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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 15:31 Uhr

Zeitzeuge berichtet vom Leben im Ghetto

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 12.Feb.2014 | 15:28 Uhr

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dem jüdischen Glauben beim Konfirmandenunterricht ist in der Kirchengemeinde Plön seit Jahren üblich. Fremdenhass, Intoleranz und der Umgang mit anderen Religionen sind aktuelle Themen, die das Interesse der Jugendlichen hervorrufen, sagte Pastor Ulrich Gradert.

Organisatorin Christiane Basel von der Kirchengemeinde Plön hatte den Zeitzeugen Anatoli Ladyschenski für die Jugendlichen gewonnen. Der gebürtige Ukrainer erzählte den etwa zehn Konfirmanden und einigen Eltern in der Kirche von Niederkleveez auf russisch von seinen Erlebnissen in einem Ghetto des deutschen Besatzungsgebietes in der Ukraine. Die Übersetzung übernahm seine Schwiegertochter Viktoria.

Im Sommer 1941 marschierten deutsche Truppen in das Dorf von Anatoli Ladyschenski ein, wo nur noch Frauen, Kinder und alte Männer lebten. Alle anderen waren im Krieg. In Myastkowka, rund 370 Kilometer von Kiew entfernt, mussten alle Juden unter Androhung der sofortigen Erschießung auf dem Dorfplatz antreten. Sie seien in ein Ghetto getrieben worden. Als Erntehelfer missbraucht sowie unter Hunger und Kälte im Winter leidend, brach aufgrund der mangelnden Hygiene Typhus aus. Viele von ihnen starben. Mütter schickten vom Ghetto aus ihre Kinder ins Dorf zurück um Lebensmittel zu erbetteln. Die Kleinen passten durch den Stacheldraht, der um das Ghetto gezogen war. Auch Anatoli Ladyschenski gehörte zu ihnen.

„Doch es gab zwischen den Unmenschen auch Menschen“, erzählte der 81-Jährige. So habe sein Vater einem deutschen Soldaten die Flucht aus der Gefangenschaft zu verdanken. Bei seiner Rückkehr zog auch der Vater Anatoli Ladyschenskis ins Ghetto. Als Schmied erhielt er dort für seine Arbeit Lebensmittel und konnte seine Familie so vor dem Hungertod retten. Das Ghetto existierte bis 1943. „Täglich hatten wir Angst erschossen zu werden“, erinnerte sich Anatoli Ladyschenski.

Seit 19 Jahren lebt er nun in Deutschland. Er folgte seinen Kindern, die einige Jahre zuvor nach Schleswig-Holstein gezogen waren. In der ehemaligen Sowjetunion herrschten Antisemitismus und Religionsverbot. „Wir wussten kaum etwas über das Judentum. Wir hatten keine Thora, und der Rabbiner war verboten“, so Viktoria Ladyschenski.

Rachegedanken habe er nicht: „Der Krieg hat viel Kummer und Leid auf beiden Seiten gebracht“. Er sei froh, in einem demokratischen Land zu leben, das dem Neonazismus den Kampf angesagt hat. Auf die Frage eines Zuhörers, ob er immer über die Geschehnisse sprechen könne, antwortete er: „Ich empfinde es als Pflicht über das, was passiert ist, zu erzählen.“ Das gebe ihm Mut, Zuversicht und Kraft.


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