Zu Besuch beim Chef des Hirtenvolks

der pflanzensaft wird zur milchgerinnung in den kessel gegeben
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30. Juni 2015, 17:55 Uhr

In der Umgebung meines togolesischen Heimatortes Balanka wohnen Angehörige eines Hirtenvolkes mit einer eigenen Sprache: die Pöhl (ihre Sprache heißt auch so).

Ihren Chef Yakoubou Tiga habe ich an einem Morgen besucht. Während der gesamten Unterhaltung hat dabei ein Freund von mir, Sarafa, übersetzt, denn Chef Tiga spricht zwar neben seiner Muttersprache Pöhl auch die Sprache Balankas und einer weiteren Stadt Togos, doch kaum Französisch.

Er erzählte mir, dass sich die erste Pöhl-Familie einige Zeit nach der Gründung Balankas mit ihrer Rinder-Herde in der Nähe des damaligen Dorfes niederließ; nach und nach stießen weitere Familien mit ihren Herden hinzu. Jedoch entstand dabei kein Hirtendorf, denn die Pöhl bauen ihre Häuser traditionell nicht nah beisammen, sondern einige hundert Meter voneinander entfernt.

Vor etwa 60 Jahren wurde Chef Tiga in dieser Umgebung geboren und hat sie seitdem nur für kurze Besuche verlassen. Er wuchs als erster Sohn seiner Eltern auf und heiratete im Alter von 21 Jahren seine erste Frau. Mit ihr und seiner zweiten Frau, die er zwei Jahre später heiratete, hat er insgesamt zehn Kinder. Vier seiner Töchter sind bereits verheiratet, sein ältester Sohn hilft ihm in der Viehhaltung, während ein anderer Sohn in Nigeria Geld verdient. Von den verbleibenden vier Töchtern besucht eine die Schule, während die anderen drei noch zu jung dafür sind.

Erst vor einigen Jahren wurde Tiga von den Weisen der Pöhl als Chef gewählt. Seine Berater hat er sich anschließend unter den in der Gegend lebenden Familien ausgesucht. Gemeinsam mit ihnen ist es seine Aufgabe, bei Streitigkeiten die Angehörigen seines Volkes zu vertreten und zusammen mit den Repräsentanten der anderen Seite eine Lösung zu finden.

Außerdem bestimmt er den Zeitplan für Gemeinschaftsarbeiten, legt den genauen Zeitpunkt des traditionellen Festes der Gemeinschaft fest und ist bei offiziellen Veranstaltungen Repräsentant. Sein Amt ist dabei ehrenamtlich, er bekommt also kein Geld dafür.

Bis vor einigen Jahren wohnte Chef Tiga mit seiner Familie noch abseits von Balanka im Wald. Doch da sich der Ort in den letzten Jahren rasant vergrößert hat, stoßen mittlerweile die Grenzen Balankas an Häuser der Pöhl. So verwischen die Grenzen langsam; oftmals sprechen die Pöhl auch die Sprache Balankas, es gibt bisweilen Hochzeiten zwischen jungen Menschen aus Balanka und Angehörigen der Pöhl, und viele Kinder des Hirtenvolkes besuchen nun auch die Schulen Balankas.

Doch noch immer unterscheidet sich der Tagesablauf der Hirten von dem der Bewohner Balankas: Anstatt morgens auf das Feld oder in das Geschäft zu gehen, kümmern sich Chef Tiga und sein ältester Sohn um seine Herde mit etwa 75 Tieren. Ihre Rinder sind deutlich kleiner als die mir aus Deutschland bekannten, da sie in der mehrere Monate andauernden Trockenzeit nicht viel Nahrung finden. Mit meiner Körpergröße von 1,60 Meter überrage ich den größten Stier der Herde um einige Zentimeter.

Ein Großteil dieser Herde gehört Familien aus Balanka, die ihre Rinder den Pöhl zum Aufziehen übergeben. Als Entlohnung behalten die Hirten die Milch der Mutterkühe und jedes zweite der Kälber.

Morgens geben die Männer den Rindern traditionelle Medikamente gegen Schlangenbisse sowie Verdauungsprobleme und melken die Kühe. Dafür werden die Kälber, die über Nacht getrennt von ihren Mutterkühen angeleint waren, zunächst zum Saugen zu ihren Mütterkühen gelassen. Wenn so Milchfluss erzeugt wurde, werden die Kälber zur Seite gezerrt, während die Männer von Hand eine Schüssel vollmelken.

Dafür binden sie die Hinterbeine der Mutterkuh zusammen, damit sie beim Melken nicht ausschlägt. Danach lassen sie die Kälber wieder zu ihren Müttern zurückkehren. Wenn so alle Kühe gemolken worden sind, führen die Männer ihre Herde in der Umgebung Balankas zum Weiden. Dafür gibt es keine festgelegten Plätze, sondern die Hirten suchen unter den Gebieten ohne festen Besitzer nach geeigneten Futterplätzen. Um 17.30 Uhr kommen die Hirten wieder mit ihrer Herde nach Hause, um sie für die Nacht anzuleinen.

Während die Männer die Rinder weiden lassen, bereiten die Frauen aus der frischen Milch Käse zu. Dafür erhitzen sie zunächst die Milch in einem Kessel. Anschließend wird der Saft einer Pflanze in den Kessel gegeben, der die Milch beim weiteren Erhitzen gerinnen lässt. Nach einiger Zeit wird die geronnene Milch vom Feuer genommen und in ein Sieb geschöpft.

Dort läuft die Molke aus, sodass ein sehr weicher Käse in der ovalen Form des Siebes entsteht. Diesen verkaufen die Frauen direkt weiter, zum Beispiel an die Bevölkerung Balankas. Denn anders als in Deutschland wird der Käse nicht gereift, sondern innerhalb der nächsten Tage gekocht, eventuell frittiert und verzehrt.

Neben der Viehzucht und der damit verbundenen Käseherstellung, die sie von der Bevölkerung Balankas unterscheidet, betreiben die Pöhl auch Ackerbau mit Mais, Hirse sowie Maniok- und Yamswurzel. Zumindest Chef Tiga mietet sich dafür einen Traktor, denn durch die Viehhaltung findet er nicht genügend Zeit, die Felder von Hand zu bestellen, wie es ein großer Teil der Bauern aus Balanka macht.

An einem Morgen durfte ich eine neue Seite Balankas kennen lernen, wo ich nun schon seit fast einem Jahr lebe. Ich fand es sehr spannend, zu entdecken, wie sich die Lebensweise von so dicht nebeneinander wohnenden Menschen doch sehr unterscheiden kann. Mittlerweile verbleibt mir noch ein Monat – hoffentlich werde ich in diesem Zeitraum noch einige solcher Entdeckungen machen können.

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