Wunderwelt der kleinen Schätze

Viele Stunden Handarbeit stecken in Stefan Brandts Gemälden.
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Viele Stunden Handarbeit stecken in Stefan Brandts Gemälden.

Miniaturen-Künstler aus Norddeutschland stellten gestern in Grömitz ihre Schätze vor – darunter daumennagelgroße Torten, Mini-Gemälde und winzige Möbel. Alles handgemacht.

shz.de von
26. Juli 2015, 14:38 Uhr

Torten, die nicht dick machen, Blumen, die nicht gegossen werden müssen – eine kleine Wunderwelt öffnete sich gestern den Besuchern beim Eintritt in das Haus des Gastes. 13 Miniaturen-Künstler aus Norddeutschland stellten hier gestern ihre Schätze vor – darunter daumennagelgroße Kuchen, Mini-Gemälde und winzige Möbel.

Die meisten Miniaturen sind in stunden-, oft tage- und wochenlanger Handarbeit entstanden. Gezählt hat Kerstin Klaschus die Arbeitszeit noch nie. Bis tief in die Nacht ist die Organisatorin der Miniaturen-Börse oftmals mit dem Nachbau alltäglicher Dinge beschäftigt. „Wenn die merkwürdigen Werbespots im Fernsehen laufen, weiß ich dass es wieder sehr spät geworden ist“, scherzt die Einzelhandelskauffrau. Im Job habe sie viel Stress, das Hobby biete ihr Ausgleich.

Schon als Teenager wurde sie vom Miniaturfieber gepackt. In den 80er Jahren erfüllte sie sich schließlich einen Traum: ein Puppenhaus mit 16 Zimmern auf fünf Etagen. Für die Ausstattung sorgte sie selbst, baute kleine Möbel, formte aus Künstlermodelliermasse Alltagsgegenstände nach – denn welcher Konditor bietet schon Torten im Maßstab 1:12 an.

Die Faszination des Hobbys mache aus, dass alles aussieht „als wäre es von einem Verkleinerungsstrahl getroffen worden“, sagt die Grömitzerin.

Das könnte auch bei Stefan Brandt zutreffen, der handflächengroße Kopien berühmter Kunstwerke anfertigt – und dabei selbst kleine Unikate erschafft, wie die „Schlummernde Venus“. Das Original des italienischen Renaissance-Malers Giorgione hat der Schenefelder in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden extra für seine Mini-Kopie in Augenschein genommen. „Da habe ich erst gemerkt, auf was ich mich eingelassen habe“, sagt der Fahrstuhl-Monteur. Denn jede kleine Falte des Tuchs, auf dem die Venus liegt, musste per Präzisions-Pinsel aufgetragen auch in der fünf mal acht Zentimeter großen Verkleinerung zu sehen sein. Jedes Detail in seinen Aquarellen scheint so zu stimmen; den schmucken Rahmen gibt es gleich dazu. Eine Arbeit, die ihren Preis hat: Rund 100 Euro müsste ein Käufer für die Brandt-Venus hinblättern. Diejenigen, die sich ihre Puppenstube stilecht einrichten möchten, haben dann aber auch ein Unikat an der Mini-Wand hängen.

Zwischen winzigen gehäkelten Deckchen oder lebensecht nachgebauten Katzen und Hunden geht Susanne Becker andere Wege: Die Seevetalerin baut Dioramen – Bilder genannt – oder gleich ungewöhnliche Hingucker: So wurde ein altes Röhrenradio in eine Puppenstube verwandelt. Eine kleine Bäckerei integrierte sie in eine Teekanne. Wobei diese kein Vorleben wie das Radio hat: Wie das Interieur ist auch die äußere Hülle Marke Eigenbau – Pappmaché, Beton (für den Fuß) und echte Steinfliesen lassen die Kannen-Puppenstube zum Hingucker werden. Auch hier wurden die Arbeitsstunden nicht gezählt. „Das schöne Dekostück für die Vitrine“, so Becker, hat auch seinen Preis: 420 Euro.

Das Hobby ist aber nicht durch die Bank weg kostspielig: Vieles entstehe in Eigenarbeit, werde auf Flohmärkten entdeckt und entsprechend umgearbeitet, sagt Kerstin Klaschus, deren kleine Nachbauten von Topfpflanzen oder Aufschnittplatten gerade einmal ein paar Euro kosten. Nächstes Projekt der Grömitzerin: Für ihr großes Puppenhaus – ein nachempfundenes Lübecker Stadthaus der Gründerzeit – will sie archäologische Funde nachbauen, denn in einem Zimmer sitzt eine kleine Puppe, die aussieht, als wäre sie ein Archäologe, sagt Klaschus – und ergänzt kreativ-nachdenkllich: „Irgendwie wird man nie fertig.“

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