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ZDF-Moderator im Interview Dirk Steffens: „Das Artensterben ist ein viel größeres Problem als der Klimawandel“

Von Manfred Ertel | 03.03.2018, 10:00 Uhr

Der 50-jährige Hamburger über seine Arbeit als Naturreporter, seine Show „Planet Erde“ und Heimweh auf Dienstreisen.

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Sie fühlen sich wohler, wenn Sie mit Haien im Atlantik schwimmen, als im Scheinwerferlicht, haben Sie mal gesagt, trotzdem machen Sie jetzt aber auf Ihrer Tournee das glatte Gegenteil.
Ja, Das ist wahr, aber deshalb bin ich auch viel nervöser als vor einer Expedition in den Kongo. Mich macht der Gedanke daran nervös, in einer bestimmten Sekunde auf die Bühne gehen zu müssen und dann sitzen da zehntausend Menschen, blicken mich an und erwarten, dass ich irgendwas Sinnvolles tue oder sage. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie vor zehntausend Menschen in einem Saal aufgetreten. Fernsehen ist viel einfacher, da schaut mir nur eine Kamera zu.
Bei ihrer Tournee „Living Planet“ vor einem Jahr haben Sie den Raubbau an Arten und Ressourcen thematisiert. Jetzt geht es um Bilder von faszinierenden Welten. Heißt das, weniger Aufklärung, mehr Show?
Die „Living Planet Tour“ geht ja nächstes Jahr weiter. Dieses Jahr zeigen wir Ausschnitte aus der wohl besten Naturfilm-Reihe, die es gibt. Keine Bilder, bei denen man wegdösen kann, so wie bei einigen Tierfilmen, die nachmittags im Fernsehen laufen, sondern eine Hochglanzdokumentationen, faszinierend gedreht, aufwendig produziert. Da bleibt einem vor Begeisterung manchmal glatt die Luft weg. Diese Form von Kinokunst kann Menschen für Natur neu begeistern und erfüllt so eine wichtige Funktion. Denn Begeisterung ist die Voraussetzung dafür, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen. Nur wer die Natur liebt, setzt sich auch für deren Schutz ein. Für mich persönlich wäre es das Schönste, wenn möglichst viele aus der Show rausgehen und sagen: Mein Gott, ist die Erde schön. Wenn die dann am nächsten Tag den Fernseher einschalten und eine kritische Umweltreportage sehen, sind die dafür garantiert viel offener als vorher.

Sie berühren mit Ihren Naturfilmen Woche für Woche Millionen Menschen. Wo bleibt deren Aufschrei, wenn Umweltschutz wie jetzt bei den Koalitionsverhandlungen fast völlig unter den Tisch fällt?
Ich verstehe das auch nicht. Ich bin total entrüstet, dass schon bei den Sondierungsgesprächen die Klimaziele in Frage gestellt wurden. Da fehlen mir echt die Worte. Wir haben zwar eindeutige wissenschaftliche Daten, aber wenn es darum geht, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, sind wir Menschen, mich natürlich eingeschlossen, so inkonsequent, dass es einen manchmal schon in die Depression stürzen kann.

Brauchen wir ein gesellschaftliches Bündnis für Umwelt?
Gefühlt haben wir das ja. Jeder, den man anspricht, ist natürlich für den Umweltschutz. Irgendwie zumindest. Auch die Kanzlerin, die sich gern Klimakanzlerin nennen lässt, obwohl Deutschland seine eigenen CO2-Emissionsziele krachend verfehlt. Gefühlt sind wir zwar Umweltweltmeister, aber tatsächlich hat Deutschland seine Vorreiterrolle verloren. Sogar China hat teilweise ambitioniertere Ziele bei der E-Mobilität oder bei erneuerbaren Energien als wir. Dabei sollte eigentlich die deutsche Autoindustrie voranschreiten, schließlich entscheiden moderne Antriebstechniken darüber, ob wir in einigen Jahren immer noch ein großer Auto-Exporteur sein werden.
Wenn überhaupt, reden alle über Klima. Warum ist Artensterben so unterbewertet?
Ich hoffe, dass das nur ein Problem der Wissenskommunikation ist. Der Klimawandel ist in den fünfziger Jahren physikalisch verstanden worden, in den siebziger Jahren war das in der Wissenschaft Erkenntniskonsens, aber gesellschaftlich richtig groß geworden ist das Thema erst 2006 mit dem Film von Al Gore. Das heißt, Wissen und Wissenschaft allein reichen nicht aus. Es muss auch noch eine Initialzündung in der gesellschaftlichen Kommunikation geben. Beim Artensterben haben wir die ganz offenbar noch nicht erlebt. Dabei ist das möglicherweise ein viel größeres Problem als der Klimawandel.

Warum?
Bis zu 75 Prozent der Fluginsekten hierzulande sind bereits verschwunden, heißt es. Wenn das stimmt, ist es bedrohlich, denn wir brauchen die Insekten als Bestäuber in der Landwirtschaft, damit unsere Bauern genug Nahrungsmittel produzieren können. Einfach gesagt: Wenn diese Insekten weg sind, haben wir nichts mehr zu essen. Lassen Sie diesen Satz mal sacken, machen Sie sich klar, was das bedeutet. Wenn sich das Klima extrem verändert, wird die Welt zwar auch chaotisch, aber wir sterben nicht sofort. Das Artensterben hingegen ist absolut existenziell für uns Menschen.
Gibt es beim Artenschutz zu wenig Streichelzoo und niedliche Bilder?
Der Streichelzoo ist sogar ein Problem. Wenn ich von Artensterben rede, denken die Leute an Eisbären oder Pandas. Aber mal ganz hart gesagt: Wenn der Eisbär morgen ausstirbt, ist das zwar bedauerlich, aber für uns in Deutschland doch eigentlich nicht so wichtig. Verändert sich dann unser Leben? Nein! Das Problem ist nicht, dass ab und zu mal eine sympathische Tierart verschwindet, sondern dass wir das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier erleben. Hunderte, tausende Arten sterben fast gleichzeitig aus. Und wenn die zusammenbrechen sollten, wird es auch für uns eng. Ohne Bienen keine Äpfel – oder zumindest nicht mehr so viele.
 

Dirk Steffens persönlich

Die drei wichtigsten Dinge in meinem Reisegepäck . . . sind meine Laufschuhe, mein Smartphone mit Musik und ein paar guten Filmen drauf, und ein Buch aus Papier.

Wenn ich mal Zeit in Hamburg habe . . . gehe ich gerne Joggen um die Alster und in meinen Paddelverein, um möglichst viel Zeit auf dem Wasser zu verbringen.

Meine Hobbys sind . . .  Sport. Ich bereite mich grad auf meinen ersten Triathlon vor, ich bin Marathonläufer und paddel viel.

Abschalten kann ich am besten . . . beim Lesen, ein richtiges Buch aus Papier. Ich habe grad „Homo Deus“ gelesen, wo es darum geht, wohin sich die Menschheit entwickelt. Ich lese mehr Sachbücher als Belletristik, aber auch die manchmal gerne, wie zuletzt „Die Geschichte der Bienen“ oder „Altes Land“. Meine Frau schleppt immer die guten Bücher an.

Gegen Jetlag hilft . . . nichts. Den kann man nur erleiden.