Bock. Aber auf eine bessere Umwelt. Für die will er jetzt gern in den Bundestag.
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  Bernd Möbius will bei seiner ersten Direktkandidatur für die Grünen nach Berlin

Als Lieblingsort im Kreis hat er das Elmshorner Rathaus gewählt. Das denkmalgeschützte Gebäude ist für ihn architektonisch wertvoll. „Es ist wichtig das Rathaus für die Zukunft zu erhalten“, so Schneider. „Es ist für manche vielleicht momentan nicht schön, aber Geschmack ist auch immer eine Zeitfrage“, fügt er an. Das der amerikanischen Botschaft in Frankfurt am Main nachempfundenen Gebäude wird laut Schneider eventuell in kommenden Jahren wieder einen gewissen Reiz für manche Menschen ausmachen. „Wenn ich Vorbild als Politiker bin, dann muss ich mich für den Erhalt solcher Gebäude einsetzen“, sagt er.

Weitere schöne Orte hat Schneider in Südfrankreich und in Dänemark kennengelernt. „Vor allem der Wind hier oben gefällt mir“, sagt er und schiebt lachend nach: „Wenn es unten im Süden mal richtig warm wird, wird die Luft dünn“. Dünn soll die Luft für Schneider und seine Partei in Berlin nicht werden. Er will für seine Werte und Ansichten einstehen und diese im Bundestag vertreten. Alternativ muss dafür ein Schwabe her.