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Ostholsteiner Anzeiger

22. November 2017 | 19:33 Uhr

Zum Abschied eine Handvoll Gras im Sarg

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Nachruf auf einen Bauern bewegt viele Menschen – und verrät einiges über Irland und seine Einwohner

von
erstellt am 06.Okt.2017 | 13:35 Uhr

Die Frage drängt sich auf: Warum ein Nachruf aus Irland in dieser Zeitung? Warum die Lebensgeschichte des irischen Bauern Miceál O’Brien erzählen, wenn es doch auch in Schleswig-Holstein viele erzählenswerte Leben gibt?

Die Antwort lautet: Weil man manchmal Texte findet, die berühren und gleichzeitig viel über das Wesentliche des Lebens erzählen. Texte, die man teilen möchte, weil sie den richtigen Ton haben und nicht zuletzt: Weil auch Nachrufe eine besondere Form von Literatur sind.

So wie die Geschichte des Farmers Miceál (Michael) O’Brien, der ein Ire und Europäer war, aber gewiss kein außergewöhnlicher Mensch. Er war bescheiden und fleißig, hatte gemeinsam mit seiner Frau elf Kinder, die in dem Dörfchen Kildimo nahe der irischen Stadt Limerick aufwuchsen.

Kinderreiche Familien gab es bis in die 1980er Jahre hinein in der irischen Republik sehr viele. Sie galt fast über das ganze 20. Jahrhundert hinweg neben Portugal als das Armenhaus Europas. Miceál O’Brien hatte als junger Mann selbst ans Auswandern gedacht, übernahm aber die Farm seines Vaters. Viele seiner Kinder verließen in den 1980er und 1990er Jahren ihre Heimat, waren in fast allen Erdteilen zu finden.

Ein unvergleichlicher wirtschaftlicher Aufschwung zum Jahrtausendwechsel hat die „grüne Insel“ nachhaltig verändert. Und ausnahmslos alle Kinder von Miceál O’Brien sind zurückgekehrt nach Irland.

Miceál O’Brien hatte testamentarisch verfügt, dass es nach seinem Tod keine Lobrede geben dürfe, weder bei der Totenmesse, noch in einer Zeitung. Sein Sohn Jim O’Brien ist Journalist. Er verzichtete auf eine Lobrede, aber nicht auf einen Nachruf, der in der größten irischen Tageszeitung „Irish Independant“ mit einer Auflage von mehr als 100  000 Exemplaren erschien und in sozialen Netzwerken große Beachtung fand. Es ist ein herausragender Text, der zwischen journalistischer Distanz und persönlicher Betroffenheit angesiedelt ist. Er kommt ohne Pathos aus, den die Iren sehr lieben, und vermittelt trotzdem sehr große Gefühle – und er verrät viel über Irland und seine Einwohner.

Im Folgenden der aus dem Englischen übersetzte, leicht gekürzte Nachruf:


Miceál O’Brien, 1928 – 2017


Mein Vater ist gestorben. Er wurde 89. Sein Leben unterschied sich kaum von dem anderer Bauern seiner Generation. Er war verheiratet mit seiner Jugendliebe aus dem Nachbardorf, und sie hatten elf Kinder. Er hat mal gesagt: „Wir hatten ein schmales Bett, und wir haben uns oft getroffen.“

Er war, so lange es die Gesundheit zuließ, fast jeden Tag seines Lebens auf seinem Land – bis meine Mutter erkrankte und er sie zuhause pflegte, so lange es ging. Als es ihm selbst nicht mehr gut ging, folgte er meiner Mutter in das örtliche Pflegeheim. Zwei Jahre lebten sie dort gemeinsam, hielten sich an den Händen, bis er aus dem Leben schied.

Für seine Beerdigung legte er fest, dass es keine Lobrede geben dürfe, aber ganz viele Lieder gesungen werden sollen. Ich denke, dass seine Aversion gegen Lobreden aus seiner Furcht resultierten, dass dabei Gewöhnliches zu Außergewöhnlichem verwandelt, dass richtiges Handeln zu Heldentum stilisiert wird.

Wenn ich durch einen Nebel der Trauer und ein Meer an Tränen über das Leben meines Vaters nachdenke, treibt mich nichts dazu, ihn zu verklären oder zum Heiligen zu machen. Er war ein hart arbeitender Bauer, der seine Familie versorgte, ein Ehemann, der seine Frau liebte, ein Vater, der seine Kinder liebte und ein Dorfbewohner, der die Nachbarschaft pflegte, im Pub gerne ein Bier trank und sehr gerne sang.

Als er 1952 meine Mutter heiratete, lag Irland unter einer Glocke der Hoffnungslosigkeit. Vier seiner Geschwister waren schon nach Amerika ausgewandert, wie viele andere Verwandte vor ihnen. Als er seinem Vater sagte, er denke daran, mit seiner jungen Frau nach England zu gehen, bekam er zur Antwort: Du bekommst von mir das Geld für eine Fahrt nach Amerika – oder den Bauernhof. Mein Vater nahm den Hof.

Er war sehr fleißig, baute seinen kleinen Bauernhof ständig aus, spezialisierte sich schließlich auf Milchwirtschaft. Er war immer unter den ersten, wenn es darum ging, neue Techniken auszuprobieren, ersetzte Knicks durch Elektrozäune, beseitigte alte Steinmauern und erschloss sein Land durch eine Straße. Einige dieser Dinge nahm er später auch wieder zurück.Er war mit seiner harten Arbeit sehr erfolgreich, und er dachte, wir alle sollten von diesem Erfolg gut haben. Meine Mutter stand auf dem Hof und im Haushalt zuverlässig an seiner Seite, beäugte oft kritisch seine spontanen Ideen oder Pläne, und sorgte dafür, dass nicht jeder verdiente Penny gleich wieder in den Hof gesteckt wurde.

Als die Zeit kam, den Hof einem seiner Söhne zu übergeben, tat er sich schwer damit. Aber mit der Altersmilde kam auch die Freude darüber, nicht mehr für alles verantwortlich zu sein. Er schaltete einige Gänge zurück und sang einige Lieder mehr. Er konnte stundenlang Rinder auf der Weide zählen, das mit einem Nickerchen im Pickup verbinden und anschließend mit einem Nachbarn klönen, welcher auch immer zufällig in der Nähe eines Zaunes auf einem Schaufelstil lehnte.

Er hatte eine schöne Beerdigung. Wir standen stundenlang, schüttelten Hände, hörten Geschichten und Beileidsbekundungen von Freunden und Nachbarn. Und wir sangen ganz viele Lieder: Bei der Totenmesse in der Kirche, am Grab und anschließend bei der Trauerfeier im Pub.

In den Tagen nach seinem Tod war keine Rede von außergewöhnlichen Errungenschaften oder spektakulären Begebenheiten aus seinem Leben. Es gab nur Gespräche über seine Liebe. Die Liebe zu seiner Frau, der er auf der anderen Seite des Flusses Maigue begegnete, als sie beide 17 waren. Die Liebe zu ihren Kindern und deren Kindern. Die Liebe für Lieder und Gesang, für den irischen Nationalsport Hurling, die Liebe für Irland und das reetgedeckte Haus, in dem er 87 Jahre gelebt hat.

Bevor wir den Sarg schlossen, legten wir eine Handvoll Gras von seiner Lieblingsweide hinein, und auf den Sarg warfen wir ein Büschel Reet von seinem Haus. Und wir sangen sein Lieblingslied: „Farewell to the Maigue“. Neben ihm ist Platz für die Liebe seines Lebens, wenn die Zeit für sie gekommen ist. Ist es nicht tröstlich, zu wissen, das etwas bleibt? Es ist Liebe.

Anmerkungen Jim O’Brians zum Nachruf:

Bauern haben eine intensive Beziehung zu dem Land, auf dem sie leben und das schon ihre Vorfahren bewirtschaftet haben. Durch das Land meines Vaters fließt der Fluss Maigue. In Zeiten, in denen Landwirtschaft kein ausreichendes Einkommen bot, ernteten mein Vater und seine Nachbarn im Winterhalbjahr Reet an den Flussufern, das sie bündelweise verkauften. Es war eine gefährlich Arbeit für Männer, die nur wenig Ahnung vom Umgang mit Booten haben, aber es gab in den mageren Zeiten kaum eine andere Möglichkeit, zu Geld zu kommen.

Zu den Lieblingsliedern meines Vaters zählte Slán le Máigh, (Abschied von Maigue), geschrieben und komponiert von Aindrias MacCraith im 18. Jahrhundert. Bei der Beerdigung meiner Vaters wurde es von einer seiner Enkeltöchter gesungen. Das Lied spiegelt das Gefühl einer tiefen Verbundenheit zur Region. Der Fluss half meinem Vater in schweren Zeiten, Brot auf den Tisch zu stellen, er querte ihn als junger Mann, um seine Frau zu finden, und er tat es ein zweites Mal, um seine letzten Tage gemeinsam mit ihr zu verbringen.

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