Sibbersdorfer See : Wo Rindermist zur Gefahr wird

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Eine Herde von 39 Robust-Rindern direkt an der Schwentine lässt den Sibbersdorfer See zu einer „Sedimentfalle“ werden

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31. Januar 2015, 04:30 Uhr

Robust-Rinder leben meistens das ganze Jahr hinweg auf Weiden in der freien Natur. Im Sommer sehen die zotteligen Tiere auf den saftig-grünen Wiesen noch ganz putzig aus. Doch im Winter wendet sich oft das Blatt: Die Grasnarbe ist zertreten, Tiere stehen über Monate oft knietief auf dem matschigen Acker in ihrem eigenen Mist.

Die Exkremente gären so vor sich hin, reichern peu à peu den Boden mit Ammonium und Kalium an. Und wenn diese Mischung ausgewaschen vom Feld in ein Gewässersystem einsickert, kommt es aufgrund des
starken Nährstoffeintrages schnell zur Überdüngung der Gewässer. Und am Ende des biologischen Prozesses ist in einem „umgekippten“ Gewässer kein Leben mehr möglich.

So ein „Schauspiel“ ist in diesen Wochen direkt am Verlauf der Schwentine kurz vor dem Einfluss in den Sibbersdorfer See vor der Möweninsel zu beobachten. Dabei laufen kostspielige Bemühungen, die Schwentine als Lebensader der Holsteinischen Schweiz mit Hilfe der EU-Wasserrahmenrichtlinie zu einem für Wirbellose und Fische sauberen und durchgängigen Gewässer zu machen.

Doch jetzt lebt direkt am Einfluss der Schwentine in den Sibbersdorfer See eine Herde von 39 Robust-Rindern unter der Regie der „Schwentine-Rind GbR“. Die Gesellschaft setzt sich aus Christoph Greifenhain, Edda Kreidelmeyer und Jürgen Stange zusammen und firmiert unter „Bioland – Rinderzucht im Einklang mit der Natur“.

Doch dieser Einklang mit der Natur ist oft nicht ganz einfach. Die Freilandhaltung von Rindern ist ein sehr komplexes System, das an die Tiere und die Umwelt angepasst werden muss und meistens nicht so nebenbei zu erledigen ist, wie es sich viele Zuchtgemeinschaften zu Beginn der Ausübung ihres Hobbys und Nebenverdienstes vielleicht vorstellen. Nach ihrem Verständnis werden die Herden zur Naturpflege eingesetzt. Aber: Auch Tiere wirken auf ihre Umwelt.

„Unserere Interessengemeinschaft ist eigentlich aus der Not der Umweltverbände her entstanden, die für ihre ,flickenteppichartigen’ kleineren Weiden keine Landwirte fanden, die diese bewirtschaften wollten“, sagte Jürgen Stange, der auch politisch für die Grünen in der Eutiner Stadtvertretung arbeitet, dem OHA. Seit fünf Jahren schon diene das 6,3 Hektar große Land am Sibbersdorfer See als Winterweide.

Doch durch den derzeit extrem nassen Winter wird die Hälfte durch große Wasserflächen bedeckt. Stange: „Das konnten wir nicht vorhersehen. Ideal ist der Zustand jetzt nicht.“ Hungern aber müssten die Tiere nicht: Den Galloways würden, je nach Bedarf und Futterlage, reine Bio-Heulageballen, das von eigenen Weiden stamme, zugefüttert.

Angesichts der zerstörten Grasnarbe will Stange im Sommer das betroffene Weidestück neu ansäen. Außerdem solle die Herde auf 30 Tiere reduziert werden. Stange kündigte als Sofortmaßnahme an, die Herde durch einen Elektrozaun provisorisch vom Sibbersdorfer See und der Schwentine fernzuhalten und einen noch breiteren Gewässerschutzstreifen zu schaffen.

Ob das noch größere Schäden abwendet, bezweifelt jedoch die Fischwirtschaftsmeisterin Sabine Schwarten. Sie bewirtschaftet den Sibbersdorfer See und klagt schon jetzt über eine Sichttiefe im Sommer von nur 25 Zentimeter und einer „grünen Brühe“ als Seewasser. „Selbst im November beobachte ich im eutrophierten See noch eine kräftige Algenblüte“, schüttelt Schwarten den Kopf.

Nährstoffe seien für einen See zwar gut – aber nicht in dieser Masse. Nur mit einer starken Entnahme von Fischen als Biomasse könne sie der Überdüngung entgegen wirken. Im Sommer sei die Bildung von Schwefelschlamm am Grund des Sees erkennbar: „Dann steigen Luftblasen empor, die wie faule Eier stinken“, berichtet Sabine Schwarten.

Das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) hat den ökologischen Zustand des Sibbersdorfer Sees erst im vergangenen Jahr mit der schlechtesten Benotung, der Note 5, eingestuft. „Es gibt Niederungsflächen, da sollten Robust-Rinder einfach nicht stehen“, meint auch Hanna Kirschnick-Schmidt, Geschäftsführerin des Wasser- und Bodenverbandes Ostholstein. Allerdings fehle es in der Region an trockenen Hochlandflächen. Das bestätigte auch Jürgen Stange: „Wir suchen schon seit drei Jahren eine vernünftige Winterweide, damit sich die Situation entspannt.“

„Die Verunreinigung durch die Ausscheidungen der Rinder schädigt die Schwentine und den Sibbersdorfer See auf vielfache Art“, sagte Diplom-Biologe und Fischereiberater des Landessportfischerverbandes Schleswig-Holstein, Martin Purps. Die Fäkalien verursachten zunächst eine Sauerstoffzehrung durch den bakteriellen Abbau der Inhaltsstoffe. Dabei würden aus den Stickstoffverbindungen die für Wasserorganismen gefährlichen Giftstoffe Ammoniak und Nitrit freigesetzt.

Partikel und Schlamm setzten sich auf die Gewässersohle der Schwentine und in das Kieslückensystem, verstopften es und erstickten dort das Leben. Besonders betroffen, so Martin Purps, seien empfindliche Insekten und Eier und Larven von Fischen.

Der Sibbersdorfer See wirke in diesem Fall wie eine große „Sedimentfalle“. Dort setzten sich eingeschwemmte Substanzen ab und bildeten eine dauerhaft nährstoffreiche Schicht, die extreme Planktonblüten und Sauerstoffmangel förderten. Purps: „Die Ausscheidungen von Rindern aus Flächen ohne Uferrandstreifen kann sich fatal auf die ökologische Qualität der verunreinigten Gewässer auswirken.“ Doch die seien auch schon ohne diese Verunreinigung zu hoch mit Nährstoffen belastet.
 

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